Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

 
1. Beilage der „Arbeiter-Iugend“ 
G. Bernard Shaw: Der Sozialismus und der Lebenslohn. 
Im „New Leader“, der Wochenſchrift der engliſchen 
Independent Labour Party, äußert ſi Bernard Shaw 
unter vorſtehender Ueberſchrift zu dem Aktionsprogramm 
der Unabhängigen Arbeiter-Partei, das uns Genoſſe 
.-Brailsford in ſeinem in voriger Nummer abgeſchloſſenen . 
Aufſaß über den Lebenslohn auseinandergeſezt hat. 
Unſere Leſer wird ſicherlich intereſſieren, was Enriglands 
berühmteſter Schriftſteller, der ſich nict nur theoretiſch 
„zum Sozialismus bekennt, ſondern allzeit auch im aktiven 
politiſchen Kampf für den Sozialismus ſeinen Mann ge 
ſtanden hat, zu dieſer Frage zu ſagen hat. - Sein Artikel 
. mag darum als Schlußwort zu den vorangegangenen Dar- 
legungen Brailsfords gelten. -- Eingangs ſeiner AuUS=- 
-. führungen bezieht ſi<h Shaw auf eine Broſchüre, die her- 
vorragende Mitglieder der“ Independent Labour Party, 
- darunter H. N, Brailsförd, Über den Lebenslohn heraus 
gegeben haben, und auf“ deren erſter Geite es heißt, daß 
die Labour Party, wie durc< ſtillſ<weigendes Ueberein= 
kommen, €-s bisher vermieden habe, zu dieſem weit- 
reichenden Vorſchlag (dem Lebenslohn) klare Stellung zu 
' nehmen. Shaw fährt dann fort: 
es dy; risSkiere eS, eine Erklärung für dieſe augenjäeinlide 
8 Unterlaſſung zu geben. Die Labour Party iſt teils eine 
gewerRſ<aftlie, teils eine ſozialiſtiſ<e Partei. Der 
Cebenslohn iſt ein gewerkſ<aftliches Prinzip. Im Sozialismus 
hat er keine Exiſtenzberehtigung, weil der Sozialismus 
 
fordert, daß wir unſer Leben von unſerem Knteil am Ein- - 
: kommen der Gejamtheit beſtreiten und nicht dur< den Der- 
kauf unſerer Arbeitskraft als einer Ware auf dem Markt der 
Cöhne. Uaturgemäß können die ſozialiſtiſchen Führer des 
Proletariats ſ<werli< etwas als Prinzip auſſtellen, was ſie 
im Drinzip abſchaffen wollen. Ihre Aufgabe in dieſer Hinſicht 
iſt 25, zuſammen mit ihren gewerkſchaftlichen Rollegen dem 
kapitaliſtiſ<em Syſtem, ſolange es dauert, einen Mindeſtpreis 
" für die Marktware Arbeit aufzuzwingen. 
Als Regel gilt: je billiger eine Ware, deſto beſſer. Aber es 
gibt AKusnahmen. Billige Arbeit, billiger S<Qnaps und billiges 
Kokain jind öffentliche Uebel. Es iſt wünſc<enswert, daß ſie 
ſo kofeſpiclg und ſo ſj<wer zu kaufen ſind wig nur irgend 
möglich, bis zu dem Tag, wo ſie überhaupt nict mehr zu 
kaufen ſind. 
Was wenige unter uns zu wiſſen ſc<einen, iſt, daß der 
Cebenslohn eine der Grundlagen des Kapitalismus bildet. Es 
iſt wahr, daß die kapitaliſtiſchen Parteien davon ſo wenig ver- 
- ſtehen wie ein Durd<ſ<nittsmatroſe von Kſtronomie und 
Mathematik, ohne die do< ſein Kapitän es nict wagen darf, 
die Rüſte aus dem Kuge zu verlieren. Uichtsdeſtoweniger iſt 
es eine Tatſache, daß der Kapitalismus, der ein ſorgſam auS- 
"gedachtes ſoziales und ökonomiſ<hes Syſtem darſtellt; auf der - 
Theorie beruht; daß, wenn das Privateigentum und die Der- 
tragsſjreiheit geſezlich geſichert ſind, die beiden oberſten Be- 
dingungen : geſellſc<haftlic<em Fortſchritts automätiſ< erfüllt 
find. Erſtens werden alle Proletarier Beſchäftigung: finden, bei 
der ſie genügend verdienen, um- ihr Leoben Zzu- friſten, “ohne 
jedom je jo viel zu verdienen, um ohne Arbeit leben zu 
können. Zweitens werden die Beſigenden ſo reiß werden, daß 
ſie, ſelbſt wenn ſie im Luxus ſc<hwelgen, do< no< viel mehr 
beſizen, als ſie ausgeben können, und den Ueberfluß infolge- 
' deſſen als induſtrielles Kapital anlegen müſſen, wenn er niht 
verkommen ſoll. Das bedeutet aber, daß ſie: ihn den -Unter- 
nehmern leihen, die damit Scharen von Arbeitern ernähren, 
und ſie Eiſenbahnen anlegen, Fabriken bauen, Utlaſchinen 
konſtruieren laſſen uſw. Als die volkswirtſ<haftlichen Theo- 
retiker die Staat5smänner Überzeugten; daß der Kapitalismus 
imſtande und willens ſei, dieſe gewaltige Aufgabe, der ſich die 
älteren Syſteme immer weniger gewachſen zeigten, zu löſen, 
war der KapitalisSmus als Regierungsprinzip akzeptiert und 
ihm freie Hand gelaſſen. Auf dieſe „freie Hand“ beriefen ſich 
eben jest ja au< die engliſchen Grubenbeſißer unter der 
Führung eines Staatsmanns, der ſi& auf den Kapitalismus 
zu verſtehen ſcheint. 
Der allgemeine Einwand der Labour Party iſt nun, daz der 
Kapitalismus die Garantie des Qebenslohns nicht erfüllt hat. 
Uic<ht für einen einzigen Tag hat er ihn je dem geſamten 
Proletariat verſ<afft. Er ſah ſich zu dem Eingeſtändnis ce- 
ZwUngen, daß er zu“ ſeinem Beſtehen einer Reſervearmeg von 
Arbeits- und Exiſtenzloſen bedarf. Wenn ihm freie Hand ge- 
laſſen wurde, vertilgte er, wie geſagt wurde, neun KArbeiter- 
generationen in einer Generation. Er produzierte unglaub- 
liche Sterblichkeitsziffern und entſezlihes Elend unter den 
Ueberlebenden. Erſt als die „freie Hand“ gefeſſelt wurde dur< 
neue Geſese, welche ſämtli?) ſ<were Derſtöße gegen dus 
kapitaliſtiſ<e Syſtem bedeuteten, wurden die ſc<limmſten 
dieſer Greuel gemildert. Die freie Hand der Beſißenden und 
Unternehmer -- genannt laissez faire*), damit das DProle- 
tariat niht merkt, worum es ſic handelt -- dieſes Drinzip 
iſt heute hoffnungslos in Derruf gebracht. 
Uichtsdeſtotroß müſſen wir den KRapitalisSmus im Gang 
halten, bis wir ihn dur< den Sozialismus erſest haben. In 
der Swiſchenzeit muß das Proletariat vom Derkauf ſeiner 
Arbeitskraft lieben, und der politiſ<e Kampf im Innern der 
Goſelljimaſt muß wüten zwiſ<en den Beſißenden und ihren 
S<maroßzern auf der einen Seite, die die Arbeit ſo billig 
wie mögli< kaufen, und der Proletariern auf der anderen 
Seite, die ſie jo teuer wie möglic< verkaufen wollen. Wenn 
der Dreis dem Feilſchen auf dem UNarkt überlaſſen wird, wird 
er bald unter das Exiſtenzminimum ſinken; deShalb müſſen 
die Droletarier, vertreten dur<> die Arbeiterpartei, auf ſeiner 
direkten und indirekten Regelung dur< das Geſes8 beſtehen. 
Wenn die JFeſtſekung des Dreiſes den Gewerkſ<aſten Überlaſſen 
wird, mag er ſic über das laß deſſen, was die Induſtrie 
tragen kann, erhöhen, ſo daß ſim die Frage aufwirft, ob nict 
die Induſtrie, wenn ſie ſozialiſiert wird, ein gut Teil mehr 
leiſten kann als jetzt in ihrem kapitaliſtiſqen Zuſtand. Und 
ſo nimmt der Streit kein Ende. Aber Streit oder nict: das 
Dolk muß ernährt werden, wenn die Uation nicht zugrunde- 
geben ſoll. 
Wir . von der Cabour Darty unterlaſſen es häufig, den 
Kapitalismus wirkungsvoll zur Rechenſchaft zu ziehen, weil 
wir uns nicht genügend klar ſind über die Derpflichtung, die 
er auf ſi; nahm, als er unſere fähigſten Staatsmänner ver- 
anlaßte, ihn zu akzeptieren. Er wurde nict um ſeiner jhönen 
Augen willen eingeführt. Er wurde eingeführt zu einer Seit, 
als die induſtrielle Revolution-und ein gewaltiges Anſ<wellen 
der Bevölkerung der- Leiſtungsfähigkeit der alten, auf dem 
Grundbeſit. und dem Handwerk beruhenden Geſellſhafts- 
ordnung in gefährlichem. Maße. über den Kopf gewachſen war 
und der Kapitalismus. es Unternahm, den neuen Uiliionen 
von Arbeitern einen Cebenslohm. ZU verichaffen, dabei aber 
*) Franzöſiſch, ſprich: läſſeh fähr, wörtlich: „laßt geſ<ehen“, d. HD. 
der Staat ſoll ſich nicht in das wirtſchaftliche Leben einmiſchen.
	        

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