Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

Rae iter Zu gend 
Ur. 8 
 
Heinrich Schulz: Zum 11. Auguſt. 
Semmad» 10€ Staatsgewalt geht vom Dolke aus.“ In dieſem 
1 H Kernſaß der Derfaſſung der jungen deutſchen Republik 
 
2% gelangt der große Wandel der Dinge, den die Staats- 
umwälzung vom UHovember 1918 herbeigeführt bai, klar und 
wuchtig zum QÄUSdrUuR. 
Die grundſtürzende Bedeuiung dieſer Derfajſungsbeſtim- 
mung wird nod) heute, obwohl faſt ein Jahrzehnt ſeit der 
Revolution dahingegangen iſt, nict von ailen richtig gac- 
würdigt. Don den einen nicht, weil ſie die Ereigniſſe ſelber 
miterlebt haben und ihnen noH zu nahe jtehen, wie man, 
dit vor einem Baus oder einer Mauer und ohne WMöglich- 
keit des Dergleihs, die Miauer oder das Baus für zu aroß 
oder zu klein hält. Don den anderen niht, weil ſie die neue 
Grdnung der Dinge bereiis als etwas Dorhandenes Por- 
gefunden Haben und in jie hineingewa<hſen ſind. Cs fehlt 
ihnen die ÜöglimMRkeit des unmittelbaren DergleicHs mit den 
früheren Zeiten. Für ſie iſt die republikaniſ<e Derfaſijung 
jo wenig ein Wunder wie etwa der Rundfunk. 
Das trifft beſonders auf die ITugendlichen von heute zu. 
Die Heutigen Jugendlichen im Klter von vierzehn und 
zwanzig Jahren befanden ji vox neun Jahren noh im 
KRindeSalter und waren außerdem von dem ſur<tbaren Ein- 
drum der KRriegserlebniſje ſeeliſc einjeitig beeinflußt. Uur 
die zahlreihen JugendliHen der Dorkriegszeit, von denen 
viele inzwiſ7en an verantwortlicher Stelle im öſfentlichon 
Leben, zum kleinen Teil no<h in der heutigen Jugend- 
bewegung ſtehen, wiſſen ein Lied von den Zuſtänden der Dor- 
kriegszeit zu ſingen und vermögen das Einſt mit dem Heute 
zu vergleichen. 
I< jelber darf mic< dem LebensSalter nal? au< zu dieſen 
Jugendlichen von geſtern nicht mehr zählen, aber im habe 
doh mit ihnen ein großes Stück meiner Arbeit zu jener Zeit 
in den Dienſt der Jugendbewegung geſtellt, und iM entſinne 
midh daher nod) jehr gut der unwürdigen Derfolgungen poli- 
zeilicher und gerichtliher Art, denen die Jugendbewegung 
damals ausSgeſeßt war. Unter meinen alten Dortrags- 
konzepten befindet ſich mandes, das jiM mit den Derfolgun- 
gen in jener Seit beſchäftigt und die Geſfentlimkeit zum 
Proteſt dagegen aufruft. Die Iugendbewegung war genötigt, 
einen großen Teil ihrer Tätigkeit auf den widerwärtigen, 
unſruhtbaren und do leider notwendigen Rampf mit den 
Behörden zu verwenden. 
x . 
„Die StaatSgewalt geht vom Dolke aus“. War das früher 
denn nimmt ſo? Uein, früher war das Dolk nicht Subjekt, 
jondern Objekt der Geſeßgebung, wie das ein rückſichtsloſer 
proeußiſ<er Iunker einmal offen im Parlament ausgeſpro<hen 
hatte. Hit das Dolk hatte dur? die von ihm erwählten 
Organe die Geſjeße zu jaſfen, die zur Aufrehterhaltung des 
ſtaatlichen Gemeinſ<aftsweſens notwendig find, ſondern dieſe 
Geſe3e wurden dem Dolke von der „Obrigkeit“ diktiert. Die 
Staatsbürger waren nidht freie, mit entjihgidenden Rechten 
ausSgeſtattete StaatsSbürger, jondern „Untertanen“, wie in 
den Jahrhunderten vorber. Rechtlich war zwar die alte 
Untertänigkeit abgeſmaufft, tatſädlis uber war fie nom vor- 
handen. LCediglim vie Jozinliſtiſhe Erbeiterbewegung 
empfand das Unwürdige ſolcher Zuſtände ſo ſtark, daß ſie das 
Polk dagegen aufrief: fort mit der Untertänigkeit, ſowohl 
aus der Geſinnung jedes einzelnen, als auß als Grundſaz 
ſtaatlicher Ordnung. Daß ſich die anderen Kreiſe des deut- 
jen Dolkes -- von jelbſtperſtändiliHen AusSnahmen abac- 
jehen -- nicht dagegen auflehnten, ſondern ſiM in der über- 
lieferten Untertänigkeit eher noM wohlfühlten, dafür hat 
erſt in unſeren Tagen, neun Iahre na< der StaatsSumwäölzung 
und a<ßt Jahre na< dem Beſtehen der republikaniſchen Wei- 
marer Derfaſſung, die geradezu ungeheuerliche Grote5Ske des 
jalſ<men Bohenzollernprinzen Domela einen unzweideutigen 
Beweis geliefert. 
Gewiß jpra?“ au< die frühere Derfaſſung dem Staats- 
bürger einige Redte zu. Der deutſ<he Mann im Klter von 
mehr als fünfundzwanzig Iahren konnte ſogar zum ReidS- 
iag wählen. In einer beſtimmt abgegrenzten Zahl von 
Woden vor dem Wahltag waren ſogar die ſonſtigen lä<her- 
timen Beſtimmungen über Anmeldung und Ueberwachung 
von Derſammlungen dur Dolizeibeamte etwas gemildert. 
Es gelang der Sozialdemokratie au<, treß der zwölfjährigen 
Bedrükung dur< das Sozianliſtengeſeß, von Wahl zu Wahl 
mehr Dertreter in den Reihstag zu entſenden; die Wahl- 
agitation und die Reden im Reichstag trugen weſentlim zur 
politiſ<en Aufklärung des deutſhen VDolkes, beſonders 
ſeiner arbeitenden Schidten, bei. Der ReihsSiag hatte jogar 
das Bewilligungsre<ßt. Aber abgeſehen davon, daß es bei 
einem ungeſtörten Fortgang der damaligen Derhältniſje n0M 
auf Jahrzehnte hinaus nict möglich gewefen wäre. eine 
ſozialiſtiſmMe Vlehrheit im Reihstag zu j<affen, war der 
Reihstag au ſtaatSreHtli an die Ketie des alten BundeS- 
rats gelegt, der wiederum unter dem beherrſchenden Einfluß 
. Preußens ſtand. In Preußen aber, demſelben Lande, das ſeit 
der Ulovemberrevolution 1918 das ftärkſie Boliwerk gegen 
reaktionäre Anſchläge geweſen iſt, dem das republikaniſche 
deutſhe ReiM von heute zu größtem Dank verpflichtet iſt, 
herrſchte damals mit abſoluter Machtvollkommenheit brutal 
und rückſicht5los die junkerlihe Herrenkaſte mit ihrem 
WMonar<en an der Spitze, abſolut in dex Regierung und 
ihrer weitverzweigten Bureaukratie, abſolut auc<h im Drei- 
klaſſenlandtag und dem Berrenhaus, beüde unſeligen An- 
gedenkens. 
Wir Sozialdemokraten Haben damals aus leidenſc<haftlichor 
Ciebe zum Ideal des Sozialismus und der Dolksſouveränität 
gegen die ſ<ier unbeweglichen Vlächte der alten Zeit ge- 
kämpft. Als Cohn für die unzähligen Ilühen und Opfer, die 
dieſer Kampf mit ſich brachte, winkten uns nur kleine be- 
ſ<heidene Fortſchritte, immer neuen Kampfesmut gab uns 
lediglic< die Zoffnung auf den dereinſtigen Sieg, aber erſt in 
einer Zukunft, die mitzuerleben wir alie nic<t mehr Hoffen 
durften. ES mag für die junge Generation von heute allzu 
beſcheiden und faſt kleinmütig erſ<einen, wenn ſelbſt wir 
Jüngeren von damals das gelobte Tand einer demokratiſchen 
und ſozialiſtiſc<en Zukunft nie zu ſehen für mögli< hielten 
und uns eine republikaniſ<e Derfaſjung des deutſchen 
Reidhes, die Beſeitigung des ganzen aufgedonnerten DPlunders 
des Wlonar<entums, die Aufrichtung des DolkSwillens als 
des oberſten Geſees faſt als Utopien erſ<ien, ſj<ön und 
ſtrahlend zwar, ſo daß man ſeine beſten Cebenskräfte daran- 
ſezte, aber do<& ohne an ihre Derwirklichung ernſthaft zu 
glauben. ES zeugt von der hinreißenden Kraft des ſozia- 
liſtiſc<en Gedankens, wenn die Arbeitergenerationen vor dem 
Krieg troßdem mit ſol<er unermüdlichen Liebe und Ent- 
ſc<hloſſenheit für ihre Ideale kämpften. 
>k 
„Die Staantsgewait geht vom Dolke aus.“ Die elementare 
Gewalt dex XHiovemberrevolution hat die Baſalte der Der- 
gangenheit, die hemmend im Wege lagen, beiſeite geſchleudert. 
Es iſt lebensSvolle, blutwarme Wirklichkeit geworden, was 
nod) vor zwanzig Iahren ein unerfüllbarer Traum ſien. 
Deutſ<hland iſt eine Republik. Leider no<M niht eine einzige 
und unteilbare! Ceider innerlich nom aufgeteilt in Einzel- 
republiken. Kber in ſämtlichen Tändern und für das ganze 
des Deutſchen Reiches gilt das Grundgeſes des deutſchen 
Dolkes: die Weimarer Derfaſſung! ES gibt keine Obrigkeit 
mehr, es gibt nur noh Regierungen, die das Dertrauen des 
Dolkes haben oder die zurücktreten müſſen, wenn ihnen das 
Dolik jein Dertrauen entzieht. Es gibt keine Unfreiheit mehr, 
cs gibt kein Unreht mehr, es gibt kein frevles Spiel mehr 
mit dem armen Hilfloſen Dolk, es gibt ----! ES gäbe das 

	        

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