Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

Nr. 8 
alles doh no<, höre iM mir entrüſtet entgegenrujfen, troß 
der Weimarer Derfaſſung, und ſie wäre was Rechtes! 
Dun wohl, die Weimarer Derfaſſung iſt |<hon etwas Redtes? 
Sie iſt ein Staatsprogramm mit unabſehbaren Weiten, jie 
iſt die freieſte Derfaſſung, die es auf der Welt gibt, jie bietet 
die gewaltigen Vlaße, na< denen ein Dom des Dolkes, wie 
ihn eine kühne Phantaſie nur immer erſinnen kann, zu er- 
bauen it. | oo | 
Und do<h iſt es leider au<€ ri<tig: es gibt noMm Unredt, 
es gibt no) Unfreiheit, es gibt no< ein ho<mütiges, frevies 
Spiel mit den elementarſten Intereſſen des Dolkes, es gibt 
noh Derlängerung der Ärbeitszeit, es gibt noMH Derringerung 
ter Löhne, es gibt noH Derteuerung der LebenShaltung! 
Aber an allem iſt ni<t die Weimarer Derfaſſung ſ<uld, 
ſondern einzig und allein das deutſche Dolk, das von den ihm 
in die Band gelegten Rechte bis heute noh leider keinen 
rehten Gebrauch zu machen gewußt hat. Ua<h der Weimarer 
Derfaſſung bat das Dolk das Parlament, das es verdient! 
Und mit dem Parlament die Regierung, die gs verdient! 
Und mit beiden die Geſeße, die es verdient! Das deutſ<2 
Dolk braucht ſi nimt von deutſ<Gnationalen Konjunktur- 
Arbeiter-JIJugend 873 
republikanern an der Haſe herumführen laſſen, wenn 25 nicht 
will, es kann die volkstümliche Regierung haben, die allein 
unſerer Zeit und unferer Derfajjung gemäß iſt, wenn es will! 
Würden dod) endlim alle Mühſeligen und Beladenen, und 
. das jind neun Sehntel des deutſmen DolRkes, zur ridhtigern - 
Erkenntnis ihrer Lage und zur EinſiGt in die einzig2n 
Mittel der Hilfe kommen! Würde das deutſ<e Dolk dod) end- 
lim die Rechte, die 2s bereits hat, in feinem Intereſſe und 
nicht im Interejje der bevorreGteten Klaſſen von einſt an- 
wenden! Würde es do) endliM mit den äußeren Formen aud 
dis innere Uniertänigkeit abſqqütteln? 
Auf die deutiche Iugend muß man ſchauen, wenn mai 
jiM eine Erfüllung diejer Hoffnungen vorſtellen will. In den 
Händen der deutſ<en Iugend liegt das Sdhimſal des deut- 
iMen DolRkes. In der Seutichen Jugend wi2derum aber bild2t: 
die Arbeiterjugend den fFeiten Kern, die entſi&Gloſien2 
Garde, die das rimiig? iel in der Ferne leuchten ſieht und 
die die Weges zu vieſem Ziegl kenni und geht. Bekenne diz) 
zur Weimarer Derfajſſung deuiſHe Arbeiterjugend, geſtalt2 
das Dapier, auf dem die Rechts des Dolkes verzeichnet find, 
zur lebendigen, glückbringenden Wirkli<Okzit! 
Wilhelm Sollmann: Reichstag und Derfaſſungstag. 
-. gm 9. Juli hat die große Sommerpauſe des Reicstags 
Yübegonnen. Ende September wird er wieder zujammen- 
S-Etreien, um dus Reimsſ<Hulgeſeß zu beraten. 
Wenn die Regierung des Bürgerbloks auf das erjie halbe 
Jahr ihrer Arbeit zurüäßblikt, mag ſie viellei<t zuſri2den 
ſein; wir ſind es ni<t. Außenpolitiſ< iſt alles ins 
Stoßen geraten, ſeitdem die ReichSregierung mit Deutſ<- 
nstionalen belaſtet iſt. Innenpolitiſd iſt der Rehts- 
- kurs an einem verſtärkten Anziehen der Zollſmranke zu 
ſpüren. Die Dreiſe ſieigen; die Löhne bleiben ſtabil oder 
können in heftigem Ringen nur um wenige Hundertteile er- 
höht werden. Dagegen ſind die Mietpreiſe hinaufgeſezt worden 
und erhalten im Oktober einen weiteren Zuſc<lag. = Ent- 
täuſ<t ſind die Beamten, denan man Gehaltserhöhungen 
einſtweilen nur verſprohßen hat; enttäuſ<t ſind die Kriegs- 
opfer, denen man au<h ein Derſpredjen gegeben Hat, deſſen 
Erfüllung aber no<h hinter dem für die Beamten ſteht; eni- 
täuſ<t ſind die Sparer, die beſtimmt "/s ihrer Erſparniſie 
verlieren. Erfreut ſind aber die ehemaligen Fürſten und 
StändeSherren, deren Anſprüche und Prozeſſe an deutſ<he 
Freiſtaaten na< dem Willen des Bürgerbloms und ſeiner 
Regierung nit einmal dur) Derlängerung des Sperrgeje325 
um ſe<hs Monate aufgehalten werden dürfen. Wie reht hati? 
doG der „Genig“ Friedrich Auguſt von Sachſen, der Exkönig 
natürlich, als er ſein Urteil über- eine gewiſſe Art Unter- 
tanen im neuen Deutſchland in die tiefſinnigen Worte zu- 
ſammenfaßte: „Ihr ſeid mer ſcheene Rebubliganer!“ 
Oh, dieſe deutſchen „Republikaner“! Redhts von den Demo- 
kraten kann man ſie nur noh in Gänſefüß<hen ſegen. Das 
Zentrum hat zwar einige Kampfrepublikaner in ſeinen 
Reihen, die meiſten aber gewöhnen ſiQ alimählih erſt an den 
berühmten Boden der Tatſachen und ſtolpern alle paar 
Augenblike über monardiſtiſqes Gerümpel, das da nod 
herumliegt, ſtatt es auf den WMüllhaufen der Geſ<i<te zu 
werfen. Die Deutſ<e DolkSpartei Streſemanns hat 
die Liebe zur Monar<ie no<m immer im Programm ſtehen, 
findet aber au< republikaniſ<e Uliniſterſize ganz brauchbar, 
wenn die Geſchäfte leidlich gehen. Tur der ſ<hwarzrotgoldene 
Wimpel ſchämt ſich ein wenig. Die Deutſ<nationalen 
endlich lernen allmählich, daß au< in der Republik hohe 
Zölle bewilligt werden, aber ſie halten es mit Re<t für 
lohnender, Studienräte, RaufmannsSgehilfen und j«Gwar3- 
weißrot bebänderte Iungfrauen für Thron und Altar ſ<Qwär- 
men zu laſſen, ſtatt ihnen die grauſame Wahrheit über 
politiſche Handelsgeſ<häfte mit Fürſtenmillionen und Kar- 
toffelzöllen zu ſagen. | 
- Einer ſol<en Reichstagsmehrheit präſentierten Sozial- 
demo8kraten und Demokraten den Antrag, nun endli< den 
Geburtstag der republikaniſchen ReichsSverfaſſung, den 
11. Auguſt, zum Uationalfeiertag des deutſchen 
Dolkes zu erklären. Wir wollten alſo einen richtigen Jeſt- 
tag: ſ<Hulfrei, Täden und Burenus geſ<loſjen, die Fabriken 
 
jtill, Glo>engeläute, S<Hwarzrotgold überall, die Kinder auf 
den Straßen, die Higniſen im Marſ<, das Dolk zu Spizl und 
Feſt und Tanz unter freiem Himmel und über allem der G2- 
danke und der Ruf: eS lebe dig Republik! 
Ia, da lernte man wieder einmal ſeing Republikaner 
kennen! Die Deutſhnationalen ſagien: Uein! Sie und die 
meiſten Dolksparteiler wollen dur<Qaus den 18. Januar, als 
den Gründungstag des Kaiſerreic<s feiern. Boi ſibiriſcher 
Räülte einen Lationalfsiertag! Uur ſehr öftlide Gehirn? 
Rönnen auf dieſen Gedanken kommen. Ui einmal das 
KaiſerreiQ? hat den 18. Januar zum Iationaltag erwählt. 
Jett ſoll die Republik den Hohenzollerntag feiern. Unmdög- 
lide Zumutung! Etliche DolkSparteiler und das Zentrum 
haben ſich immerhin zu einer Feier ſo um don 11. Auguſt 
herum dur<gerungen. Uur meinte das ſorgſame Sentrum, 
der Sonntag nah dem 11. Auaquſt genüge? auc. Mitten - 
in die Ernte dürfe man keinen neuen Feiertag legen. Bet 
kirmli<men Jeſten hat man ſolde Rückfic: nig vpornommen. 
Da kam den Republikanern im ReiMStagdr ReiMS- 
r at, die Luändervertretung, unter Preußens republikanijaer 
Regierung zu Hilfe. Er ſpra< jim mit 42 gegen 25 Stimmen 
für den 11]. Auguſt als Uationalfoiertag aus. Wie wiedCr- 
holt ſj&on im Laufe der letzten FMonate ſtellte ſiM das 
preußiſche Zentrum gegen das an die Deutſänationalen age- 
bundene Zentrum im Reiche. 
Die teils antirepublikaniſc<c6, teils republikaniſ&> laus2 
Mehrheit im Reichstage hielt aber an ihrem Willen gegen 
den Feiertag der Republik feſt. Der RehtSsausſHguß, dem der 
ſozialdemokratiſhe Antrog üÜberwieſen iſt, beſchloß gaegen 
Sozialdemokraten und Demokraten, diejen Antrag vor der 
Dertagung nid)i mehr in die Dollverfammlung des ReiGstags 
zu bringen. Die Entſ<eidung iſt alſo vorjoben. Richtiger. 
man weiß jeßt, daß dieſer Rei<Hstag Reinen republikani- 
ſjhen Unationaltag I<Gaſfen wird. 
Die Deutſ<nationalen haben noh einen Derlegenheitsvor- 
ſ<lag gemacht: man ſolle den kommenden Tag der Befreiung 
des beſeßzten Gebietes feiern. Beſmeidene Uationale! Wenn 
fünfzehn Jahre na<H dem Friedensdiktat von Derſailles end- 
lic) die lezten fremden Soldaten aus eingzm Gebiet abrümen, 
auf dem auch dann nod) die deutſche Souveränität beſchrunkt 
bleibt, ſollen wir jahrzehntelang um diejes Tages wille3 
Freudenfeſte feiern! Und Danzig? Und Plemel? Und der 
Korridor? Und das Elſaß? A<, unſere Uationaien ſcheinen 
ſie innerlich abgeſchrieben zu haben. 
Wir wollen keinen HÜUationaliag, der an 
Krieg gemahnt! Gerade die Jugend, das kommende 
Geſ<leht, will den Feiertag der Uation Zukünftigem geweiht 
wiſſen. Der 11. Auguſt iſt für das deutſche DolR ein AK n- 
fang. Jahr für Jahr foll er die deutſchen Republikaner 
und dur< ſie alle Deutſchen daran mahnen, daß erſt nom zu 
erringen iſt, was die Derfaſſung verheißt: Freiheit und 
Arbeit und Schönheit und Cand für alle Bürger der Republik.
	        

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