Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

Pracht. 
x 
Ur. 2 > 
EE IR 
27 
 
Jugend-Silveſter auf Hohnſtein. 
Don Karl Ullrich. 
eute abend Silveſtzrwanderung in die Heide!“ -- Einige 
Jahre vor dem Krieg war es, als uns vein Jugend- 
beirat heimli< den Dorſhlag madte. Er ſ<lug ein. 
57 offiziell in der Jugendveranſtaltung bekanntzugeben, 
jIaeuten wir uns. TS erſ<ien zu gewagt. ÜUÜur einige 
Dertraute wurden benachrichtigt. Dünktlih warteten ſie 
alle, Jungen wie Mädel, am feſtgejeßten Treffpunkt. 
ES war eine tiefe, ſtille Uancht, in die wir einwandorten. 
Dom frühen Vlorgen an hatte es ununterbro<hen geſ<neit. 
Der große Heidewald ſtand in bezaubernder winterlicher 
SZiellos, dem weißen Schweigen hingegeben, ſtapften 
wir die Schneiſen und Wege Kreuz und quer. Wenige UHli- 
nuten vor Mitternacht ſtanden wir auf dem Wolfshügel- 
:urme. Auge und Ohr der noF4 ſtumm in der Dunkelheit 
ſiegenden Rieſenſtadt zugewandt. Bald ſ<wang wei<klingend 
der erſte Glo>kenſhlag von der Stadt Her über die Wipfel, 
und ihm na<h frohlo>te in bunter melodiſcher Fülle jeier- 
lichſte Silveſtermuſik der Geläute. 
: Mit empfänglicem Gemüt lauſchten wir dem Konzert 
in den Lüften. Ein vrſtes Pal fühlten wir. uns. dur< 
Stunde und Ort wirklich herausgehoben aus dem Klltag. 
Els wir dann dur< den klingenden Wald zurückwanderten 
nah der Stadt, trugen wir ein eigenes Selbſterlebnis heim. 
Aus der kleinen, ſtillen Waldfeier hat ji) mit den Jahren 
ein lebendiger Feſtbrauch entwickelt. Uicht immer in gleichen 
Formen, aber immer aus gleichem eigenwilligen Geiſte ge- 
ſtaltet jeitdem die DreSdner Arbeiterjugend ihre Jahres- 
wends. . Dieſes Ylal jfollte das Iahr in Hohnſtein ver- 
abſdjiedet werden. Uatürli< Hatte man: ſiM Sdnee zur 
Feier gewünſ<t. Aber ſtatt eines verheißungsvollen SYneg- 
himmels drückte griesgrämig arauer Regenhimmel das Ge- 
birge, und Hohnſtein ſelbſt ſtand unfreundlich und Tote 
wenig. 
Darum die trübe Stimmung unter den erſten, ſhon am 
frühen Silveſternachmittag gintreffenden Jugendtrupps. Doch 
mit jeder neuen S<Har, die angewandert kommt, wärmt ſim - 
das Leben an, füllt Klang und La<en die Säle und Zimmer. 
Als ſpät in der Haht. die leßten Ueujahrsfahrer in die Burg. 
einkehren, ' empfängt fie ein fröhli<mes Haus. 
: „Reinkommen oder draußenbleiben!“ -- 
An. jeder Tür empfängt der gleiche: energiſche Zuruf don 
zögernd Eintretenden. Und. man tritt gern ein. In jeden 
Saal, in. jedes Zimmer, denn überall herrſ<Ht Fröhlichkeit. 
Gemütliches, programmfreies Treiben im. ſchönen Meißner 
Zimmer, das vom Chriſtbaumduüft - wohlig dur<zogen iſt, 
und noh: in manchem kleinen Schlafraum, deren anfänglide 
Uüternheit ſich unter den - 'ſMmückenden Bänden „einiger 
Mädchen raſ< zur Heimlichkeit “gewandelt Hat. - 
- Offizielle, - deswegen aber niht - minder gemütliche -Feſtli<- 
keit. entwickelt ſi; in den. großen Räumen. Im GewerRk- 
jIhaftsjaal: gibt es eine „lüſtige Stunde“. : Am Fenſter ho>kt 
ein Dorleſer, und dictgedrängt um ihn. fißen. ſeine Lauſcher, 
die feine Schnurren, Shwänke und Fabeln belachen oder ſich 
über die ſchlechte Auswahl ausſ<weigen: 
. Ganz andere Stimmung lebt in dem Lauſitzer Zimmer. 
Bier ſteht der Chorleiter Arnold und bemüht ſich, unbe- 
kümmert um die vorgerückte Stunde, den zufällig vor ſeine 
Geige gelaufenen Iugendlichen die Schönheit eines muſiRg- 
liſchen Themas verſtändlid zu mac<hen. Erſt nachdem ihm 
: dies. einigermaßen - gelungen ſ<Geint, kehrt er ſieh zu ſeinem 
"Chor. und -läßt Lied .um Tied auſſteigen. 
Im großen Saale 
ſpielt ſich die Muſikantengilde aus dem. alten Jahr heraus. 
' Bis an den Rand wie mit jſ<warzer Tuſche ausgsfüllt, 
windet jim das Polenztal um die erleuchtete Burg. Uur ver- 
einzelt blinken weiße Lichter aus der ſtumpfen Tiefe. Lang- 
jam zittern ſie zur Höhe empor -- verſpätete Wanderer ſind es. 
Da auf einmal lautes Getrampel“ auf der Steintreppe, 
die zum Burggarten hinabführt. Die Jugend ſammelt ſich 
zur Wendofeier. S<on lohen erſte Flammen aus dem am 
Fuß. der Burg aufgeſchi<beten Sd<eiterhaufen. Rotgoldener 
JFunkenwirbel ſteigt und. ſchwingt. ſich im Winde in die Le8-. 
röteten Baumkronen, über jie hinweg, und erliſ<t im leichten 
Fluge. Ueberglüht von den Flammen ſteht die Iugend in 
- weitem, dichtem Ring um -das Feuer. Geſfang. und Worte, von 
| jugendechtem Pathos erfüllt, dur<dringen die Uagt. 
Un- 
ein kleines Bureauzimmer 
= heſiegbarer Glaube an eine helle Zukunft ruft Boffnung 
weckende, Erfüllung kündende Derſe in das UeujahrSgloRen- 
geläute. Ueber allen Zweifel hinweg ſ<wingt ſi< im Liede 
Bekenntnis und Gelöbnis: Der Wienſch iſt gut! 
Langſam brennt das Feuer nieder. Ulutige Burſchen treten 
aus dem Ringe und ſpringen über die Flammen, bald auch 
beherzte Mädel. Wlandmal ſtößt der Fuß an ein glühend2s 
Seit, dann ſprüht ein breiter Sternenrauſd) über die Köpfe. 
Den Jeueralanz no<& im Auge, im Blute das beglückend2 
Fieber, das jedes den Alltag überſteigernde Gemeinſc<hafts- 
gefühl erweckt, ſcheidet einer naM dem andern aus dem 
Rreiſe, um ſein CTager aufzuſuchen, und bald verſinkt die 
Burg in die ſ<H<warze Uaht der erſten UeujahrsSſtundeon. 
Friedlictes Lagerleben am YWiorgen. -- Da iſt nichts von 
Katerſtimmung zu ſpüren, mag für dieſen oder jenen die 
Uacht au< kurz geweſen ſein. Für viele heißt es jezt Ab- 
ſ<ied nehmen, viele freilim? bleiben aun no<Mm. Am Sonntag- 
morgen erſt rüc>en die letzten ab. Konrad, der unermüdliche 
Burgwart, und ſeine Gehilfen in Rüche und Kanzlei atmen 
auf. Die Sdheuerfrauen aber gehen tüchtig ans Werk, 
ſhruppen und ſpülen, denn über neunhundert Daar Schuhe 
haben mandjen Erdenreſt zurüggelaſſen. 
In der Derbandszentrale. 
WB 0r Hauptvorſtand des Derbandes hat beſc<loſſen .. 
B; 8 So oder ähnli? wird in den Zeitſh<riften unſeres 
Derbandes von Zeit zu Zeit über die Tätigkeit des 
4 
 
Derbandsvorſtands berichtet, und meiſtens begnügen ſich dieſe 
offiziellen Mitteilungen mit Knappen Formulierungen über 
Dorſc<hläge und Beſchlüſſe, die eine Sigung des Hauptvorſtandes 
behandelt hat. Mand einer wird ſim beim Leſen ſolcher 
Uotizen ſ<on geſagt haben: Iſt das alles? Was tut die 
Gejellſchaft da „oben“ eigentlich in der langen Zeit zwiſchen 
den Sigungen? Und er hat re<t mit dieſer Ucberlegung. 
Die Hauptvorſtandsſizungen ſind tatſä<lic< nur das Gerippe 
der eigentlichen Arbeit der Derbandszentrale. Der Baupt- 
vorſtand tritt in der Regel nur alle ſeH5 oder aM Wochen 
zu einer Sizung zuſammen, beſchäftigt ſi in man<mal ſehr 
auSgedehnten Beratungen mit dem ganzen Aufgabengebiet 
unſerer Arbeit, legt die nächſten Aufgaben in ihren Grund- 
zügen feſt, und wenn dann die Mitglieder des DerbandsS- 
vorſtandes mit dem ſtolzen Bewußtſein, ihre Pflicht getan 
zu haben, wieder zurückkehren ins Rei? zu ihrer Arbeit, 
dnn boginnt erſt dis vigentlic<he Arbeit, die von der Geoſ<mäfts- 
jührung zu erledigen iſt und über die in der nächſten Sizung 
Beridt erſtattet worden muß. 
- Heute verfügt „unſer Derband über eine gut ausgebaute 
Geſchäftsſtelle, die allen Anforderungen gerecht werden kann. 
Ihr bekommt eine kleine Dorſtellung dur< die Abbildungen 
gines Teils unſerer Bureauräume in dieſer Uummer. Das war 
aber niht immer ſo. Als der Derband im Frühjahr 1919 ſich 
. Konſtituiert hatte und der Genoſſe Albre<t als Geſ<äfts- 
führer gewählt worden war, ſtellte ihm der Parteivorſtand 
ZUr Derfügung, jebte einen 
Schreibtiſch hinein, legte darauf ein Aktenbündel der „Zen- 
tralſtelle für die arbeitende Iugend Deutſc<lands“, ſezte den 
Genoſſen Albre<t vor dieſen Tiſcm und bedeutete ihm, daß 
er nun loslegen könne. In einem anderen Raum des langen 
Korridors ſaß der Genoſſe Korn mit der Redaktion der 
„Arbeiter-Jugend“. Die beiden überlegten nun, wie ſie den 
„Laden ſ<hmeißen“ Könnten. 
Uun, die Sache hat geklappt; denn es war ja mehr da 
als nur dieſes kleine Bureau und der gute Wille der beiden 
einzigen beſoldeten Kräfte des Derbandes, im Reiche lebte 
der Wille der ITJugend zur Mitarbeit, die Bewegung 
blühte auf und bald marſc<ierten 60 000, 80 000, 100 000 und 
mehr in Reih und Glied. Wenn ſim heute, na; knapp ad<t 
Jahren, unſere Derbandszentrale ſo ſtattlich präſentiert, dann 
iſt das nur eines der Zeichen für die innere Stärke und 
Geſundheit der Bewegung; denn ſelbſt der Mitgliederrükgang 
der Inflations- und Stabiliſierungszeit hat dieſe Einrichtung 
' des Derbandes nicht gefährden können,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.