Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

| Die letzte Stunde. 
- Don Yaffle. 
Lia<ſtehend geben wir unſeren Leſern eine 
PDrob2 engliſ<en Zumors. Der Derſfaſſjer ver- 
öffentlich jede Woche im „ÜUew Leader“, der 
Wodenſhrift der Unabhängigen Arbeiterpartei, 
eine ſolc<e Plauderei, die von Flambo ebenſo 
ergößli? bebildert wird. 
ZS erade habe ic vine rührende Geſ<i<hte geleſen. . I< 
Z 35 D will ſie euch erzählen, ſeht eueh um mic< herum. 
D3E/ Die Geſchichte heißt: Die lezte Tektion, und iſt von 
ns Daudet geſ<rieben, vinem Franzoſen. Aber dafür kann 
er NTcHtS. 
Es iſt eine traurige Geſchichte über einen Sc<ullehror im 
Elſaß, und ſie ſpielt unmittelbar nah dem franzöſiſch-preußi- 
ſ<en Krieg im Ighre 1871, als Elſaß und Lothringen dur< 
di? Deutſchen annektiert wurden als Belohnung, die ſich die 
Sieger zuerkannten, weil ſie die Steger waren. Und hier 
möchte iG; die Bemerkung einſ<halten, daß ihr, wenn ihr 
irgend etwas klauen wollt, re<t was Großes klaut, zum 
Beiſpiel ein Land, ſonſt werdet ihr wegen Diebſtahls ein- 
loht. - | 
3 was ih ſagen wollte, dieſer Schulmeiſter ſtand im 
Begriff, einigen Iungen vine franzöſiſ<e Unterrichtsſtunde zu 
geben. Der Krieg war damals noh eine altmodiſche SadHe, 
denn als er vorbei war, waren no<h einige alte Männer und 
einige kleine Iungen übriggeblieben. Der Cehrer kam alſc 
herein und ſogte zu ſeiner Klaſſe: „Kinder, dies iſt die leßte 
franzöſiſ<2? Stunde, die im eu< gebe, Don Berlin iſt die 
Order gekommen, daß in den Schulen von Elſaß-Lothringen 
nur mehr Deutſch gelehrt werden dürfe.“ Dann fuhr er fort 
und ſagte, daß Franzöſiſch die ſchönſte Sprache in der Welt jei 
(offenbar eine uncenaue Feſtſtellung), und daß ſie das nie- 
mals vergeſſen ſollten, obwohl ſie morgen Deutſ<e jein 
würden. Hierauf ſ<rieb er auf die Tafel: „Es lebe Frank- 
reich!“ Da ihn die Rührung übermannte, ſc<hickte er die Rlajſe 
nah Bauſe. Dann, um der Geſchichte den nötigen dramatäic<hen 
 
 
 
.„.. die Sache vom Standpunkt der Jungen... 
Sdlu3z zu geben, hörte man in der Ferne den Lärm von deut- 
ſchen Signalhörnern. . 
Wie geſagt, es. iſt eine traurige Geſchichte, obwohl wir ihre 
Traurigkeit au<ß nicht überſhäßen wollen, wenn wir die Sache 
vom Standpunkt der Iungen betrachten. Es gab immer einige 
Knaben in dor Klaſſe, die Franzöſiſm nicht mochten und Über 
die lezte Stunde froh waren * 
Für meinen Geſ<mag> äſt die lezte Unterri<tsſjtunde in 
jedem Fam ein Gegenſtand der Freude. Wenn mir jemand, als 
iQ ein Sqhuljunge war, geſagt hätte, daß irgendeine Stunde 
die lets ſei, würd2 iQ ihm mein Taſchengeld gegeben haben, 
weil zu meiner Zeit (in d2n ſiebziger Iahren) der einzige 
offen zugeſtanden2 Sinn und Zweik jeder Schulſtunde der war, 
daß ſie die S<hüler ſchauderhaft langweilte, obwohl im zugebe, 
daß FranzöſiſM weniger widerwürtig war, da es eine Ge- 
legenheit gab, ſonderbare Geräuſ<e horvorzubringen. In- 
deſſen, die loeztos franzöſiſ<e Unterric<tsſtunde war alſo da, und 
am folgenden Tage wurden die Schüler automatiſ< Deutſche, 
und Franzöſiſ; war verboten in den Shulen. 
Als i<m die Geſ<i<te ausgeleſen hatte, verfiel iG ins 
Träumen. Es iſt ein I3roßartiger Anblick, mi<? träumen zu 
jehen. Ihr kennt die Status Rodins, „Der Denker“*) Uun, 
genau ſo ſehs im aus, nur daß ich einen arauen Anzug an- 
habe. Und wie ſo meine Phantaſie ſ<weifte und unbekannte 
 
: *) Yaffle ſpielt hier auf die berühmte Statue des franzöſiſchen Bild- 
hauers Rodin an. Der Denker iſt eine nackte Geſtalt, die in ttefes. 
Sinnen verſunken, mit aufgeſtüßtem Kinn auf einem Felshlo> ſitt. 
Arbeiter-JIJugend 
Ur. 12 
Dinge geſtaltete, dünkte es mi<h, ic ſähe einen von diejen 
Knaben im Wiannesalter, und er wäre, nachdem er dur< 
irgendein Wunder [lebendig aus dem Weltkrieg heraus- 
gekommen, jezt Schulmeiſter än derſelben Elſaſſer Schuls. 
Doutlich hörte iG; ihn mit trauriger Stimme ſagen: „Kinder, 
divs iſt die leßte deutſ<s Stunde, die ic) eu< gebs. Vlorgen 
ſeid ihr Franzoſen.“ Und er ſ<rieb auf die Tafel: „Deutſch- 
land über alles!“ Es war ſehr traurig, und die Szene ſchloß 
poſſenderweiſe mit einem entfernten Lärm, der von ſran- 
zöſiſ<en Hörnern herrührte. | | 
Dies gefiel mir ganz und gar nicht und ſo ſchaute im? na, 
ob das Ulittageſſen fertig ſei. Aber nein, die Kartoffeln waren 
noFg niht gar. So blieb mir nichts übrig, als weiter zu 
träumen. - 
Diesmal ſah i< dieſelbe S<hule im Elſaß, aber in weit 
zUurückliegender Zeit, im Iahre 1684. und wieder war da vin 
 
 
Es iſt ein großartiger Anblick, mich träumen zu ſehen. 
Schulmeiſter, der zu einigen Knaben ſagte: „TIungens, dies iſt 
die loßte deutſche Stunde, die im; eu<h gebe, denn morgen feid 
ihr Franzoſen, und iQ werde zuſammen mit vueren Däter 
wahrſcheinlich von Tudwig XIV. gehängt werden.“ ' 
Dann machte meine Phantaſie einen weiteren Schritt na< 
rückwärts bis zum Jahre 1550, und ich hörte einen Sdhul- 
meiſter ſagen: „Dies iſt die leßtg Stunde, die ich eu? gebe, 
denn morgen werdet ihr Proteſtanten ſein, und i<Q werde 
gehängt werden, weil im im Bauernkrieg auf der verkehrten 
Seite war.“ Und in der Ferne hörts man Cärm, der von 
Cuther herrührte. Und dann- ging es im Galopp rüRwärts 
bis 870, und dor Schulmeiſter ſagte: „Dies iſt die lette fräun- 
Riſche Cektion, die ich eu<h gebe, denn morgen ſeid ihr Ger- 
manen.“ Und im Iahre 550 ſtand wieder ein S<hulmeiſtor auf 
dem Katheder und ſagte: „Auf Wiederſehen, ihr Jungen, 
morgen werdet ihr Franken ſein.“ Und Anno 340 ſagte er: 
„Beil, ihr Knaben, dies iſt die le8to Stunde in Latein, morgen - 
ſeid ihr Alemannen.“ Im Jahre 100 v. Chr. aber hieß eS: 
„Dies iſt die lezte Stunde in Reltiſ<&. Vlorgen werdet ihr 
Römer ſein.“ 
Damit war meine Phantaſie mit Elſaß am Rando. Und ich 
war froh, denn es ſchien mir eine ungemütlice Gegend zu 
ſein, und i<ß hatte die Geräuſche von draußen, die man immer 
hörte, ſatt. Aber iH war nun einmal hinter Sdhulmeiſtern- 
bor, und ſo dur<ſuchte ih Europa und fand ſ<ließlic< nod) 
einen in Tirol. Und im hörte, wie er ſagte: „Iungens, dies 
iſt die lezte Stunde in Deutſh, denn morgen werdet ihr 
Italiener ſein. Don Rom iſt Order gekommen, daß niemand 
in Tirol die eigene Sprache ſprechen darf, und iQ gehe ins 
Gefängnis, weil ich in meinem Zmmer einen Chriſtbaum auf- 
geſtellt hatte.“ 
Inzwiſchen war mein Eſſen fertig, und i< hatte gerade no< 
Zoit zu ſehen, wie ein alter Kiffe auf einem Baum ſaß und 
ſagt2: „Iungens, dies iſt eure lette Stunde im Klettern, von 
morgen ab ſeid ihr Vlenſchen und werdet auf dem Erd- 
boden leben und den Reſt eures Lebens damit verbringen, 
daß ihr ihn einander ſtehlt.“- | 
 
Don morgerÖ ab ſeid ihr Menſ<hen.
	        

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