Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

Ur. 1 
Ueuwahlen. 
. Don Wax Weſtphal. 
Abr S 5 ſoll hier nicht die Rede ſein von irgendwelchen politi- 
8 =" Ihen Wahlkämpfen, ſondern von jenen Wahlen, die jezt 
Kur am IaghreSsanfang in den meiſten, wenn nicht in allen 
Ortsgruppen unſeres Derbandes ſtattfinden werden. lit 
Beginn des neuen Arbeitsjahres wählen ſich unſere Gruppen 
neue Funktionäre. Die alten Dorſtände und ihre Uitarbeiter 
geben ihren Rechenſ<aftsberi<t und legen damit ihre Aemter 
nieder; entweder werden ſig dann wiedergewählt und mit der 
Führung der Arbeit au< im neuen Jahr betraut, oder es 
werden „neue Ceute“ gewählt. Ihr alle Kennt dieſen Dor- 
gang und wißt, was er für Freuden -- und Leiden mit ſich 
bringt. Ia, Leiden auh -- leider, denn in welcher Gruppe 
 
iſt es ſo, daß man ſich vor den „freiwilligen“, zur Uebeor- 
nahme von Funktionen bereiten IJugendſreunden nicht bergen 
kann? Gewiß, es gibt au< ſol<he Gruppen, die mit der 
Dienſtverteilung gar keine Schwierigkeiten Haben; aber. in 
vielen Gruppen liegt es doh? wohl ſo, daß man mit vielor 
Mühe die Iugendgenoſſen und -genoſſinnen zur Uebernahme 
eines Amtes überreden muß. Das ſollte nicht ſo ſein. Ein 
rechtes Bedenken der: Bedeutung und des Sinnes der Funk- 
tionärtätigkeit und der Wahl- 
aller Deutlichkeit. . 
Der Funktionärdienſt iit für 
„Unſere Organiſation etwas un- 
umgänglih LUotwendiges. Die 
Gruppe, dex OrganifationsSRkörper 
" brau<t Ropf und Glieder, um 
lebenS- und arbeitsfähig zu ſein. 
Die Leitung der Zuſammen- 
künfte, die Aufſtellung und 
Durdführung der Arbeitspläne, 
die Finanzierung der Gruppen- 
arbeit, die Dertretung der 
Gruppe nah außen, alſo gegen-. 
über befreundeten Organiſatio- 
nen und den Behörden, kann 
handlung zeigt uns das mit | is Duet tagung zum Steve des 
kann. 
nict immer die Geſamtmitgliedſ<aft ausSüben, - ſie braucht 
dazu ihre beſonderen Organe. Hat ſie die nicmt, dann 
iſt ſie arbeitzunfähig und kann nicht exiſtieren. Dieſe un- 
- bedingte Uotwendigkeit erfordert den Funktionärdienſt, den 
arbeitsfrohen Funktionär. Wer ſi; mit nichtigen Dor- 
wänden von dieſem Junktionärdienſt zu drücken ſucht, 
der verſündigt ſih aufs ſ<werſte an unſerer Bewegung. Er 
ſündigt aber ebenſo an unſerem Ideal. Wir ſind junge 5 09-- 
zialiſten und betonen häufig, daß wir den Idealen der 
ſozialiſtiſchen Weltanſ<auung ergeben ſind. Der Kerngedanke 
des Sozialismus iſt die Sorge für das gemeinjame Wohl 
- akfer Menſ<en, der Dienſt für die Gemeinſd<aft. 
Wer idieſem Ideal wirklich dienen will, darf das nicht nur mit 
Worten, ſondern muß es vor allen Dingen au< mit ſeinen 
Taten tun. Unſere Funktionärarbeit iſt Dienſt für die Ge- 
meinſ<aft und gibt ſo einem jungen Sozialiſten die Wög- 
lichkeit, ſeiner idealen LebenSanſhauung entſprechend zu 
handeln. Darum: Wer ſich ſolHem Handeln mit nidtigen 
Gründen zu entziehen ſucht, der vergißt nict nur ſein Jdeal, 
der beleidigt es ſogar. Wer wollte ſich deſſen ſchuldig machen? 
Der Funktionär, der ſeine Obliegenheiten treu erfüllt, 
genügt alſo nicht nur einer dringenden organiſatoriſchen 
Votwendigkeit, er handelt au< - im Sinne ſeiner Tdeale und - 
mehr nod), er trägt den Adel gerechtfertigten Dertrauens. 
Denn wer von der Mitgliedſchaft in ein Amt gewählt wurde, 
dem wurde damit bezeugt: Wir glauben an di<, wir erwarten, 
daß du na beſten Rräften deine Dflichten erfüllſt, wir ver- 
trauen dir! Wem ſol<hes Dertrauen geſchenkt wurde, wird 
ſi) -- wenn er ein rechter Rerl iſt -- in aller Beſcheidenheit 
do< ein wenig ſtolz fühlen .und- das Dextrauen zu rechtfertigen 
Die Dorausſezung zum Siege der ſozialiſtiſchen 
Bewegung iſt nicht die Zahl der Fäuſte, ſondern 
die Zahl der klaren Köpfe, der ſtarken Willen. 
Liefert auf der einen Seite die geſellſchaftliche Ent- 
wicklung alle Bedingungen und die notwendigen y 
Elemente für den kommenden Sieg des SozialiS- y 
muS, ſo iſt es auf der anderen Seite Sache aller 
derjenigen, die in der Bewegung ſtehen, dur< un- 
ausgeſeßte, zähe und aufopfernde Aufklärungs- 
arbeit die Elemente zu ſchulen, dur< die allein 
der Sieg ermöglicht und beſchleunigt werden 
uuuunueuesewerezezozgezemeel 
Arbeiter-Jugend | | 3 
ſuchen. Wenn die Kräfte dann ſpäter in Wahrheit nict aus- 
reihen zur vollkommenen Erfüllung ides Amtes, dann darf 
er zurücktreten, ohne befür<ten zu müſſen, daß er das rein 
menſ<lic<e Dertrauen verliert. Er tat ſein Beſtes, ohne das 
Ziel zu erreichen. Das iſt ein ehrlicher Abgang ohne Shmad. 
Er wird weiter lernen und ſpäter mit goereifteren Kräften 
einen neuen DerſjſuH madchen. Aber wer in der Generalver- 
ſammlung mit ſtolz geſ<wellter Bruſt die Wahl zum erſten 
Porſitenden, Kaſſierer, Schriftführer oder jonſt etwas an- 
nimmt, ſich einige WoHen eitel in der neuen Würde gefällt 
und dann aber bald mit nichtigen Dorwänden wieder „nieder- 
legt“ oder ſeine Pflichten verſäumt, der iſt kein guter So- 
zialiſt. Er mißa<tet dur< ſein Derhalten das ihm geſ<enkte 
Dertrauen und erweiſt ſich ihm unwürdig. Dertrau2nsS- 
unwürdig zu ſein iſt aber eine Shmad<. lan kann in ſeiner 
' Arbeit troß beſten Bemühens verſagen, beſonders in der 
Jugendorganiſation, wo wir ja alle Lernende und noH lange 
nicht Dollendete ſind. Aber man darf das Dertrauen der Ge- 
noſſen und Genoſſinnen nicht leichtfertig enttäuſHen, denn 
ſonſt bleibt auf lange Zeit oder auf immer Mißtrauen, und 
das iſt eine ſ<were Hemmung. 
Unſere Betra<tung über den Sinn und die Bedeutung der 
Funktionärtätigkeit und der Wahlhandlung zeitigt aber ncH 
andere Ergebniſſe. Ylit unſeren 
Ueuwahlen ſtehen wir mitten 
drin in unſerer politiſchen € x - 
ziehungsarbeit. Dieſe be- 
ſteht ja nimt nur in rein the2o- 
retiſcher Aufklärungsarbeit, 
ſondern au<ß in dem Bemühen, 
ſoweit wie mögli? die Jugend- 
liHen mit den Jormen der 
Selbſtverwaltung vertraut zu 
maden. Selbſtregierung iſt einer 
der Grundgedanken der republi- 
kaniſH<en Staatsform. Das in 
früheren Jahren und ja auD 
heute no<+ in ſo. erheblichem 
Jiaße zur Autoritätsgläubigkeit 
und zur Untertanengeſinnung er- 
zogene deutſ<e Dolk muß ſo raſ< wie möglich zur Selbſtregie- 
rung, zur Selbſtverwaltung erzogen werden. Wir tun das. 
Unſere Selbſtverwaltung in der Organiſation iſt ein kleines 
Abbild der republikaniſchen Selbſtregierung des ganzen 
Dolkes. Don früh an in ſolhe- politiſ<en Lebensformen gin- 
gewöhnt, werden wir ſie bald ſicher beherrſchen und werden 
ſte zu ſ<äßen wiſſen. Au< unter dieſem Geſichtspunkt Zeigt. 
ſich der Ernſt der Funktionärauswahl und der Wahl ſelbit. 
- Wenn auh ſicherlich. ſhon das. vorſtehend Geſagte den 
Uachdenklihen unter unſeren Iugendgenoſſen und -genoſjin- 
nen genügend Hinweis iſt auf die Bedeutung der ÜUeuwahlen 
und der Funktionärtätigkeit, ſo ſei do<m ein leztes ni<t über- 
gangen. Der JFunktionärdienſt iſt nimt nur Belaſtung mit 
Erbeit, er iſt vor allen Dingen au<h no< eine Lehr- und Bil- 
dungsübung. Es würde zu weit führen, an Einzelbeiſpielen 
zu erläutern, was jeder einzelne Funktionär in ſeinem Dien] 
perſönlidf an Kenntniſſen erwerben, an wertvollen Eigen- 
ſchaften entfalten kann. Tatſache iſt jedenfalls, daß jedes 
unſerer OrganiſationSämter dem damit Betrauten Gelegen- 
heit bietet, ſim manderlei Fähigkeiten zu erwerben, reſp. ſic) 
darin zu üben. 'Ob es ſic) um organiſationste<hnii<e Rennt- 
niſſe handelt oder um idie Entwicklung ſeines Stils, ſein25s 
Dispoſitionsvermögens, ſeines perſönlichen Quftretens oder 
was ſonſt noz? in Frage kommt, -- es ſind alles Kenntniſſe 
und Fähigkeiten, die für das Wirken in der ſozialiſtiſHen 
Bewegung unerläßli< nötig und darum wertvoll ſind. 
Alles in allem: Reine Drückebergerei bei den Ueuwahlen, 
ſondern :aus rehter Beachtung unſerer Ideale und der orga- 
niſatoriſc<en Uotwendigkeiten, aus -Selbſtac<htung. und“ aus 
 
Bebel. 
dem Willen zur Selbſtſhulung heran ans. Werk!
	        

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