Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

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Die Mutter blicfe wieder nach dem Heiligenbilde und be- 
Freuzte ſich. Der Bater räuſperte ſich und begann -zu leſen: - 
„Als am 29. Dezember“ um elf Uhr abends der Kollegien- 
regiſtrafor Omitri Kuldarow . . .“ 
' „Seht ihr wohl? Seht ihr wohl? Weiter!“ 
„der Kollegienregiſtrafor Omitri Kuldarow aus einem 
Bierlokale in der Kleinen Schmiedeſtraße, im Hauſe des Herrn 
Koſichin, herausfam und ſich dabei in angefrunfenem Zus- 
ſtande beſand.. . :“ . | 
„Ja, ja, in dieſem Zuſtande waren wir, ich und Gemjon 
Petrowitſch . . . Es iſt alles ganz genau beſchrieben! Aber 
fahren Sie fort! Weiter! Hört nur!“ | 
„+. und ſich dabei in angefrunfenem Zuſtande befand, 
gliff ex aus und fiel unter das Pferd eines "dort balfenden 
Oroſchkenkutſchers namens Jwan Drotow, der im Dorfe 
Durükina, Kreis Juchnow, beheimatet iſt. Dadurch ſcheu 
gemacht, lief das Pferd über Kuldarow weg und zog auch 
den Öchlitfen über ihn hin, in welchem ſic) der Moskauer 
Kaufmann zweiter Gilde, Stepan Lukow, beſand; dann jagte 
es die Straße enflang und wurde von einigen Hausknechten 
aufgehalten. Kuldarow, der anfänglich bewußtlos war, 
wurde nach der Polizeiwache gebracht und von einem Arzte 
SHE] Der Stoß, den er gegen den Hinterkopf erhalten 
affe...“ | | 
v „Das war von der Deichſel, Papa. Weiter! Ceſen Gie 
doch weiter!“ Nn = vun 
den er gegen den Hinterkopf erbalfen batte, konnfe 
als leichter Arf erachtet werden. Ueber den Borfall wurde 
ein Protokoll aufgenommen. Dem Berletßten wurde ſanitäre 
Hilfe zukeil .. .* | 
- „Der Arzt ordnete an, es ſollfe mir der Hinkerkopf mik 
Falfem Waliſer beneßtf werden. Haben Sie. es nun geleſen? 
Wie? Nein, ſo etwas! Jekt geht das nun dur< ganz Rus- 
land! Geben Sie es nur wieder her!“ 
Dmitri nahm die Zeitung, faltefe ſie zuſammen und ſtete 
ſie in die Taſche. .- 
„T< will zu Makarows laufen und es ihnen zeigen . . . 
I< muß es auch noch Jwanißkis zeigen und Natalia JZwa- 
nowna und Aniſim Waſſiljitſch. . . JH will ſchnell hin. Adieu!“ 
Dmitri ſeßte ſeine Uniformmüße mit der Kokarde auf und 
lief friumphicrend und freudeſtrahlend auf die Gtraße. 
* Für das Bü <herbrett k 
 
 
 
Die hier angezeigten und beſprochenen Schriften ſind vom Arbeiter- 
jugend-Verlag, Berlin SW 61, Belle-Alliance-Plaßz 8, zu beziehen. 
Berta Selinger: Der Rachen. Querſ<hnitt dur< ein Loben. 
Derlag I. H. W. Dies, Uadhf. 1926. 160 S. Stark kart. 2 Vik. 
Künſtleriſ; wertvolle, wirklic<keitsgetreue Darſtellungen 
des Arbeiterlebens, von Krbeitern ſelbſt herrührend, ſind 
äußerſt ſelten in der deutſchen, ja, in der ganzen internati9- 
nalen Literatur. Hier, in tem Roman der EGenoſſin Selinger, 
haben wir den ſeltenen Glücksfall, daß einem proletariſchen 
Menſ<en- ein Gott zu ſagen gab, niht - nur, was er litt, 
ſondern mehr nod, wie er ſich tapfer mit ſeinem Los herum- 
ſchlug und ungebzugt aus alley Löten ſeiner kümmerli&en 
Exiſtenz hervorging. Und do iſt es „bloß“ ein proletariſ&es 
Viädel, deſſen Kindheit und Iugend geſ<ildert wird, aber 
dieſes Leben ſtrahlt vine Kraft aus, wie nur je die Kundo vom 
Aufſtieg eines der Helden unſerer -Rlaſſe. Der Raden, dr 
der Geſchichte den Uamen gab, iſt natürlic) unſere herrliche, 
menſc<henverſ<lingende Geſellſhaftsordnung, aber diejes 
Menſ<enkind hat der Rachen niht verſ<lu>t. Im Eegen- 
teil, wenn au< die Geſchichte, die hoffentlic< nod) fortaejeßt 
wird, vorher abbricht: wir ſind der frohen Zuverſicht, ja, wir 
ſehen es jest ſ<on, daß dieſem Höllenſhlund ein Geſ<öpf ent- 
rinnt, das ſ<i>ſalsgehärtet als ein aufre<hter Ulenj< in den 
vorderſten Kampfreihen ſeiner Klaſſenbrüder und -ſ<weſtern 
ſeinen Plaz füllen wird. oo „a 
So iſt der Roman der kleinen Bozena (ſpr. Boſ<hna) dur<- 
aus keine „ElendsSgeſ<i<te“. Zwar hat ſie Shweres durc<h- 
madchen müſſen in ihrem jungen Leben, denn wo ihr Seelchen 
. Fonnten. 
Arbeiter-Iugend AH 0 47 
ſi; ans Licht rang, da war rinasum bitterſtes Proletarier- 
elend, in jenem . deutſ<-böhmiſc<en - Grenzland, darinnen“ die 
giftigſte Blüte unſerer Wirtſchafts, ordnung“, die Heimarbeit, 
- "im Flor ſteht: Kls zartes Kind muß ſie mithungern und mit- 
ſhuften, kommt früh in Dienſt bei fremden Leuten, wird 
IMließlich ein von: allen gehudeltes Kühenmäddhen in einem 
großen Hotel der böhmiſchen Bäderſtadt Karlsbad. Dann 
wieder ZU Hauſe, in der mutterloſen Familie, aber dieſes 
Zuhauſe iſt ein ewiges Wandern, vom böhmiſchen Walddorf 
ins Städtmen und weiter hinauf nah Oſtpreußen: und wieder 
hinab an die Saale, denn der Dater wird als „Heßer“ von 
Fabrik zu Fabrik gejagt. Und am Ende ſc<nappt auc ſie 
ſelbſt der Fabrikrahen, aber, wie geſagt, er kKriegi ſie nimt 
unter, denn in dem jungen Blut pulſt der alte Huſſitentroß 
ihrer Dorfahren und läßt ihre Ulenſc<en- und Ylädhenwürde 
niht duen. | | oo. 
Und no< etwas ſteift ihr in all dem Lebensjmmuß den 
Mut, das iſt ein handfeſter Bumor, ein frohes Herz und ein 
paar blanke Qugen, die jeden: Sonnenſtrahl in der Uatur und 
in dor Menſ<enwelt dankbar widerſpiegeln. | 
Uehmt zu dem wertvollen ſac<lic<en Inhalt tes Buches ſJeine 
eigenartige, urwüdſſige Spradie, die ſic bei aller Wirklic<h- 
keitstreue der Darſtellung häufig zu hohem, di<hteriſchem 
Sqwung ſteigert, und gerade ihr Iungen werdet jede Stunte, 
die ihr mit dem Bu< verbracht habt, als eine Bereicherung 
eures Lebens empfinden. K. 
Friß Kahn: Das Leben des Menſd<en. I. Band. 
Mit 169 Abbild. und 20 ganzſeitigen Tafeln. Frandhſ<e 
Derlagshandlung, Stuttgart. 272 S., geb. 15 DL. | 
Die meiſten Uenſ<en wiſſen über nic<ts weniger Beſ<Heid 
als über jim ſelbſt. Es iſt oft erſtaunli? und bedauerlich, 
hören zu müſſen, was für verkehrte Anſichten Leute, die von 
ſim ſelbſt glauben, daß ſie allgemeine Bildung beſäßen, Über 
den Bau und Derrihtungen ihres eigenen Organismus haben. 
Im Laufe der lezten Jahrzehnte iſt eine ganze Anzahl von 
Büchern erſchienen, die ſich, vorwiegend vom ſportlichen, biS- 
weilen aber auc< vom rein biologiſchen Standpunkt aus, mit 
der Anatomie und Phyſiologie (der Lehre vom Bau und von 
den Derrichtungen des menſ<lihen Körpers) befaſſen. E5 
war immer nod nicht das Richtige. Nichts iſt ſchwerer, als 
wiſſenſ<aftliche Tatſachen dem Laien in allgemeinverſtänd- 
lihem Gewande zu vermitteln. Entweder war die S<reib- 
weiſe der Derfaſſer dieſer Bücher ledern bis zur Cangeweile, 
oder aber, wenn ſie beſchwingt ſein ſollte, oberflämlic. 
Selten gelang es, Gründlichkeit mit leicht faßlic<er und ge- 
fälliger Darſtellung zu verbinden. Zu den ſeltenen Werken, 
die den glückli<men Vlittelweg beſchreiten und Tiefe des Tat- 
ſacßenmaterials mit feſſelnder S<hreibweiſe vereinigen, gehört 
„Das Leben des Wienſ<en“ von Friz Kahn. Don dieſer volRkS- 
tümlichen Anatomie, Biologie, Phyſiologie und Entwieklungs- 
geſhic<te des Menſ<en behandelt der erſte Band die DhHyſik 
und Chemie des Lebens, das Plasma, die Selle, die Keimzellen 
und die Keimesgeſ<i<ie. Die Abbildungen, die zum Teil in 
eigenartiger und neuartiger plaſtiſcher Darſtellung geboten 
werden, bilden eine außerordentlich brau<bare Stüße für das 
Begreifen und das Behalten eines Tatſahenmaterials, das in 
ſeinen Einzelheiten den meiſten Leſern ſo gut wie ganz un- 
bekannt iſt. Keinerlei Kenntniſſe werden vorausgeſeßt, aud) 
der Leſer mit Dolksſ<ulbildung vermag ſic) beiſpielSweiſe 
von der für viele ſo ſ<wierigen organiſ<en Chemie ein ein- 
wandfreies Wiſſen zu bilden. Der Derfaſſer, deſjen literariſHe 
Bildung ſeiner Darſtellung hohen Reiz verleiht, hat es ver- 
ſtanden, ſein Thema au< denen ſOHmadkhaſt zu magen, die ſim 
ungern an ſtreng wiſſenſ<aftlihe Lektüre wagen. Das 
'Kahnſ<he Werk iſt das erſte ſeiner Art, das dem bildungs- 
hungrigen Jugendlicen das Wiſſen unſerer Zeit über uns 
ſelbſt ebenſo leicht vermittelt, wie es dem Erwachſenen ginc 
Auffriſ<ung und Dertiefung ſeiner Kenntniſſe bietet. Unſeren 
Bibliotheken, die irgend dazu imſtande ſind, ſei die Anſ<<Haf- 
fung des Werkes, das au< in Lieferungen bezogen werden 
kann, warm empfohlen. Curt Biging. 
CRA SEA BP EC RI ISCA BN EA BCAA RA BUR A RAR AZO CR AIRS 
- Man kann wirklich keine beſſere Methode zur Berdummung er- 
finden, als die Fabrikarbeit, und wenn dennoch die Fabrikarbeiter 
nicht nur ihren Verſtand gerettet, ſondern auch mehr als andere 
äusgebildet und geſchärft haben, ſo war dies nur durch die 
Empörung gegen ihr Schiſal und gegen die Bourgeoſie möglich -- 
das einzige, was ſie allenfalls noch bei der Arbeit denfen und fühlen 
, ngels.
	        

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