Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

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mehr bloß Caſttier, KRnedht, 
Dr. 3 
Arbeiter-Jugend 51 
. Die Traqgsdie eines Cehrlings. 
Was iſt mein Leben? Zehn Stunden Arbeit, zwei Stunden 
Weg zur Arbeitsſtätte, eine Gtunde Waſchen und Eſſen, neun 
Stunden Schlafen. Bleiben zwei . Stunden, die mir gehören, 
die ausreichen ſollen, um dem Leben Inhalt und Freude zu 
- geben. Zwei Stunden, um den Geiſt anzuregen, zu leſen, 
zu lernen, zu ſc<reiben. -- Und wenn einem ſc<on vor 
Müdigkeit die Augen zufallen? Es iſt elendes, erbärmlies 
Vegetieren, Zwei Stunden Leben, ein Tag --! 
(Aus den Aufzeichnungen des Lehrlings R.) 
F>" in junger Genoſſe iſt freiwillig aus dem Leben g8- 
0“ ſchieden. Emil B., ein Führer der Jugendlichen, ein aus- 
Qu gezeicmneter Ulenſ<h, geiſtig von ſprühender Beweglih- 
keit. Warum iſt er geſtorben? Die bürgerliQen Zeitungen 
berichten in knapp zwei Säßen, „daß übermädtiges Leiden 
ihn zum Zerbrechen ſeines Cebens getrieben haben muß. ES 
muß ein fur<tbares Leiden geweſen ſein, denn er ſagte vor 
ſeinem Tode: „I< hätte keine Urſa<e zu ſterben, aber ih 
habe au< keine zu Teben -- --!“ 
Es iſt grauenvoll, wie leicht unſere Iungen ſterben. Die 
Ceiden, die ſie ins Uichts ſchleudern, ſind ohne Maß. Das 
ſ<werſte dürfte die gänzlic<e Ausſichtsloſigkeit dieſes Daſeins 
ſein. Kaum Hat ſim das Grab über dem Tugendgenoſjen 
Emil B. geſ<loſjen, meldet die Zeit den : Selbſtmord des CTehr- 
lings, R., der in den Tod - 
 
und nicht Weltweiſer. 
voll All-Ciebe. Er liebt die Welt, liebt ihren Schöpfer, denn 
nod<h iſt in ihm Licht und nicht Finſternis, Wahrheit und niht 
Tug, Hoſfnung und nicht Enttäuſchung! 
Eiber was hat da unſere allzu wirkliche Welt davon, was 
„nüßt“ es ſeinem Chef? Handlungsgehilfe ſoll Robert-werden 
Und Handlungslehrling iſt er. Aber 
der Lehrling iſt ni<t nur der lernende Helfer im Ge- 
ſchäft. Der Cehrling iſt in vielen Geſchäften der HauSkned<t, 
das Faktotum, kurzweg „das UlädHen für alles“. Ia, vber 
haben wir denn keine LCehrlingsſ<hußgeſezge, keine Dor- 
ſchriften, die ſolh<en Ulißbrau< unterbinden? O ja! Aber 
wer Prüft denn in iden tauſend kleinen Geſchäften der Dor- 
ſtädte, ob ſie aum eingehalten werden? Die Derjuhung für 
den „Chef“ iſt da allzu groß, der Widerſtand zu ſj<wac<h. Sitt- 
lihe Grundſäßge, ſoziales Empfinden und Geſhäft? Wie 
jelten! 
So fallen in das Leben Roberts mehr und mehr Schatten. 
Im Anfang ging es halbwegs, ſ<reibt er. Dann mußte er 
immer garößere Laſten tragen. Immer ſ<Owerer wurde der 
Ruckſam und dann -- -- der "CTaſtwagen. Dazu kommen 
häusliche Arbeiten: Trep- 
 
pen ſ<euern, Holz haken! 
 
ging, weil er das Leid 
dieſer Welt nicht mehr er- . 
trug. Bevor er ſdied, Uur einmal ſort! 
ſ<rieb er in ſein Tagebuch: 
„IV opfere das Lezte, was 
man geben kann, mein 
Ceben, um die öffentliche 
Meinung zu erregen, um 
ſie aus ihrer Gleichgültig- 
keit aufzurütteln.“ Tin 
junger Vlenſ<, der nidt 
 
 
der wirklich Uienſ< ſein und 
 
Da hok' ich jeden Tag nun im Bureau 
Und wühl' in Aktenſtänden und Regalen, 
Ein Buch vor mir mit nichts als Zahlen, Zahlen, 
Die ſtarx'n mich an und grinſen ſchadenfroh. 
Daß ich noh nie dem Eineriei entfloh! 
Die Sonne ſhit durc<s Fenſter ihre Strahlen 
Und ret2t was von Freiheitsidgalen, 
Die nicht zu Haus bgi Wichtigkeit u. To. 
Uur einmal fort, verkümmern nicht im Engen; 
A<, immer nur von Pflicht zu Pflicht geheßt! 
Der Kkühnſte Traum kann Wände nicht verdrängen. 
 
Ih litt und ſ<wieg, meldet 
jein Tagebu<. Eine der 
ſHwerſten „Wagentouren“ 
beſ<reibt Robert in ſeinem 
Tagebu<, dieſem Doku- 
ment einer geſ<hundenen 
Vienſhenfeele: „Es waren 
elf Kiſten Wlalz3 a 22 Kilo- 
aramm, dazu Blaggi, Smub- 
paſta und Cimcnade. Der 
Herr „Chef“ 3og ſelbſt am 
Wagen, um die Shwere zu 
 
 
die Würde der UlenſGen prüfen. Langſam ſeßte ſich 
tragen: wollte, zieht die Uur einmal fort! Ein kurzes Selbſtbeſinnen, der Wagen in Bewegung, 
Bilanz ſeines Lebens und Nad) eigner Wahl, wohin, den Fuß gejeßit, | und wie höhnend meinte 
wirft es als nichtswürdig Und dann -- was macht's! -- ein friſches Ueubeginnen! der Chef: „Ua, es iſt ja 
in: „IG ertrage diſi | -- Walter Schenk ar nit ſo ſ<limm“. ES 
eben "iet Wenge DiE ; (Aus „Kampfiugend“ Ardeiterjugend-Derlag) war eine 1 tba Sdcin- 
Der junge Robert, ein derei. Der andere Cehr- 
außergewöhnliH begabter burſ<e hatte Tränen in den 
Junge, der in der Schule immer der erſte war, iſt das Kind 
armer Leute. Ulit vierzehn Tahren tritt die Arbeit, das Der- 
dienenmüſſen wie bei allen Arbeiterkindern au< an Robert 
heran. Seine Eltern halten darauf, daß ihr Iunge etwas „an- 
ſtändiges“ werde. Und ſo kommt Robert als Lehrling in eine 
Kolonialwarenhandlung. Robert iſt davon dur<hdrungen, ein 
ordentlicher Kaufmann zu werden. Sein Tagebuch gibt davon 
Seugnis. Daneben aber hat Robert eine zweite Welt. Denn er 
iſt jung und aufgeweckt. Zuerſt beſchäftigt er ſich mit reli-- 
giöſen Fragen. O ja, er glaubt an Gott und Unſterblichkeit. 
Doll Eifer beſucht er an Sonntagen die DereinSabende der 
Ernſten Bibelforſcher. Die Wahrheit gefunden, ſo jubelt er in 
ſeinem Tagebuch. Bei einer Demonſtration kommt er mit 
dem SozialisSmus in Berührung. 'Gewiſſenhaft prüft er, was 
Cagerarbeiter und LehrlingsSkameraden ihm ſagen. Und er 
findet: Ig, es iſt gerecht, was verlangt wird. Die Gründe 
für dieſe Erkenntnis aber ſu<ht er in der Heiligen SHrift. 
Er verglei<ht den Sohn Jacobs, der von Laban na< ſehs 
Dienſtjahren eine große Herde Dieh erhielt, mit dem Lohn der 
heutigen Arbeiter und findet, daß Heutzutage ein Ulenſch, der 
nod; jo rehtſ<affen arbeitet, nie weiß, was der morgige 
Tag ihm bringt. Uun hält Robert Umſchau. Er beſu<t Der- 
ſammlungen, ſozialdemokratiſ<e, kKommuniſtiſ<e, anar<i- 
ſtiſ<e, völkiſche. Er prüft, unterrichtet ſich und ſieht nun ſi. 
Aber au< das All ſucht er zu verſtehen. Su<t mit dem 
Derſtand zu faſſen, weſſen ſein Herz voll iſt. Und dieſes iſt 
Augen. Abgebeßt, müde, in Schweiß gebadet, kam id) heim. 
Die Gedanken, die mein Birn durdkreuzten, bleiben beſſer 
ungeſ<rieben. I<H hatte im Sinn, mic) während der drei 
Jahre allem zu unterziehen, alle Unbill über mi< ergehen 
zu laſſen, um dur< das Leben im Geiſt ſtark zu werden, um 
Vienſ< und nict Knedht oder Heuler zu werden, um ſpäter 
Sturm 3zu Iaufen gegen diefe Ordnung 'des „RedctSſtaats“. 
Es kam niht dazu. Er Hielt es nit gaus. Er hatte den 
Glauben an ſeine Ideale verloren. Robert iſt aus idem Leben 
gegangen als LCebenSverädhter, aber mit dem Gedanken: 
„DielleiHt werden ſie nun auſmerkſam, vielleiHt haben es 
die anderen-idann beſſer.“ 
'Krmer Robert! Du Siebzehnjähriger von der Reife des 
Philoſophen, du Cehrjunge mit der Geſinnung des Helden, du 
balbes Kind mit der Derantwortlichkeit der Weiſen, 'du an- 
klagende Stimme der vergewaltigten Arbeiterjugend, verzeih . 
uns. Wir kämpfen ſeit- einem Menſ<enalter und mehr um. 
die Befreiung der Menſ<en. Derzeih uns, daß wir noh niht 
genug tun konnten, dir das Leben zu retten. 
Ihr aber von der anderen Seite der Front, ſeht ihr nicht, 
daß -ihr die Iugend moridet ? Ihr könnt niht voll ver- 
ſtehen, was ihr tut, ſonſt wäre es entſezlim?. Aber ſteht mit 
Ehrfur<t vor dieſem Sterben, das erlitten wurde, damit die 
Jugend auferſtehe. Und wiſſet, 'daß der Lehrling Robert 
körperlich geſtorben lt, weil er ſeine Sceele nicht Hinſtechen 
laſſen wollte!
	        

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