Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

 
 
Wunſch Rutſ<er Zu worden. 
Er ſc<welgte in dem Gefühl, 
einmal ſtolz auf dem hohen 
Kutſherbok zu thronen, die 
Sügel der ſtarken Pferde ſtraff 
in der Hand zu haben, mit 
der ſ<hönen Peitſ<e [luſtig zu 
knallen und, Hei, ratternd 
dur<? die Straßen zu jagen. 
Später ſteigerte ſich ſein 
Wunſ<. Er wollte nicht nur 
ein gewöhnlicher, nein, ein 
HZerrichaftsSkutſcher werden, 
und der Wagen ſollte Gummi- 
räder haben. Das war ſein 
LebenSideal. Was waren ihm 
dagegen die Wünſche der ande- 
ren, die in die Welt hinaus- 
wollten als Seeleute, die Kauf- 
leute werden wollten mit gro- 
ßen Geſchäften, einer wollte 
ſogar ernſthaft Millionär 
werden, um immer den ar- 
men Leuten helfen zu können. 
Aber jo ſichere Antworten 
die meiſten von uns als Kklei- 
nere Jungen oder Ylädel geben - 
konnten, wenn gefragt wurde: 
Ua, was willſt du denn Wwer- 
den? -- ſ<on einige Jahre 
ſpäter war die Angelegenheit 
nict mehr ganz Jo einfa. 
Bei dem einen Waren andere 
Intereſſen erwa<t, er gab ſich 
anderen Dorſtellungen hin; 
dem anderen war der Wunſch 
von vorſorglichen Eltern aus- 
geredet worden; der dritte gar 
hatte ſ<on Früh eine Ent- 
täuſhung erlebt, wie 3. B. 
jener Meiner Freunde, der 
gern Straßenbahnjührer wer- 
 
 
Was wiſt d du | werden? 
d4 31 alle haben un5 wohl in unſeren KRinderjahren aller- 
Bäiglei Dorſtellungen darüber gema<t, was wir werden 
5)“ wollten, wenn wir erwäc<hſen ſein würden. 
Hoffnungen, Kühne Wünſche haben uns erfüllt, wenn auc 
das, was wir in unſeren Träumen aus uns ſelbſt machten, 
gar niht jelten für jeden anderen Menſ<en Hö<Hſt glei<h- 
gültig war, und nur für uns allein in idealem Lichte daſtand. 
Für einen meiner Spielkameraden war es 3. B. jehnlicſter 
Große 
wir rufen Euch! " 
preis 0 0, 25 5 RM. 
den wollte, weil man mit dem Wagen ſo herrli; dur< die 
Straßen und Alleen jauſen und in ſchönem Bogen um die 
Een ſteuern könnte. Sein Ideal zerbra, als er erkannte, 
daß der Straßenbahnführer ja gar ni<t „ſteuerte“, 
nur hier und da eine Weiche ſtellte und im übrigen nur die 
Stromzuführung regelte und die Bremſe bediente, während 
die Wagen einfa<? in den Gleiſen. ihre vorgeſ<riebene Bahn 
dahin rollten. -- Dieſe Seit des Derblaſſens oder der S2r- 
jondern 
ſtörung der erſten Wünſ<ge und 
des Suchens nah neuen Dor- 
ſtellungen iſt häufig wonig 
jHön, aber wem erjheint ſie 
mt leicht gegenüber jenen 
Tagen, wo ſim die Sdqultore 
hinter uns ſc<ließen ſollten 
und die Frace na<h dem Beruf 
nom immer ungelöſt vor uns 
ſtand, und nun in allem Ernſt 
gelöſt ſein wollte. Wie glüß- 
lic) waren dann ſ<«ließlim no 
die, deren alte Wünſ>&o wenig- 
ſtens etwas erfüllt wurden, 
wenn auc<ß aus dem kühnen 
Scefahrer ein zu ſmwerer Kr- 
beit verpflic<teter S<iffsjungse 
wurde und aus dem RKauf- 
mann ein Lehrling. der überm 
Burcautiſm HhoRkte, erſt mal 
- Briefe ſortierte und wogheftete. 
Aber für wieviel Iungen und 
Mädel müſſen Wunſ< und Wille 
überhaupt zurücktreton. Die 
Fracs heißt nimM mehr: Was 
willſt du werden? ſie lautet 
jezt: Was kannſt du werden? 
Wo iſt Arbeitsgelegenbeit, wo 
kannſt du ſofort etwas ver- 
"dienen? Es muß einfa< zuge- 
griffen werden, wo ſich Der- 
dienſtmöglimkeit bietet; denn 
verdient muß werden, wenn 
man leben will. 
Wie ſteht es nun mit den 
Jungen und Uädel, die jezt zu 
Oſtern aus der Schule entlaſſen 
werden? Gb die Zahl der- 
jenigen, die auf ihre Beruſs- 
wünſc<e Derziht leiſten müſſen, 
- ſhon. jemals ſo groß geweſen 
iſt, wie bei der dieSjährigen
	        

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