Full text: Arbeiter-Jugend - 20.1928 (20)

 
- Kampf u und wieder rx Kampf! 
Z F ufwärts! lit dieſer Gewißheit geht die ſozialiſtiſche 
| Bewegung in das Jahr 1928 hinüber. Seit dem Revo- 
3-8 lutionSswinter iſt zum erſten Male wieder in uns das 
ichere Gefühl eines kommenden großen Machtzuwachſes. Wie 
«ai<, wie roh und wie ſiegeSſicher hat die Gegenrepo- 
(ution ſich ausgebreitet! Der unerhört ſchwere FriedensS- 
vertrag, die Demütigung der TZation dur< die Heere der 
Siegerſtaaten, die Beſezung deutſchen CTamdes, die Zerrüttung 
der Währung, der franzöſiſ<-belgiſche Einbruch in das Ruhr- 
gebiet, die ArbeitsSloſigkeit von Vlillionem, die Wohnungsnot, 
die Schwere der Steuern, 'die geiſtige und moraliſ<e Der- 
wirrung -- alles Folgen des vom Kaiſerreich verlorenen 
Krieges --- haben der Gegenrevolution die Wege bereitet. Die 
Zerreißung der ſozialiſtiſc;en Arbeiterbewegung in Parteien 
und Grüppchen haben die Widerſtandskraft der Arbeiterklaſſe 
geſMmwädt. 
Ende des Jahres 1923 ſchienen die Feinde der Republik, 
die Schwärmer für eine monar<iſtiſc<e Diktatur beinahe am 
Siel. Faſt ohnmächtig waren die an Mitgliedern, an 
Finanzen und an Ulut geſchwädten ſozialiſtiſchen Organi- 
ſationen zurückgedrängt. Die ReicQstagswahlen im Mai 1924 
mit der ſchweren Tiederlage der Sozialdemokratie waren der 
Ausdruk> dieſer Tatſachen. Schon die Dezemberwahlen des 
Jahres 1924 aber zeigten eine Wendung an: Rückgang der 
Kommuniſten, Rückgang 'der Dölkiſhen, Zuwa<hs der Sozial- 
demokratie, Stillſtand der Deutſ<nationalen und der meiſten 
übrigen bürgerlichen Parteien. Anwachſen nur der neu- 
gegründeten mittelſtändleriſ<en Wirtſhaftspartei, 
Dieſer im Dezember 1924 gewählte Reichstag beſteht no< 
heute. Da alle vier Jahre Ueuwahlen zum Rei<stag ſtatt- 
finden müſſen, werden wir ſpäteſtens im leßten Diertel des 
Jahres 1928 Rei<hstagswahlen haben. Seit Ulonaten zeigen 
alle Landtags- und Gemeindewahlen im Reiche an, daß die 
Gegenrevolution zurückweicht, daß die Maſſen ſich von den 
RedhtSparteien abwenden und die Sozialdemokratie ver- 
ſtärken. In Heſſen umd in Braunſchweig hat die Partei des 
Kaijers, haben die Deutſ<nationalen, die Hälfte ihrer 
Stimmen verloren. 
Der ſgit einem Jahre das Reich regierende Blok von Par- 
teien der Rechten und der Ulitte fühlt ſich bedroht. Die lette 
politiſche Abſtimmung im Reichstag am 6. Dezember hat nur 
nodh eine Mehrheit von 37 Stimmen für den Bürgerblo> er- 
bra<ht. Wenn 'die Rei<stagswahlen ihm dieſe knappe Mehr- 
Heit nehmen, wird die jezige Regierung geſtürzt, wird wieder 
mit Links unter Beteiligung der Sozialdemokratie regiert 
werden müſſen. 
In der bangen Ahnung, daß es ſo kommen Könnte, haben 
Neic<Sregierung und Regierungsparteien des ReichStages nur 
 
eine Sorge: möglichſt raſh no< möglichſt viele ſ<lehte Ge- 
jeße durc<zudrücken, die eim weniger rückſ<rittlicher Rei<Hs- 
tag nicht annehmen würde. 
Das gilt zunächſt von einer Rükwärtsreform des Wohn - 
reehts. Den Dermietern ſoll troß unſäglicden WohnungsS- 
mangels das Kürndigungsrecmt wieder gegeben werden. Un- 
gezählte Familien werden dadur< mit der Gefahr des Hin- 
auSwurfs bedroht. 
Der RechtsauSsſhuß des neuen Reichstages will dur<aus 
eine Reform des Strafgeſeßbudes nod Fertigſtellen. 
Sie bringt gewiß aum Dorteile, denn einer der feinſten ſozin- 
liſtiſchen Kulturpolitiker, unjfer Freund Guſtav Radbruch, bat 
als ReichSjuſtizminiſter in vergangenen Ighren den Entwurf 
geſtalten helfen. Ießt vertritt gin Deutſ<nationaler, ReiMS- 
'juſtizminiſter Bergt, die Strafrec<tsreform. Und ſie iſt natür- 
lim dana<: die barbariſc<e Todesſtraſe, das Köpfen, bleibt 
erhalten. Durd<h Landes- und Hodwverratsparagraphen in 
gofährlicder JFaſſung wird idie Uleinungsfreiheit bedroht. 
Dieſe und viele andere Beſtimmungen gefährden insSbeſondere 
Republikaner, Sozialiſten und Kommuniſten, weil viele 
deutſc&e Richter Gegner der Republik und der Arbeiter- 
bewegung ſind. 
Eine Dorlage zur Höheren Beſoldung der Beamten 
belaſtet das Reich mit 1% Dlilliarden Yiark, mehr als bei- 
jpielsweiſe alle deutſ<men Bergarbeiter im Iahre an Lohn 
verdienen. Echt kapitaliſtiſch ſpendet dieſe Beſoldungsreform 
den oberen und oberſten Beamten Zulagen von Tauſenden 
Dark im Tahr, während die unteren Gruppen nur wenige 
Viark im Monat mehr bekommen werden. 
Ein Shankſtätten-Geſeßentwurf gibt vor, den 
Alkoholmißbrau<h zu bekämpfen. In Wirklichkeit foll weder 
den SInapsbrennern nom den Aktienbrauereien, noh dem 
Weinbau, noh idem ganzen WMaſſenverbrau< von Fuſel und 
anderen Rauſchgiften Abbruch getan werden. Die Forderung 
der organiſierten Iugend aller Rictungen, das Iungvolk bis 
zum vollendeten 18. TebonSjahre vor der Benebelung mit 
Alkohol und vor der Unſitte des Tabakqualmens zu ſ<üßen, 
wird mißachtet. Der alkoholgegneriſhe Iugendſ<uß. wird ab- 
göbaut. Uur SHnaps gegen Entgelt ſoll in den Uneipen an 
Jugendlice niht abgegeben werden dürfen. Unentgeltlic 
dürfen ſie mit Fuſel getränkt werden, ſoviel durc< die Gurgel 
geht. Das auc< von uns geforderte Recht, daß die Wähler 
umd Wählerinnen einer Gemeinde dur&< LQbſitimmung ſelbſt 
entſ<eiden ſollen, wieviele Kneipen beſtehen dürfen, will man 
dem Dolke nicht geben. 
Im BildungsSausSſ<huß des RoichsStags kämpfen die Sozial- 
demokraten gegen die Derkirhlicung der Schulen dur< 
das ReimMsSſ<ulgeſeß. Entgegen idem Geiſt der ReiMS- 
& 
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