Volltext: Arbeiter-Jugend - 22.1930 (22)

 
Otoco, der Heide 
Mit Erlaubnis der Universiias. Deuische Verlags-.X kt.-Gesch- 
Schafi, Berlin W 50, entnehmen wir die nadhsiehende. in drei 
oder vier Vortsetzungen erscieinende Erzählung dem Buche 
„Südscegeshicdhten“ von Jack London. 
Das erstemal traf ich ihn bei einem Orkan, und op- 
gleich wir den Orkan auf demselben Schoner erlebien, 
bemerkte ich ihn erst, als das Schitt unter unseren 
Füßen zertrümmert war. Zweifellos hatte ich ihn mit der 
übrigen Kanakenbesatzung an Bord gesehen, aber Seine 
Existenz war mir nicht zum BewußtSsein gekommen, denn 
die „Petite Jeanne“ war Stark überfüllt. Außer ihren acht 
oder zehn Kanakenmatrosen, dem weißen Kapitän, Steuer» 
mann und Superkargo und ihren Sechs KaſjütpasSagieren 
fuhr Sie von Rangiroa mit ungefähr 85 DeckpasSagieren ab 
--“ Paumotern und Tahitianern, Männern, Frauen und Kin- 
dern, jeder mit einer Kiste, der Schlafmatten, Bettdecken 
und Kleiderbündel nicht zu gedenken. 
Die Zeit der PerlenfisScherei auf Paumotu war vorüber, 
und alles kehrte nach Tahiti zurück. Wir Sechs Kajüt- 
PaSSagiere waren Perlenhändler. Zwei davon waren Ameri 
kaner, einer war Ah Choon (der weigeste Chinese, den ich 
je gesehen habe), einer war Deutscher, einer polnischer 
Jude, und ich machte das halbe Dutzend voll. 
Der Fang war vom Glück begünstigt gewesen. Nicht 
einer von uns hatte Grund zu klagen, "ebensowenig „einer 
von den 385 DeckpasSagieren. Alles war gut gegangen, und 
alle konnten einer ruhigen, angenehmen Zeit in Papeete 
entgegensehen. 
Natürlich war die „Petite Jeanne überladen. Nur 
70 Tonnen groß, hätte Sie auch nicht ein Zehntel der 
Menge, die Sie an Bord führte, auinehmen dürien. Unter 
ihren Luken war Sie vollgepfropft bis an den Rand mit 
Perlmutter und Kopra. Selbst der Gepäckraum war damit 
vollgepackt. Es war ein Wunder, daß die MatroSen über- 
haupt arbeiten konnten. Auf Deck konnte man Sich Kaum 
bewegen. Sie mußten 
einfach von vorn nach 
achtern die Reling ent» 
lang Kriechen. 
Nachts traten Sie auf 
die Schläfer, die das 
Deck wie einen Teppich 
bedeckten; Sie lagen in 
zwei Schichten überein» 
ander. Und dazu Kamen 
noch Schweine und 
Hühner und Säcke mit 
Jams, während Jede er» 
denkliche Stelle mit Gir 
landen von KokoSnüssen 
und Bananenbündeln 
bekränzt war. Auf bei» 
den Seiten, ZzwiSchen 
Fock- und Großwant, 
hatte man Pardunen 
ausgespannt, gerade So 
hoch, daß der Vormast» 
baum ausschwingen 
konnte, und an ſJeder 
dieser Pardunen hingen 
 
Sonnenwende im Wold2 
mindestens 50 Bananenbündel. -- Die Ueberfahrt versprach 
nicht gerade angenehm zu werden, Selbst wenn wir Sie 
in den zwei oder drei Tagen machten, die man Sonst im 
allgemeinen : bei frisSchem SüdostpasSat brauchte. Aber 
er wehte eben nicht frisch. Nach den ersten fünf Stunden 
legte er Sich mit einem Dutzend fächelnden Atemzügen. 
Die Stille währte die ganze Nacht und den folgenden 1ag. 
Es war- eine dieser Schimmernden glasklaren Stillen, bei 
denen der Gedanke allein, die Augen zu öfinen und Sie 
zu Sehen, Schon Kopfschmerzen verurSacht. 
Am zweiten Tage Starb ein Mann -- ein OÖSunSsuianer -- 
an Pocken, obgleich es unerklärlich war, wie Pocken an 
Bord kommen konnten, da an Land, als wir Rangiroa ver 
ließen, kein Fall bekannt war. * Aber es Stimmte, es waren 
Pocken, ein Mann tot und drei andere angesSteckt. 
Es war nichts dabei zu machen. Wir konnten die Kran- 
ken weder iSolieren, noch für Sie Sorgen. Wir waren ZU- 
SammengesStaut wie die Sardinen. Man konnte nichis tun 
als Sterben und verfaulen -- das heißt nach der Nacht, 
die dem ersten Todesfall folgte. In dieser Nacht ver 
- 
Schwanden der Steuermann, der poiniSche Jude und vier 
eingeborene Taucher mit dem großen Walpoot. Man hörte 
nie wieder etwas von ihnen. Am Morgen ließ der Kapitän 
Sofort die übrigen Boote anbohren, und Ga Saßen wir nun 
An diesem Tage gab es zwei Todesfäile, am nächsten 
Tage drei; dann Sprang es auf acht. ES war ein merkwür- 
diger Anblick, wie wir uns dazu verhielten. Die Eingebore» 
nen verfielen in einen Zustand dumpfen, Schlafien Ent- 
Setzens. Der Kapitän -- er hieß Oudouse und war Fran» 
z0Se =- würde Sehr nervös und redete viel. Er bekam ge 
radezu nervöse Zuckungen. Er war ein Starker, fleischiger 
Mann, der mindesiens 200 Pfund wog, und er wurde bald 
das getreue Bild eines geileeartigen Fettberges. 
Der Deutsche, did beiden Amerikaner und ich kauften 
allen SchottisSchen WhiS- 
kv an Bord auf und 
waren andauernd be 
trunken. Die Theorie 
war prachtvoll: Wenn 
wir uns beständig unter 
Alkokol Bhielten, So 
mußte jeder Pocken» 
keim, der mit uns In 
Berührung kam, Sofort 
zu Schlacke verbrannt 
werden. Und die Theo» 
rie wirkte, obgleich ich 
geStehen muß, daß 
weder Kapitän QOu- 
douse noch Ah Choon 
von der Krankheit er- 
griffen wurden. Der 
Franzose trank über- 
haupt nicht, während 
der Chinese Ah Choon 
SICch auf ein Glas täg- 
lich beschränkte. 
Es war eine angenehme 
Zeit. Die Sonne näherte2
	        
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