Full text: Arbeiter-Jugend - 22.1930 (22)

 
22. JAHRG. / Nr.12 
BERLIN, DEZEMBER 1930 
PREIS 0,25 MARK 
 
Weimar als Weg 
ins zweite Jahrzehnt unseres Verbandes 
  
Wir Sind in dem Arbeitsjahr, das in diesen Wochen zu 
Ende geht, kaum zu einer Stunde der Besinnung gekommen. 
Die Schwere Wirtschaftskrise und die bedrohliche Zuspitzung 
Ger politiSchen Verhältnisse, insSbeSsondere nach den Wahlen 
vom 14. September, baben auch uns gezwungen, alle Kräfte 
zu Konzentrieren auf die Erhaltung der Schlagkraft der 
Organisation und auf die Stärkung ihres Einflusses auf die 
Jugend durch eine Ständige Agitation. Der Kampf um 
die Jugend ist aut 
der ganzen Linie 
entbrannt, und wir 
Stehen in d«iesem 
Ringen in der vor- 
dersten Front. 
Aber auch in Sol- 
chen unruhigen Zei- 
ten wie den gegen“ 
wärtigen IiSt es not- 
wendig, Augenblicke 
der BeSinnung ein« 
zuSchalten, um die 
Arbeit des Alltags 
wieder auszurichten 
nach dem großen 
Gesamtziel. Zu einer 
Solchen Kurzen Be- 
Sinnung Iist jetzt ein 
beSsonderer Anlaß 
gegeben. Wir be- 
Schließen mit dem 
Ablauf dieses Jahres 
das erste Jahrzehnt 
unSerer Arbeit als 
Selbständige Jugend- 
organiSation. Aut 
der ersten Reichs- 
konferen2, die Ende 
August 1920 in Weimar im Anschluß an den ersten Reichs- 
jugendtag Stattfand, wurde offiziell die Selbständige Sozia“ 
lietiSche Jugendorganisation ins Leben gerufen. Die Be- 
Schlüsse der Konferenz waren freilich nur noch eine for- 
male Anerkennung einer bereits vollzogenen latsache, denn 
das entscheidende Ereignis war nicht die Konferenz, Sondern 
unger erster Reichsjugendtag. 
Der Weimarer Jug gendtag lebt in der Geschichte 
der Jugendbewegung als ein HhistoriSches Ereignis ersten 
Ranges fort. Die Erinnerung an ihn ist denn auch in diesen 
Wochen überall wieder stärker lebendig geworden, und 
zweifellos . hat die Frage nach dem Sinn des Weimarer 
Jugendtages für die SozialistiSche Jugend» und Arbeiter- 
bewegung ein großes Interesse, denn manche der Ideen, die 
agogisSchen AuffasSsungen 
 
Wir kämpfen für die Jugend 
Teil einer Jugendschutzdemonstration in Erfurt 
weiser 
in Weimar zum erstenmal verkündet wurden, gewinnen im 
Zusammenhang mit den heutigen Aufgaben unserer Be- 
wegung neue Bedeutung. 
Was gibt uns auch heute noch das Recht, vom Weimarer 
Jugendtag als einem historischen Ereignis in der Geschichte 
unserer Bewegung zu Sprechen? Zunächst war der Wei- 
marer Jugendtag der Durchbruch der modernen päd- 
in der Sozialistischen 
Jugendbewegung. Er 
M war ein Jugend- 
B tag. Seine StärkK- 
Sten ErlebnisSse wur- 
den von jungen 
MensSchen zestaltet, 
und von Weimar 
aus trat der Gedanke 
der SelbStver- 
waltungder Ju- 
g end einen Sleges- 
zug durch die ganze 
Bewegung an. In der 
Form vielleicht hier 
und da überSspitzlt, 
wie Jede junge Idee, 
in der Sache aber 
zutiefst begründet in 
dem Verlangen der 
Jugend, an der Ge- 
Staltung der Be- 
wegung entscheidend 
mitzuwirken. Die 
Reichskonferenz; 
wählte die Vertreter 
der Jugend in die 
Verbandsleitung, und 
Sie gab damit gleich- 
zeitig den Anstoß Zu 
einer Starken Verjüngung in allen Gliederungen des Ver- 
bandes. Heute gibt es niemand mehr, der das Recht der 
Selbstverwaltung der Jugend in Frage Stellt, und der ältere 
Jugendleiter, den wir jetzt überall fordern, Soll Seine Aut- 
gabe gerade darin Sehen, diese Selbstverwaltung der Jungen 
immer wieder durch Seine kameradschaftliche Mithilfe zu 
ermöglichen. 
Man hat dem Weimarer Jugendtag dann immer wieder 
im Ion des Vorwurfs nachgesagt, er Sei zu romantisch ge 
wesen. Gewiß war der Weimarer Jugendtag auch romans- 
tisch; wir baben dort Selten Schöne Stunden ungezwunge- 
ner Fröhlichkeit erlebt. Aber wie kann das für einen 
Jugendtag ein Vorwurf Sein? Die Romantik ist ein Lebens- 
element feder gesunden Jugend, und stets hat die Jugend
	        
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