Full text: Arbeiter-Jugend - 22.1930 (22)

SE ARBEITER-ZUGEND NR.12 
 
mählich aufzudecken und die Unschuld des Verurteilten zu 
erweisen. Und als Emile Zola, der große Dichter, dessen 
Energie und Tapferkeit s0 groß war wie Sein Gerechtigkeits- 
Sinn, erklärte, er wolle die Sache des unglücklichen Dreyfus 
zu Seiner eigenen machen, da wöühlte die Affäre ganz Frank- 
reich bis zum Grunde auf und Spaltete es in zwei Lager, in 
die „DreyfuSards“ und die „Antidreyfusards“. Der Name 
Dreyfus war zum politisSchen Kampfzeichen geworden. 
Im Bund mit dem radikalen Kleinbürgertum nahm das 
Proletariat unter der Führung Jean Jaures den Kampf gegen 
den Militarismus und Seinen Bundesgenossen, den Kleri- 
kalismus, auf. Aber ein voller Sieg blieb der französiSchen 
Linken versagt. Dreyfus wurde zwar endlich im Jahre 1906 
freigesprochen und als Major wieder in die Armee ein- 
gestellt. Aber die Verbrechen der Offizierskamarilla wurden 
nicht restlos geSühnt, ihre Macht nicht ernstlich erschüttert. 
In der Handlung. des Films verblaßt die überperSönliche 
Bedeutung der Affäre vor der persönlichen Tragödie. Dafür 
entschädigt der Film durch eine Fülle großer Schauspiele- 
riScher Leistungen. Vor allem ist da die große Rede Zolas 
vor Gericht, von Heinrich George gesprochen. Wäre der 
Film Sonst ganz und gar Schlecht (das ist er nicht), diese 
Rede würde genügen, ihn zu einem wertvollen zu machen. 
Wie dieser Mann dasteht: breit und wuchtig! Er Spricht: 
Stockend und nach Worten ringend; man will ihn nieder- 
brüllen. Es ist der Kampf des Geistes gegen den Ungeist, 
der Güte gegen den Haß, der Gerechtigkeit gegen die Ver- 
Jeumdung. Sie bleibt unvergeßlich, diese Redel 
Eine untadlige Leistung, ein ganz großes Kunstwerk ist 
der franzöSiSche Tonfilm „Unter den Dächern von 
Paris“. Wie „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ verSetzt 
uns auch dieser Film ins lumpenproletarische Nilieu. Aber 
es geht hier nicht s0 düster zu wie in dem Zillefilm. Mit 
unvergleichlicher SpieleriScher Anmut, mit unbeschwerter 
Heiterkeit und Liebenswürdigkeit wird eine kleine Liebes- 
gesSchichte abgewickelt. Der ganze Film ist wie ein Gedicht, 
wie ein Märchen; So unwirklich, farbig und beschwingt. 
Und doch ist alles gleichzeitig SO wahr und echt, so gar 
nicht verlogen, wie in den vielen anderen Filmen, die man 
uns vorSetzt. Keine geschminkten Worte, Keine geschmink- 
ien Gesten, keine falsche Pathetik oder Sentimentalität. 
Es wird französSisch gesprochen. Aber das Bild und die 
Handlung reden eine So beredte Sprache, daß eine Ueber- 
Setzung nicht nötig war. Wundervoll die Kulisse: Eine 
krumme Gasse irgendwo in Paris mit Schmalbrüstigen, 
hohen, winkligen Häusern; Höfe, Kneipen und MansSarden. 
Und darüber die Dächer mit dem Gewirr der qualmenden 
EsSsen. Und das alles in Schimmernde Helle und heiteren 
Glanz getaucht. 
Wundervoll die wenigen Gespräche, die graziös Schwin» 
gende Melodie des „Sous les toits de Paris . Und mit 
welcher Meisterschaft ist eine nächtliche MessSerStecherei in 
der Nähe eines Rangierbahnhofs wiedergegeben! Man hört 
nicht das Brüllen, Keuchen und Fluchen, nur die viel wirk» 
Samere Untermalung: das dumpfe Poltern, das Rattern und 
Pfeiten der Züge. 
Die Handlung? Drei werben um ein Mädel. Albert, 
Straßensänger von Beruf, ein netter SympathiSscher Kerl, der 
hübsche, unbeständige Louis und der Starke und gewalt» 
tätige Fred, ein Zuhälter. Nach langem Hin und Her, Zwi- 
Schenfällen, Liebes= und EiferSuchtsSzenen, AuSseinander- 
Setzungen Kriegt Louis endlich das Mädel; Fred hat bei 
Lola bald ausgespielt und auch Albert muß verzichten. 
Das alles Spinnt Sich um die leichtschwebende Melodie 
des „Sous les toits , ein Kleines Lied: ganz Klang und 
Rhythmus. Man hat natürlich nicht versäumt, aus den 
Schönen französiSchen Worten dieses Songs einen albernen 
Schlagertext zu machen, der Sich würdig einreiht in die 
Front vom Wiener Prater über das Herz von Heidelberg 
zum kloinen Haus am Michigan-See. 
Werner Peese, TFrankſaurt a. M. 
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Jon Josef Maria Frank. 
„Der Bücherkreis , Berlin. 
Das Titelblatt dieses Romans müßte eine Käte Kollwitz- 
Das Leben | der - Marie Szameitat. 
Verlag 
Zeichnung Schmücken. Die Künstlerin hat das Leben der 
proletarischen Frau bildlich dargestellt, JoSsef Maria Frank 
erfüllt diesze Aufgabe in dichteriScher Form. Wir müssen 
Sagen, daß Sie ihm“ gelungen ist. Ein proletariSsches Frauen- 
SChickSal Schildert er, wie es nicht nur Marie Szameitat, 
Sondern Millionen Frauen der ganzen Welt erdulden müssen. 
All jene latsachen, die in der SozialistiSchen Bewegung von 
jeher die Grundlagen unseres Kampies für die proletarischen 
Frauen bedeuten, werden durch diesen Roman aufs neue 
bestätigt. Die Frauen der Arbeiterklasse Sind doppelt aus- 
gebeutet, doppelt Leidende, einmal als Angehörige ihrer 
Klagze und zum anderen als Frauen. 
Marie Szameitats Heimat ist das Masurenland, das Leben 
der hier wohnenden Menschen wird geschildert. Hier wird 
Marie frühzeitig in den Kampf ums Dasein hineingezwungen, 
hier hat Sie ihr erstes Liebeserlebnis und hier beginnt ihr 
Leidensweg als Geschlechtswesen. Als uneheliche Mutter ent- 
flieht Sie der Heimat und Sucht Rettung in der Millionenstadt 
Berlin. Indem wir Maries Leben weiter verfolgen, lernen wir 
'gleichzeitig die SoziclogisSchen ZuSammenbänge der Riesen- 
Stadt kennen, von denen das Leben ihrer Menschen bestimmt 
wird. Maries Freudentage Sind bier nur kurz. In ihrer Ehe 
führt Sie als Mutter von vier Kindern den Lebenskampli. 
Nicht in harmoniSscher „glücklicher Ehe“, Sondern in einer 
zerrütteten. Der Mann, ein Alkoholiker, wird bald von dem 
Großstadtsumpf vollkommen verschluckt. Nach Jahren 
unendlicher wirtschaftlicher und geelischer Qualen Sagt Sich 
Marie von ihm los und Schafft durch übermenschliche Arbeit 
ihren Kindern, die ihr bereits beltend und verstehend zur 
Seite Stehen, Selbst das Brot. Ehrfurcht und Bewunderung 
baben wir vor dem Kampf dieser Frau und Mutter, die, allen 
Niederlagen zum Trotz, ihr Schicksal bezwingt. Beinahe 
eiScheint ihr DasSein verbältnisräßig geSichert, da bricht 
neues Unheil herein, dem Marie erliegt. Als Opfer des un- 
Sinnigen Paragraphen 218 kommt Sie in Untersuchungshaft 
und macht hier ihrem Leben, das nur Arbeit, Not und Sorge 
kannte, durch Selbstmord ein Erde. 
„Das Leben der Marie Szameitat“ ist eine erSchütternde 
Anklage gegen unsere heutige Zeit, die einigen wenigen ein 
SOrgenloSes Dasein bereitet und Millionen hungern und 
darben läßt. Vom Gedanken unserer Sozialistischen Welt- 
anSschauung aus Könnte man vielleicht wünschen, daB Marie 
Szameitat, "die eine Märtyrerin und zugleich auch Heldin 
ihrer Klasse und ihres Geschlechts war, den Anschluß an 
den Befreiungskampf der Arbeiter, an die Sozialistische Be- 
wegung gefunden bätte. Wahrscheinlich hat aber Josef 
Maria Frank absichtlich diesen Ausgang des Romans ver“ 
mieden, um ihn nur als Anklage wirken zu lasSen. Das Sei 
darum 'gerade für uns Junge Proletarier die Lehre, die wir 
aus dem Lebensschicksal der Marie Szameitat ziehen wollen, 
unermüdlich jeder an Seinem Platz für die Befreiung der 
gesamten arbeitenden Menschheit zu Kämpten. 
Käte Fröhbrodt. 
1000 Worte Deutsch. Ein Sprachführer für Nachdenkliche 
von Dr. Franz Leppmann. Verlag Ullstein, Berlin, 310 5. 
5 Mk. 
Nur wenige unserer Proletarierkinder werden Sich, wenn 
Sie die Volkschule verlassen, im mündlichen und Schritt- 
lichen Gebrauch der deutschen Sprache Sicher fühlen. Und 
doch ist die einwandfreie BeherrSchung der Muttersprache 
für viele Berufe, in denen Sie ihr Fortkommen finden Sollen, 
Voraussetzung. Auch für jedes höhere geistige Streben iSt 
ein Mangel auf diesem Gebiet ein Schweres Hindernis, 
denn die Sprache ist das wichtigste. Werkzeug des Geistes. 
Was wir im Denken bewältigt haben, wird erst unser 
Sicherer Besitz, wenn wir es in Klaren Worten niedergelegt 
haben. Wie oft muß man es in unserer BildungsSarbeit 
hören, daß eigentlich vor allem Eindringen in die 
Stofflichen Gebiete mit einem Sprachkursus begonnen wer* 
den Sollte. Weshalb das nur in Ausnahmetällen möglich 
iSt, kann hier nicht weiter erörtert werden. Es ist be- 
dauerlich, aber man tröstet Sich damit, daß unsere Jungen 
und Mädchen privatim, außerhaib der Bewegung, die ihnen 
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