Volltext: Arbeiter-Jugend - 23.1931 (23)

Bb ARBEITER -JUGEND NR. 5 
 
eigenen Verderben der Frau auswirken wird“. Zwar ist es 
„Aufgabe der Staatsgewalt“, die bürgerlichen Rechte der 
Gattin den Bedürfnissen der Jetztzeit anzupasSsen, „doch 
muß das So gesSchehen, daß die wesentliche Ordnung der 
Hausgemeinschaft unangetastet bleibt“. 
Heilmittel gegen die Familiennöte 
Im dritten und letzten Teil des Rundschreibens will der 
Papst SozuSagen die Heilmittel aufzeigen, die gegen die 
Uebel, die er im Hauptteil So ausführlich geschildert hat, 
angewendet werden Sollen. Es liegt auf der Hand, daß diese 
Heilmittel vor allem religiöSen oder doch ethischen Ur- 
Sprunges Sind. Der Mensch Soll „Herr Seiner Leiden“ 
Schaften Sein“, das gilt Sowohl für die Schließung der Eke 
als auch für das Verhalten innerhalb der Ehe. Zu diese2r 
Disziplinierung Soll die Befolgung der religiögen Gebote 
dienen. Aber -- und das ist für uns besonders interesSant 
-- der Papst beschränkt Sich auf diese priesterlichen Er- 
mahnungen nicht, S0 großen Raum er ihnen in Seinen 
Ausführungen auch zumißt. In prägnanten und Scharien 
Sätzen kommt der Oberhirt der katholischen Kirche auf die 
„wirtschaftlichen VorausSsetzungen“ für ein geSundes Ehe“ 
leben zu Sprechen. „Allen Familienvätern“ Soll es ermög“ 
licht werden, „das Notwendige zu verdienen und zu er- 
werben, um Sich, Frau und Kinder zu ernähren . Dem 
„Arbeiter den Lohn zu verweigern oder unbillig herabzu- 
drücken, iSt Schweres Unrecht“. Der Papst empfiehlt den 
notleidenden Ehegatten, Sich mit anderen in ähnlicher Lage2 
zuSammenzusSchließen, auch in der Form von privaten und 
öffentlichen Bünden, um So den Lebensnöten abzuhelfen, 
also Sich zu organisieren. Er macht es den „Reichen zur 
Pflicht, den Aermeren zu helfen. „Die im Ueberfluß leben, 
dürfen Geld und Gut nicht für unnütze Ausgaben ver» 
wenden oder geradezu verschleudern, Sondern müsSsen es 
zum LebenSunterhalt und Besten derer gebrauchen, denen 
Sogar das Notwendige fehlt“. Der Papst Schließt mit einem 
Appell an die „Pflichten der öffentlichen Autorität“, also 
'an den Staat, der für die „menschenwürdige Lage der 
Familien und Ehegatten“ zu Sorgen habe. Muß doch das 
Familienleben zerrüttet werden wenn „es den Familien an 
entsprechender Wohnung fehlt, wenn der Mann keine Ar- 
beit finden kann, wenn der tägliche Bedarf nur mehr zu 
unerschwinglichen Preisen erstanden werden Kann, wenn die 
Mutter aus bitterer Not und zum Schweren Schaden des 
Hauswesens die Last auf Sich nehmen muß, durch ihre 
Hände Arbeit das nötige Geld zu verdienen.“ Die Folge 
ist, daß der Bestand des Staates Selbst bedroht wird, wenn 
MenSschen, „die nichts mehr zu verlieren haben , Schließ“ 
lich den Umsturz des Staates herbeiführen wollen. Der 
Staat Soll daher durch gesetzgeberische Maßnahmen zu- 
gunsten der Armen eingreifen, was am DHDbesten geSchieht 
durch Zusammenarbeit und entsprechende Vereinbarungen 
des Staates mit der Kirche (ein Sogenanntes Konkordat). 
Sozialismus und Ehe 
Versuchen wir als Sozialisten zum Inhalt der Enzyklika, 
den wir in großen Zügen wiedergegeben haben, Stellung zu 
nehmen! Wir gehen dabei von VoraussSsetzungen aus, die 
denen des Papstes und der Kirche nahezu entgegengeSetzt 
Sind. Die Lehre des SozialisSmus und das Handeln der 
SozialiSten Sind völlig auf das DiesSeits gerichtet. Gewiß 
würdigen wir nicht nur die wirtschattlichen, Sondern auch 
die Sittlichen Probleme, die Sich aus der Frage, wie das Zu- 
Sammenleben der Menschen geordnet Sein Soll, ergeben. 
Aber uns Kümmert eben nur das menschliche Zusammen» 
leben auf dieser Erde, wir wollen dafür Sorgen, daß es 
SozilalistiSch, d. h. getragen von Solidarität, Kameradschaft 
und Gerechtigkeit vor Sich gehen Soll. Der Papst und die 
' Kirche hingegen unterziehen Sich, wie die Enzyklika be 
weist, Zwar auch der Aufgabe, die menschliche Gesellschaft 
zu betreuen. Aber zie tv 1 dies weniger um des irdischen 
- aber nacht Seine Aufgabe ist. 
- überholt. 
Wohlergehens willen, als zur Erfüllung des göttlichen * 
Wällens und der Verbindung des Menschen mit dem Ueber- 
Sinnlichen wegen. Sie wollen die Soziale Gemeinschaft --- 
die für Sie nicht das Letzte, EntSscheidende ist (für den 
Sozialisten ist Sie es!) -- dem göttlichen Plan unterordnen. 
Es handelt Sich hier alss um eine Abwendung vom 
Irdischen, gestützt auf letzte religiöSe Ueberzeugungen, die 
der Sozialist wohl achten kann, mit denen Sich zu befasSsen 
Die Standpunkte der So- 
zialigten und der Kirche können daher nicht miteinander 
verglichen, Sie Können nur gegenübergestellt werden. 
Grundlage des päpstlichen Rundschreibens ist die Auf- 
fasSung vom „göttlichen Ursprung“ der Ehe, der für uns 
natürlich nicht zur Diskussion Stehen kann. Wir Kennen 
die Ehe lediglich als menschliche Einrichtung, die Sich im 
Laufe der Zeit erheblich verändert hat. Die Produktions- 
Semeinschaft, die die Familie ursprünglich war, hat der 
Kapitalismus weitgehend aufgelöst. Das ist auf die Ehe 
nicht ohne Rückwirkung geblieben. Die Ehe hat mindestens 
in der Stadt wärtsckaftliche Bedeutung für beide Gatten 
höchstens auf dem Gebiet der Konsumtion. Der Mann 1i5t 
kein Produktionsleiter mehr, Seine Betätigung und auch die 
der Frau liegt mehr und mehr außerhalb der Ehe. So ist 
die bisherige Form der Ehe mit ihrer Unterordnung der 
Frau unter den Mann und der Schwierigkeit der Trennung 
Das Schließt nicht aus, daß wir uns den idealen 
Maßstab, den der Papst an die Ehe anlegt, zu eigen machen 
können. Auch wir wollen durchaus, daß eine Ehe nur durch 
„überlegten und festen WillenSentschluß zustande kommen 
Soll, Auch wir wünschen, daß die Ehe „eine volle Lebens- 
gemeinschaft Sein Soll, in der die Gatten einander benhilf- 
lich Sein Sollen, den inneren Menschen immer mehr zu 22- 
Stalten und zu vollenden“. (Ein Ideal, das, irren wir nicht, 
bereits von dem griechischen PhiloSophen Plato aufgesteilt 
worden ist.) Gerade weil wir dieses Ideal anerkennen, 
können wir die Meinung des PapsStes über das Verhältnis 
zwiSchen Mann und Frau in der Ehe nicht teilen. Einem 
Solchen Ideal Können nur zwei gleichberechtigte Partner 
nachstreben. Damit Scheint uns die angeblich gottgewollie 
Ueberordnung des Mannes über die Frau in Widerspruch 
zu Stehen. 
Der Sozialistische Sinn der Ehe 
Die Sozialdemokratie, die der Frau erst die volle Staats- 
bürgerliche Gleichstelung mit dem Mann gegeben hat, be- 
Jaht natürlich die von der Kirche bekämpite Emanzipation 
der Frau. Nicht böswillige MensSchen, Sondern die Kapi- 
talistiSche Entwicklung bat die wirtschkaftliche und damit die 
phySsiologische und Soziale Verselbständigung Jer Frau 
herbeigeführt -- Sie läßt Sich nicht rückgängig machen. 
Wir haben abSichtlich das Ideal der vollen Lebensgemein- 
Schaft, das der Papst aufstellt, ebenfalls betont, weil nach 
unserer AnsSgicht eine Ehe in Eriüllung dieses Ideals durca- 
aus Sinnvoll Sein kann, auch wenn Sie Keine Nachkommen 
Schaft erzielt. Der Sinn der Ehe liegt für uns in der Ge- 
meinschaft der beiden Ehepartner Selbst; Sind die wirt- 
Schaftlichen und geSundheitlichen VorausSsetzungen gegeben, 
dann Sollten gewiß zu einer vollkommenen Ehe auch Kinder 
gehören. Die Erzeugung von Kindern aber dari nicht -- 
und hier Stehen Sich unsere AnSicht und die des Papst2S 
besonders Schroff gegenüber -- in den Willen Gottes ge- 
Stellt, Sondern Sie Soll vernünftig geregelt werden. Die Be- 
friedigung des Geschlechtstriebes geSunder MenSchen iSt, 
auch bei der Ausschaltung der AbSicht, Kinder zu erzeugen, 
keinewegs „naturwidrig“ unter zwei VorausSsetzungen: daß 
beide Teile Sich der Verantwortung, die Sie für ihren Part- 
ner und Sich Selbst tragen, Stets bewußt bleiben und daß 
die körperliche Liebe letzter Ausdruck der vorhandenen 
Seelischen Beziehungen ist. Unter dieser. VorausSetzung be- 
jahen wir das Triebleben. Wir halten es für Desser, Ver- 
hütungsmittel anzuwenden, Statt leichtsinnig Kinder in die 
119
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.