Full text: Arbeiter-Jugend - 23.1931 (23)

m ARBEITER-JUGEND NR.12 
 
Aufbauen; hieraus wächst ihre Liebe zur Gewalt. 
Terror und politischer Mord wird hauptsächlich von 
Jugendlichen oder jüngeren Menschen verübt. Welche 
Verschüttung an Seelischen und geistigen Werten 
muß Solchen Brutalifäten, wie das Niederstechen eines 
politisch Andersdenkenden, vorausgegangen Sein! 
Alle Maßnahmen, die dazu geeignet Sind, die Jugend 
vor dem politiscchen Rowdytum zu bewahren, finden 
ungere Zustimmung. So zum Beispiel das Redeverbot 
für notorische Hetzer und das Verbot der Abgabe von 
Hieb- und Stoßwafſen an Personen unter zwanzig 
Jahren in Preußen. Freilich, Polizeiverordnungen 
können die Quelle der politischen Verirrung nicht zu- 
Stopfen; aber Sie können die Demagogen zur größeren 
Vorsicht zwingen in ihrem Frevel an der Jugend. 
«X 
Hilfe für die Jugend ist das dringendste Ge- 
bot der Stunde für alie die, die nicht daran glaupen, 
daß der Untergang des Kapitaliemus das Ende der 
Menschheitsentwicklung ist. Die beste Hilie ist A r- 
beitsbeschafifung; national und international. 
Ein großzügiges Programm zur Durchführung öfient- 
licher Arbeiten ist vom Internationalen Arbeiisamt aut- 
gestellt worden. Es stützt Sich auf die Angaben ver- 
Schiedener europäischer Regierungen und Sieht die 
Ausführung von bestimmten Arbeiten vor für Deutsch- 
land, Cesterreich, Belgien, Bulgarien, Estland, Litauen, 
Rumänien, die Tschechoslowakei und die Türkei. Es 
Soll insgesamt 550 Millionen neue Arbeitstage Schaffen. 
Die Kosten dürften Schätzungsweise 5 Milliarden Mark 
betragen. Das Programm ist als ein Mittel zur Be- 
kämpfung der Arbeitslosigkeit vom Internationalen Ge- 
werkschaftsbund akzeptiert worden. 
Die Jugend braucht vor allem auch Silie in ihrer 
Seelischen Not. Die MaßBnahmendger Ärbeits- 
und Jugendämter für die erwerbslose Jugend 
müssen von uns gelördert werden; zum Beispiel 
können wir uns zur Durchführung von belehrenden 
und unterhaltenden Veranstaltungen zur Veriügung 
Stellen. DassSelbe gilt (und in stärkerem Maße) iür 
Veranstaltungen, die von Partei und 
GewerkschaftenundArbeiterwohlianrt 
durchgeführt werden. Die Arbeiterorganisationen MmüS- 
Sen Sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenünden in 
der großen Aufgabe, besonders die junge Generation 
davor zu bewahren, daß Sie in den Strudeln der Krise 
untergeht. Die Solidarität des Proletariats muß in 
diesen Monaten ihre Schwerste Probe ablegen. Diese 
Probe wird bestanden, wenn besonders die Arbeiter- 
jugend Solidarisch handelt. 
* 
Die besondere Aufgabe der SozialistiSchen Arbeiter- 
jugend für die Winterzeit besteht in folgendem: dZu- 
erst gilt es, unter den von der Peitsche der Not autf- 
gewühlten Jugendlichen unablässig den Gedanken 
desginternationalendSozialiSmuSZzuVer- 
breiten. Wir müssen die Jugend für uns gewinnen. 
Nicht nur im Inieresse der Bewegung; in unseren 
Gruppen geben wir der Jugend einen festen Halt: wir 
Setzen ihr die Lebensaufigabe, mitzubauen an einer 
neuen und besSeren Crdnung. Dazu ist es un- 
bedingt notwendig, daß wir unseren Verband intekt 
halten. Die entsetzliche Krise darf uns nicht kleinmütig 
und verzagt, darf uns nicht müde machen. Wir dürien 
nicht den Glauben an unser Ziel und Seinen Sicheren 
Sieg verlieren. 
Wir wollen vorwärts zum JSozialismus; 
nichts darf uns in diesem Wollen behindern, verwirren. 
Wir wollen in gemeinzamer Arbeit mit Partei und Ge- 
werkschaften eine Gesgellschaft aufrichten, deren Fun- 
damente eine ausschließlich für den Bedari ProO- 
duzierende und organisierte Wirtschaft mit Kurzer 
Arbeitszeit bei Anwendung aller arbeitsparenden XMe- 
thoden und eine höhere materielle und geistige Kultur 
Sind. Für dieses Ziel von morgen kämplen wir mit 
den Waffen des Wissens, der Ueberzeugung, der Er- 
ziehung. 
Verlorene oder kämpfende Jugend? Wir Stehen im 
Kampf mit der ganzen Giut jugendlicher BegeisSterung, 
mit der ganzen Fingabe an die Sehnsucht der ge- 
plagten Millionen auf dem Erdenrund, dem Sozialis- 
mus. Wir wissen: So furchtbar diese Krise auf den 
Völkern auch lastet -- das KapitalistiSche System muß 
früher oder Später aus Seinem eigenen Gesetz und 
durch die Kraft der organisierten und einigen Arbeiter- 
Schaft den Platz frei machen für unsere Welt. 
Aus der Geschichte des Jugendscnutzes 
Das Wort von Marx, daß der Kapitalismus blut- und 
Schmutztriefend die weltgeschichtliche Bühne betreten hat, 
findet nirgends mehr Bestätigung als in dem Los der zanl- 
logen unglücklichen jungen Menschen, denen um des G2> 
winns willen Lebensglück und Lebenskraft geraubt worden 
iSt und noch So vielfach geraubt wird. Ganz allmählich nur, 
zuerst ganz kümmerlich und noch heute unzulänglich hai 
Sich der Schutz der Wehrlosen im Auſbau und in der 
Durchführung einer weitverzweigten Schutzgesetzgebung 
vollzogen. In einer auf vielfach unbekanntem dStoift aus 
den Akten des preußischen Handelsministeriums iußenden 
Schrift*) gibt Hermann Maaß, der Geschäftsführer des 
ReichSausSschusses der deutschen Jugendverbände, eine 
ſesSelnde und höchst lehrreiche Darstellung der Entwickhmg 
dieses wichtigen Gebietes der Sozialpolitik. 
*) Jermann Maaß: Hundert Jahre Kampf um Jugenrd- 
Schutz. Berlin 1931. Reichsaussiuß der deutschen Jugondverbänds2 
(Sonderdruck ſür die Yerlagsgosellshaſft des Allgemeinen Deutschon 
Gewerksdiaftsbundes aus den Hefien 3 und 4 der Zeitsdhriſt ..Das 
junge Doutsdhland“). 98 Seiten. 1.80 Mk., Organizationspreis 1.40 MK. 
Als der Kapitalismus Seinen Weg in die Industrie anirat, 
galt Seine ungehemmte Entfaltung als besonders wichtige 
Staatsnotwendigkeit. Durch Vorrechte, ja Sogar durch Staat- 
liche Geldzuschüsse wurde er gefördert. So war es denn 
auch natürlich, daß er nicht etwa durch irgendwelche Ein- 
oriffe in die Regelung Seines Arbeitsverhältnisses in Seiner 
Tätigkeit gehemmt werden durfte. Zumal in einem Zeitalter, 
in dem die Volksschichten, aus denen die ArbeitersSchatt 
herkam, völlig rechtlos dahinlebten. So wurden die Arbeits- 
bedingungen ällein nach dem Gesichtspunkt der Wirtschait- 
lichkeit vom Unternehmerstandpunkt aus geregelt: un- 
beschränkte Arbeitszeit in engen, dumpfen und a«äüsteren, 
hier kalten, dort überhitzten Räumen; ohne Begrenzung 
durch Alter und Familienstand; ohne jedwede RückSsicht auf 
Gesundheit, Soziale Verhältnisse und Sittlichkeit. Die Ar- 
beiterschaft Selbst war wehrlos und ungeschult. Jeder Ver- 
Such eines Widerstandes unterlag den furchibaren Strafen, 
die auf Aufruhr geSetzt waren. 
Das Vordringen der Maschinen ermöglichte die Ver» 
wendung jugendlicher und kindlicher Arbeitskräfte, die, un» 
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