Full text: Deutsches Philologen-Blatt - 27.1919 (27)

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durchdringen, iſt unſere Hauptforderung“ (11, 212). 
Leitſaß ſagt: „Die Bedeutung von Foerſter8 Schriften beruht 
nicht ſo ſehr in formulierten Vorſchlägen, die er mächt, als in 
der Geſinnung, die er zu wecken verſteht. Daß ſich mit dieſer 
Geſinnung die Lehrer auch der höheren Sc<hulen mehr und mehr 
Steine>e 
wird nicht müde, dieſe Grundbedingung zu betonen : „Vor allem 
gewinne man da3 Lehrerkollegium für dieſen Gedanken! Hat 
es kein Intereſſe dafür, hat e3 allerhand Bedenklichkeiten, oder 
nimmt e38 die Sache nicht als etwa3 Ernſte3, ſondern als Spie- 
lerei, ſo iſt kein Erfolg zu erwarten. Und bekanntlich iſt die 
Zahl der Lehrer, die nur in der Kritik ſtark ſind, die weit über= 
wiegende, und die Lehrer ſtehen großenteils unter den alten 
Traditionen, wonac< die Schulzucht nur die Aufgabe hat, die 
für den Unterricht unentbehrliche äußere Ordnung herzuſtellen 
und die Schüler zum Fleiße zu zwingen“ (IV, 161). Und vorher 
ſagt er: „E53 liegt nur an den Lehrern, ob die Selbſtverwaltung 
- zu einem guten Ergebnis führt. Wir können jekt ſchon feſtſtellen, 
- daß die Verſuche dort am beſten gelungen ſind, wo die Lehrer 
am wärmſten auf den neuen Gedanken eingegangen ſind. Wenn 
allerdings Mißtrauen der Lehrer gegen die Schülerſelbſtverwal- 
tung herrſcht und wenn. bei jeder Gelegenheit Verdächtigungen 
und Anklagen gegen die neue Einrichtung geäußert werden, 
dann iſt an eine Durchführung nicht zu denken. Vertrauen, 
gegenſeitiges Vertrauen tut in erſter Linie not“ (IV, 160). Es 
ſcheint doch; faſt 'ſo, als ob es vielerorts an Verſtändnis und 
Vertrauen gefehlt hat, ſonſt wäre die ganze Einrichtung nicht 
ſeit 1911 auf ein tote3 Geleiſe gefahren, ſonſt hätte man 1918 
den Erlaß nicht an ſo vielen Stellen ſo unbedingt verurteilt. 
Eine andere Vorausſezung erwähnt Steine>e IV S. 162. 
„Die Schulgemeinſchaft muß moraliſch geſund und klug-organi- 
ſiert ſein“; darum ſei e3 nötig, vorſichtig, von den unteren 
Klaſſen an, eine allmählich ſich auswachſende Verwaltungs3- 
art zu ſchaffen, und noch beſſer ſei e3, wenn die Selbſtbetätigung 
der Schüler in Vereinen als Aus8gangs3punkt für die Selbſtver- 
waltung der ganzen Schule genommen werden kann (IV, 164; 
vgl. auch 1, S. 13). Auch dieſe Forderung erfüllt der Minijte- 
rialerlaß, wenn er den Schülern volle VereinSsfreiheit geſtattet. 
So wird die Vorbedingung des Direktor38 Kollig3-Vierjen, Rhpr., 
erfüllt, der von den Schülern die ſittliche Reife, von den Leh- 
rern für ihre Stellung in- und neben der Schülerſelbſtverwaltung 
'das richtige Verſtändni38, den erforderlichen Takt und ſichere 
Selbſtändigkeit verlangt (IV, 21). - 
Wir kommen damit ſchon zu der zweiten Frage: Wie 
denken ſich die Direktoren die Ein- und Durchführung der Selbſt- 
verwaltung? Da iſt e8 vor allen Dingen notwendig, daß man 
bei ſich ſelbſt und bei den Schülern nie das Ziel der neuen 
Erziehung aus dem Auge verliert: „Immer muß die Abſicht 
der Erziehung zum Gemeinſinn erfennbar ſein, dann wird ſich 
die Heranziehung der Schüler zur Schulverwaltung auc< be=- 
währen“ (IV; 161). DeSshalb muß man mit allem Ernſt auf 
die Vertrauenömänner einwirken, vor allem, daß ſie nur im 
kameradf<aftlichen Sinne und in Freundlichkeit ihre Ämter aus- 
üben. Daneben muß man natürlich andererſeit8 auch den Schü- 
lern der unteren Klaſſen unbedingten Gehorſam gegenüber ihren 
älteren Mitſchülern einſchärfen (IV, 166).2) Auf dieſe Weije 
entſteht nach: Steine>e8 Bericht „binnen kurzem ein freund- 
ſchaftlicher Geiſt, der die Schüler der oberen und unteren Klaſſen | 
kameradſchaftlich miteinander verbindet und“ reiſend, veredelnd | 
auf die ganze Schülerſchaft einwirkt“ (IV, 166). Vor allem ver- | 
- langt Steine>e Geduld, beſonder3 in der erſten Zeit. Man müſſe 
?) Vgl. Engelbert a. a. O. ebenſo: “ „Es bedurfte und bedarf hier | 
gibt un3 Wetekamp a. a. O. unter Ergänzung der Ausführungen 
- Engelberts. 
- freude in Erziehung und Unterricht. 
ebenſo wie bei dem wiſſenſchaftlichen Vorwärtskommen der Schüler 
einer nicht nachlaſſenden erzieheriſchen, Einwirkung ſeiten3 der Lehrer 
jowie. häufiger Hinweiſe auf die Bedeutung einer guten Amtsführung 
für die Erhöhung der Selbſtachtung, für die Ausbildung der Fähigkeit 
 
zur Leitung anderer und allgemein für die Bildung des Charakters. “ 
(S. 17.) - 
 
nicht gleich aus Fehlern, die ſelbſtverſtändlich im Anfang hier 
wie überall gemacht werden, ohne weiteres den Schluß ziehen, 
daß die ganze Einrichtung fehlerhaft fei (IV, 160).*) = 
Bei der Einführung der Selbftverwaltung müßte jeder 
Zwang vermieden werden. Brettſc<neider ſträubt ſim dur<aus 
dagegen, daß nun etwa die Selbſtverwaltung von oben her an- 
geordnet werde. „Ich will nicht, daß die Freiheit befohlen werde. 
Ich will, daß dieſe Dinge ruhig und ſtill wachſen und ſich ent- 
wikeln, gemäß der Verſchiedenartigkeit der Verhältniſſe und 
Menſchen. Möge dieſer Entwicklung die Fürſorge des Regle- 
ment3 fern bleiben“ (1, 44). So betont auch Steine>e, „daß nicht 
alle Schüler dieſelben Vorſchriften der Selbſtverwaltung haben 
können“ (IV, 164). „Jede Anſtalt“, ſagt er, „muß nach ihren 
eigenen Bedürfniſſen die Saßungen au3sprobieren und ausarbei- 
ten. Während e3 an der einen Anſtalt möglich ſein wird, den 
Schülern auch eine gewiſſe beſchränkte Strafgewalt zu ver= 
leihen, damit ſie bei ihren zahlreichen neuen Pflichten jauc<h 
Rechte bekommen, wird an andern Anſtalten, beſonders an 
Nichtvollanſtalten, Derartiges nicht möglich ſein ... Die bis- 
herigen Erfahrungen zeigen uns, daß die Schüler binnen kur- 
zem den Wert der Selbſtverwaltung richtig einſchätzen lernen 
und daß die Wahrhaftigkeit und die Ehrenhafſtigkeit keine8wegs 
leiden, ſondern vielmehr gefördert werden“ (IV, 165). Die 
Sazungen der Selbſtverwaltung bedürfen ſelbſtverſtändlich der 
Billigung der Konferenz, an manchen Sculen ſind ſie durch 
gemeinſame Beratung einiger Lehrer mit vertrauen5würdigen 
Schülern entworfen worden (IV, 159). Direktor Thamm teilt 
den Standpunkt, daß die Arbeit bei der Selbſtverwaltung „in 
den einzelnen Klaſſen einzuſezen hat und dann auf das Sc<ul- 
leben außerhalb der Klaſſe au8gedehnt werden kann (1, 168). 
Beſſer ſei e8, mit einer kleinen Tat al38 mit einem großen 
Vorſatß anzufangen (IV, 161). Direktor Kuld>e - Zoppot er=- 
wartet noch größere Erfolge der Selbſtverwaltung, wenn die 
Eingewöhnung von der unterſten Klaſſenſtufe an erfolgt (1, 74), 
und dem entſpricht erweiternd Steinecke, wenn er ſagt, etwa3 
Erſprießliches könne nur geleiſtet werden, wenn planmäßig von 
unten herauf und von innen heraus die Selbſtverwaltung ein- 
geführt und fortgeführt wird (IV, 164)*). 
I<h faſſe noch einmal mit Direktor Thamms Worten zu- 
ſammen: „Die gute Sache kann nur gedeihen, wenn das 
Lehrerkollegium einmütig handelt in innerer Zuſtimmung und 
äußerer Handhabung aller vereinbarten Maßregeln, wenn es 
ſelbſt . .. aus Perſönlichkeiten beſteht, „durc< die ſich von ſelbſt 
Licht an Licht entzündet", wenn es ... die Reform . .. nach den 
äußeren und inneren Sc<ulverhältniſſen mit Maß und Muße 
einführt und ſo folgerichtig durchſeßt, daß. „die Wucht eine3 ſich 
einheitlich kundgebenden Willen38 zu verſpüren iſt“. Dann wird 
nicht nur das winkende Ziel de8 Schweißes der Edlen wert ſein, 
ſondern auch das vollendete Werk ſeinen Meiſter loben!“ 
(111, 173.) 
E35 ſind Worte hoher Begeiſterung, die hier ein berufener 
Erzieher für die Reform der Schulzucht 1911 gefunden hat, und 
e3 iſt ſehr zu bedauern, daß ſie ſo wenig Nachklang im deutſchen 
Schulleben gefunden haben. I< glaube genügend klargelegt 
zu haben, daß ſich der Sc<hulgemeindeerlaß mit den Wünjchen 
der Direktorenverſammlungen in vielen Stücken deckt*?). Ge- 
1) Höchſt erfriſchend und vorbildlich wirkt die Art, wie Wete- 
kamp (a. a. O.) ruhig abwartend und doh ſeiner Sache ſicher in ſeiner 
Schulgemeinde zuſieht, bis ſich der oft ſich ſehr abſurd gebärdende Moſt 
- zu einem guten Wein entwickelt. 
2) “Ein geradezu vorbildliches Beiſpiel der Organiſationskünſt 
Vgl. an< Wetekamp, Selbſtbetätigung und Scaffens8- 
Teubner. 
3). Ich ſtelle nur die Tatſachen feſt ; es liegt mir fern, etwa zu 
behaupten, daß der Verfaſſer des Erlaſſes die Berhandlungen gekannt 
- und benußt hat. 
518.
	        

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