Full text: Deutsches Philologen-Blatt - 33.1925 (33)

des vierten Grundſc<uljahres in Frage kommen, im Rahmen eines 
nach den Methoden der Arbeit3ſ<ule erteilten Klaſſenunter- 
richt3 den fehlenden Lehrſtoff durchzunehmen. Die Leiſtungs- 
fähigen würden dadur< nicht überlaſtet werden, und die Eltern 
würden mit Freuden der ſtärkeren Belaſtung ihrer Kinder mit 
häuslichen Aufgaben zuſtimmen. Ic< habe ſc<on viele Eltern be= 
gabter Grundſchüler klagen hören, daß ihre Kinder zu wenig für 
die Schule zu arbeiten hätten, fich dadurch das Bummeln an- 
gewöhnten und verſagen würden, wenn ihnen ſpäter plößlich in 
der Sexta größere Pflichten auferlegt würden. Doch ein ſolc<e3 
Vorgehen ſteht im Widerſpruch mit folgenden Worten der Au3- 
führur.g3beſtimmungen: „Die unterrichtlihe und erzieheriſche 
Arbeit der Grundſchule iſt auch fernerhin geſchloſſen und aus- 
ſchließlich auf eine vierjährige Dauer des Lehrganges einzu- 
ſtellen.“ Die höhere Schule muß. jeßt, da ſie ihre Schüler aus 
verſchiedenen Grundſchulklaſſen erhält, einige Wochen am Anfang 
de3 Schuljahr8 in der Sexta dazu verwenden, in einem Vorbe- 
reiturngskurſus ſämtliche Schüler der Klaſſe auf ein gleiches 
Niveau zu bringen, bevor ſie mit dem eigentlichen Lehrſtoff der 
Sexta beginnt. Auc< hier würde Gelegenheit ſein, den nach drei- 
jähriger Grundſchulpflicht aufgenommenen Schülern das aus dem 
Lehrſtoff des vierten Grundſchuljahres beizubringen, was ihnen 
für ein erfolgreiches Weiterarbeiten in Sexta nötig iſt. Da es 
ſich um einzelne, beſonder3 leiſtungsfähige Kinder handelt, die 
über den Durchſchnitt begabt ſind und im Hauſe zur Arbeit an- 
gehalten werden, würde dies keine erheblichen Schwierigkeiten 
bereiten. Da aber die Ausführungs3beſtimmungen vom 17. April 
d. I3. die früheren Richtlinien für die Aufnahme in Sexta für 
dieſe Gruppe von Kindern nicht abgeändert haben, iſt der Prü- 
fungö3ausſchuß verpflichtet, ſorgfältig feſtzuſtellen, ob auch dieſe 
Kinder die vorgeſchriebenen Forderungen für die Auſnahme in 
Sexta voll und ganz erfüllen. 
Bei dieſer Sachlage werden die Eltern, welche glauben, daß 
ihre Kinder nach dem Grade ihrer Leiſtungsſähigkeit für einen 
vorzeitigen Übergang nach Sexta in Fräge kommen, in zahlrei- 
<en Fällen dazu übergehen, ihre Kinder im dritten Grundſchul- 
jahr in privatem Unterricht zu fördern oder fördern zu laſſen, 
denn die Grundſchüler ſind noch zu klein, um ſich als Autodidak- 
ten weiterzubringen. E3 iſt eine bekannte Erſcheinung, daß viele 
Eltern die Leiſtungsfähigkeit ihrer Kinder überſchäßzen. Manches 
Kind wird daher in Zukunft durch Privatunterricht auf einen 
vorzeitigen Übergang in die höhere Schule vorbereitet werden, 
ohne daß nach dem Grade ſeiner Begabung eine AuzSjicht auf 
Erfolg vorliegt. Die pädagogiſch und hygieniſch bedenkliche, künſt- 
lich getriebene Bildung wird nicht vermieden werden. Dieſe Ge- 
fahr wäre zu beſeitigen, wenn dafür Vorſorge getroffen würde, 
beſonders leiſtungsfähigen Kindern durc< einen im Rahmen der 
Grundſchule erteilten Unterricht das Überſpringen einer Jahre3- 
aſſe zu ermöglichen. Nac meiner Anſicht iſt dies ohne Ver- 
lezung des vierjährigen Syſtems der Grundſchule möglich. 
Und wie ſieht die ſoziale Seite der Au3wirkung der Grund- 
ſc<hulgeſeznovelle in Preußen aus? Da ein Überſpringen der vier- 
ten Grundſchulklaſſe ohne beſonderen Privatunterricht im all- 
gemeinen nicht möglich ſein wird, werden die beſonders leiſtung3- 
fähigen Kinder der unbemittelten Bevölkerungsſchichten, deren 
Eltern nicht imſtande ſind, ſie ſelbſt zu fördern oder das Geld 
für Privatunterricht aufzubringen, von der durc< die Novelle 
zum Reich8grundſchulgeſeß ermöglichten Vergünſtigung eines vor- 
zeitigen Übergang38 auf die höhere Schule ausgeſchloſſen jein! 
Blankeneſe. Wilhelm Schramm. 
Die Stellung der Mäd<enbildungsanſtalten 
na<h den neuen preußiſchen Richtlinien. 
„Für die einzelnen Formen der Mädchenſchulen gelten grund- 
ſäßlich die Lehrziele und Lehraufgaben der entſprechenden Kna- 
-benſchulen“ = mit dieſen Worten wird durch die Richtlinien 
 
 
 
 
für die Lehrpläne der höheren Sc<hulen Preußen3?) die Verein- 
heitlihung des gejamten höheren Bildungs8weſens für Knaben 
und Mädchen vollzogen und damit eine Forderung verwirk- 
licht, die der Preußiſche Philologenverband ſeit dem Aufdäm- 
mern der Reformbewegung erhoben und die er in Hilde3heim 
(Pfingſten 1922) in die Form gekleidet hat: „Ziele und Berech- 
tigungen der höheren Mädchenanſtalten ſollen denen der Kna- 
benanſtalten durc<au3 gleichwertig ſein“). Dieſe Forderung wurde 
damal3 von mir in dem Referat, da3 der Beſchlußfaſſung voran- 
ging, no< näher wie folgt umſchrieben: „Da es nur eine Wiſſen- 
ſchaft, nur eine Kultur gibt, ſo müſſen Kraben und Mädchen 
nach grundſfäßlich gleichen Geſichtöpunkten unterrichtet und er- 
zogen werden. Das ſchließt natürlich nicht aus, daß die Schule 
ſich den verſchiedenen Begabungen, Neigungen und Zielſezungen 
anzupaſſen hat und daß wir mit Rücdſicht auf die Verſchieden- 
heit, die die Geſchlechter nach Veranlagung, Entwicklung und 
Aufgabenkreis zeigen, für beſondere Knaben- und Mädchenan- 
ſtalten nebeneinander zu ſorgen haben“*). In ähnlichem Sinne 
lejen wir in den Richtlinien: „Vor allem wird ... auc< bei 
gleichen Stoffen das der einzelnen Schulart eigentümliche Bil- 
dung3ideal ſid im Geiſt und in der inneren Einſtellung des 
Unterric<ht3 auswirken. Ebenſo wird der Unterſchied der Ge- 
ſchlechter bei der Behandlung der gleichen Lehrſtoffe für Art 
und Methode de38 Unterrichts weſentlich beſtimmend ſein“). 
Somit wäre eine38 der Hauptziele, die der Verband ſich ge- 
ſezt hatte, mit den Richtlinien grundſätzlich erreicht; und daß 
e3 erreicht iſt, wird nicht nur Genugtuung unter denjenigen 
männlichen Philologen, die dafür gefochten haben, auslöſen, 
ſondern es ſ<eint auch in Frauenkreiſen als Fortſchritt ange- 
ſehen zu werden, wie an der Hand eine3 Berichtes von Mini- 
ſterialrätin Dr. Heinemann feſtzuſtellen iſt, in dem es heißt: 
„E3 mag verwunderlich erſcheinen, daß ich... zwiſchen Schülern 
und Schülerinnen und zwiſchen den einzelnen Sc<hulgattungen 
biSher nicht unterſchieden habe; und damit wird allerdings 
an eine, wie mir ſcheint, vor allem bemerken5Swerte Neuerung 
gerührt: die Lehrpläne für Knaben- und Mädchenſchulen bilden 
eine Einheit. . . .. Wer alſo vom Weſen der höheren Schule, wie 
e8 der Unterricht8verwaltung vorſ<webt, etwas erfahren will, 
braucht nicht nach den Geſchlechtern zu ſcheiden: die Grund- 
ſäße und Maßſtäbe ſind für alle Schulen dieſelben. Demgegen- 
über hat die Sonderung na< Schultypen und die Verteilung 
de3 Lehrſtoffe3 auf ſie nebenſächliche Bedeutung“). =- Ähnlich 
urteilt Studienrätin Ullmann in einer Beſprechung der Richt- 
linien: „Iſt nun auf die Mädchenerziehung ganz beſonder3 Rück- 
ſicht genommen? Zum Glück nicht in einer Weiſe, die, wa3 als 
ſogenannte „weibliche Eigenärt eher zu bekämpfen iſt, noch 
mit großen Schlagworten betont und pflegt. Grundſätzlich gelten 
für die Mädchenſchulen die Lehrziele und Lehraufgaben der ent- 
ſprechenden Knabenſchulen, um gerade die Mädchen in wiſſen- 
ſchaftlicher Arbeit zu ſtrenger Sachlichkeit zu erziehen. Innerhalb 
dieſes gemeinſamen Bildungszieles ergeben fi nun aus Ver- 
anlagung und LebenZ3aufgabe der Mädchen in der Stoffaus8- 
wahl und in den zu behandelnden Problemen ſowohl, wie. be- 
ſonder3 in der Darbietung durc< die Lehrenden und die Art 
der Aufnahme durch die Mädchen Unterſchiede, die ſich in einem 
Lehrplan ſelbſtverſtändlich nicht faſſen laſſen“). 
Die Frage der Zuſammenſezung des Lehrkörper8, die ohne 
Zweifel von derjenigen der Gleichwertigkeit der Anſtalten nicht 
zu trennen iſt, wird in den Richtlinien nicht berührt. Man darf 
I Zimmern 
1) Weidmannſche Taſchenausgabe, 3; 360 (S. 301 d. Bl.) mE 
2) Vgl. Jahrg. 1922 d. Bl., S. | ! 
3) Vgl. Jahrg. 1922 d. Bl., S. 321 ' 
4) Taſchenaus8gabe, S. 191 (S. 273 d. Bl.). “. 
5) Zeitſchrift „Die Frau“ 1925, S. 227. 
6) Zeitſchrift „A. D. L. V.“ 1925, S. 100. 
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