Full text: Jugendschriften-Warte - 11.1903 (11)

Beilage zur Pädagogischen Reiorm. 
Jugendschriften-Warte, 
Organ der vereinigten deutschen Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften. 
Herausgegeben yom Hamburger 
Prüfungsausschuß für Jugendschriften 
1. V.: 
Herm. L. Kögter, Hamburg, Hasselbrookstr. 70. 
Verantwortlicher Redakteur: 
Heinrich Welgast, Hamburg, Ottostr. 18. 
Jahres-Abonnement für 12 Nummern 
1,20 M. Vertrieb für den Buchhandel 
durch 
Ernst Wunderlich in Leipzig. 
 
No. 6. 
Juni 1903. 
11. Jahrgang. 
 
Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas 
in freier und zeitgemässer Bearbeitung 
von Chr. Hamann. 
Es liegt unsere; Wiszens hier zum erstenmale der Versuch 
vor, ein klasSiSches Kunstwerk in einer Bearbeitung der Jugend 
darzubieten. Ohne Frage ein Sehr gewagtes Unternehmen, denn 
es erfordert das von vornherein immer etwas Kongenialität mit 
dem Dichter, Der Dichter gibt in Seinem Werke Stets ein 
Stück Seiner Persönlichkeit, in die kein Fremder hineinschlüpfen 
kann. Bei einer Bearbe.tung muß aber diese persönliche Eigen- 
art unter allen Umständen gewahrt werden. 
Was tritt nun von dieser Kleistschen Eigenart in der 
Kohlhaas-Novelle besonders hervor“ Kleist ist durchaus Realist 
und behandelt die Erzählung mit größter Objektivität. NXir- 
gends drängt er den Dichter und desgen Meinung vor, Sondern 
jegliche Refßexion unterbleibt. Nirgends finden wir eine breite 
Ausmalung Sondern in ruhiger. durch nichts zu erschütternde 
Sachlichkeit Schreitet S21ne Erzählung weiter. Kleist will nur 
erzählen, der Leger Soll in eigener Fantasgie mitdichtend die 
Vorgänge erleben, Sie mit erarbeiten und Sich ausmalen. Dazu 
Zibt der Dichter dem denkenden LesSer ein Hülfsmittel, indem 
er die Stumme Geherdensprache der handelnden Persgonen an- 
deutet. Jeder Zug gibt ein neues Augenblicksbild, das weiter 
auszumalen er dem Leser überläßt. Dieser muß Ssich in die 
Seelenzustände der Kleistschen Menschen hineinleben, kann er 
das nicht, So ist ein Genuß absolut ausgeschlossen. So ist 
Kleists Prosa keineswegs eine leichte Lektüre, gie stellt im 
Gegenteil hohe Anforderungen an den Leger. Eine weitere 
Ligenart ist Kleists Vorhebe für die indirekte Rede. Diese ent- 
Springt naturnotwen lig aus Seinem Realismus und der ganzen 
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Knappheit Seiner Darztellung. Das wirkliche Gespräch mußte ' 
verkürzt werden. 80 entstand die indirekte Rede. 
Es soll nun keineswegs geleugnet werden. daß die Kleist- 
Sche Darstellungsart. wie berufene Kritiker, auf die ich mich 
Stützen kann, dargetan haben, nicht auch ihre Mängel hätte. 
So bietet Kleist z. B. in &prachlicher Beziehung manche 
Schwierigkeiten. Er baut Perioden von beängstigender Länge. 
eine gewisse latinisierende Struktur Seines Satzbaues ist nicht 
zu verkennen. Auch fällt die zweite Hälfte der Novelle merk- 
lich gegen die erets ab. „Der Patriot, und der Mystiker Schlagen 
ihn hier in den Nacken.“ Dieses letzteres aber -- die Einfügung 
des Gespenstes der Elisabeth -- zeigt Kleist als Kind Seiner 
Zeit, als Romantiker. Das muß aber wohl beachtet werden, und 
wir wollen ihn deshalb keineswegs verurteilen. Er hat ein 
Recht, yon uns zu fordern, aus dem Geizte Seiner Zeit 
heraus beurteilt zu weiden. 
All diese Erörterungen werden uns zugleich auf zweierlei 
eine Antwort geben: nämlich, daß wir erstens den Michael 
Koblbaas für die Jugend unter dem 15. Jahre nicht geeignet 
halten, zweitens aber auch eine Bearbeitung des Stoffes ab- 
lehnen. Wir mügsen uns hier auf Wolgasts Standpunkt stellen, 
den dieser in dem Abschnitt „Bearbeitungen“ („Elend unserer 
Jugendlitteratur“ 2. Aufl. S. 86 ff.) zum Ausdruck bringt. Das 
Kind ist für den Stoff noch nicht reif, also bleibe es davon: 
denn es liegt durchau3 kein Zwang var, es mit diegem Stoffe 
bekannt zu machen. 
Trotz alledem Stehen wir nicht an, die Mühe und den 
Fleiß des Herrn Bearbeiters lobend hervorzuheben. Es mag 
das Buch, das vom Verleger trefflich ausgestattet iSt und dem 
die Illustrationen vou Karl Röbling und Paul Thumann einen 
 
und in ihren Mängeln: 
prächtigen Schmuck verleihen, doch vielleicht insofern Seine 
Dienste tun, als es manchen. der ihm Sonst ferngeblieben wäre, 
zu dem Original führt. Hamann ist Sicherlich bei Seiner Arbeit 
von den ebrlichsten Absichten geleitet. Er will den „Herzen 
Seiner VolkSgenossen ein Schönes Werk des deutschen Genius 
väher und immer näher bringen“. Wohlgemerkt also. dem 
Volke, nicht der Jugend wird das Werk dargeboten. Das kann 
uns aber leider in unser Angicht über die Bearbeitung nicht 
irre machen. Das Volk hat ein heiliges Recht, die Persönlich- 
keiten Seiner Dichter kennen zu lernen, wie Sie Sind, aus dem 
Geiste Ihrer Zeit heraus, geschichtlich gewordene Gestalten. 
nicht aber in zeitgemäßem Faltenwurf. Wohin gollte das führen ? 
Davn könnte Sich Schließlich jedes Zeitalter Seinen Heinrich von 
Kleist zurechtmachen nach Seinem jeweiligen Geschmack Und 
wo bliebe der Dichter? Wenn man hier etwas tun will, 80 
SOll man nicht am Dichter ändern. Sondern Geschmack und 
Verständnis des Volkes bilden, daß es an wahren Dichtern 
Seine literariSchen Bedürfnisse befriedige, ihrer Eigenart Sich 
freue und sich mit Liebe und Verständnis in dieselbe versenke. 
ÜUnser Volk Soll Seine Dichter kennen lernen in ihren Vorzügen 
denn So nur redet der Dichter als 
Mensch zum Menschen und kommt unserm Herzen dadurch 
mensSchlich näher. So wollen wir ihn haben, wie er ist: Die 
Venus bleibt ein Kunstwerk auch ohne Arme. 
Was mich besgonders veranlaßte, mich des weiteren über 
diese Kohlhaas-Bearbeitung zu verbreiten war der Umstand, 
daß dieses Buch ausgeht von dem Mitgliede eines Jugend- 
Schriftenausschusges. Wir dürfen es uns nicht verhehlen, wir 
haben erbitterte Gegner, die jede Gelegenheit anfgreifen werden. 
uns etwas am Zeuge zu flicken. Darum hüten wir uns, ihnen 
Solche Gelegenheit zu bieten. Wir verurteilen unnachsichtig 
Bearbeitungen Grimmscher Märchen, warnen vor VerwäsSerung 
und Verunstaltung Hebelscher Erzählungen, Jegen den höchsten 
Wert auf das Kunstwerk und auf Wahrung der Eigenart des 
Künstlers. Wenn wir 80 vor fremden Türen Kehren, dann 
müsgen wir vor der eigenen Tür und im eigenen Hause erst 
recht und aufs allerstrengste auf Ordnung halten. Darum noch- 
mals: Hamanns Arbeit und AbSgicht in allen Ehren, aber wir 
müSSen Sie doch ablehnen. 
Braunschweig. Wäihelm Börker. 
Inhaltsverzeichnis der Jugendschriften-Warte. 
Für die ersten 10 Jahrgänge der J.,«-W. hat die Redaktion 
ein Inhaltsverzeichnis zusammengestellt (Verlag Ernst Wunder- 
hch. Leipzig, 50 Pf. Sämtliche Artikel und Notizen Sind unter 
folgenden Überschriften chronologigch geordnet: Arbeit der 
Pr.-A -- Kritiesche Grundzätze -- Besprechung bezw. Anzeige 
von Jugendschriften in besonderen Artikeln -- Würdigung ein- 
zelner Jugendschriftsteller -- Biüderbuch und Ilustration -- 
Kinderlied -- Zeitschriften für die Jugend --- Kalender für die 
Jugend -- Schundliteratur und Grossobuch -- Beobachtungen 
über Verständnis und Geschmack der Kinder und die Wirkung 
der Lektüre -- Autobiographische Angaben über Jugendlektüre 
-- Privatlektüre der Kinder -- Schullektüre -- Schülerbiblio- 
thek --- Lektüre für das nachSchulpflichtige Alter und YVolks- 
bildungsbestrebungen -- Schülervorstellungen -- Schülerkonzerte 
-- Bibliographie -- Lehrerschaft und Jugendlektüre -- Behörden 
und Jugendlektüre -- Buchhandel und Jugendlektüre -- Per- 
Sönliches -- Weihnachtsverzeichnisse. -- Die Beurteilungen der 
vereinigten Prüfungsausschügse (730 an derZahl) Sind alphabetisch
	        

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