Full text: Jugendschriften-Warte - 11.1903 (11)

Der dachte Sich aber, daß das hoch oben auf dem Turme wäre, 
Da wollte er zur Kirchentür rein. Aber da waren Kreuze 
daran. Das können die Geister nicht vertragen. 
Da kletterte das Gerippe von außen an der Kirche boch, 
Da kriegte der Türmer einen großen Schreck. Er wollte 
dem Gerippe das Hemd gern wiedergeben. Das Gerippe kam 
immer näher, und der Türmer hatte immer mehr Angst. 
Vnd wie das Gerippe grade beinah oben war, da Schlug es 
eins. 
Wenn es eins schlägt, darf aber kein Solcher Geist mehr 
draußen Sein, Da fiel das Gerippe runter und ging kaput. Das 
war der Totentanz.“ 
Was allein den Gegenstand mitteilungswert, ja mitteilbar 
macht, hat der „Hauslehrer“ mit dem poetischen Gewande (d, 1. 
dem letendigen Körper der Dichtung) abgestreift und prägen- 
tiert den Kindern eine grausige Albornheit. Wozu? Ottos Be8- 
merkung zu Seiner Faustbearbeitung: „Der pädagogische Erfolg 
aber würde 56m: Das mühelose Verständnis von Goethes Faust“ 
Scheint die Antwort zu geben. Wenn Achtjährige Goethes 
„Totentanz“ nicht yerstehen, 80 warte man noch ein paar 
Jahre. Der Darbietung des „Erlkönig“ in der Mundart der 
Achtjährigen hat Otto die Bemerkung angehängt: „... die Ge- 
Schichte hat einer erzählt, der besger erzählen kann als alle 
anderen. Das ist der große Dichter Goethe, Der hat sie in 
einem Schönen Gedicht erzählt, Und nun könnt ihr euren Vater 
oder eure Mutter bitten, daß zie euch das Gedicht ein- 
mal vorlesen.“ Darnach Scheint es, als wenn Otto geine 
Progadarstel lung gewisgerm aßen nur als methodische Einfüh- 
rung in das Original betrachtet haben will, Aber auch das ist 
nach meiner Auffassung vom Wegen einer Dichtung unzuläsgig. 
Die nackte Fabel ist nicht das Wesentliche einer Dichtung, 
Sondern die poetische Form mit ihrer lediglich durch die dich- 
teriSchen Mittel erzeugten Stimmung. Alle Einführung darf, 
wenn Sie dem Gedicht gerecht werden will, nichts anderes be- 
zwecken, als diese Stimmung vorzubereiten. Die Progadarstel- 
lung für Achtjährige verzetzt den Hörer aber in eine ganz an- 
dere Stimmung, die erst wieder überwunden werden muß, wenn 
die Dichtung selbst, Sei es unmittelbar nachher, zei es Später, 
wirklich mit ihren eigentümlichen Werten zur Geltung kom- 
men Soll. Das läßt eich Sogar an Einzelheiten nach weisen. 
Man vergleiche, indem man laut liest, die Wirkung: 
Otto: 
- «,- Da kam auf einmal aus 
dem einen Grabe eine Frau 
raus. Und aus dem andern 
Grabe kam ein Mann raus. 
Die fingen alls beide an zu 
tanzen. *) Und dann kamen 
eins Masse Tote aus den Grä- 
bern, und die fingen alle an zu 
tanzen. Aber S3ie hatten Sehr 
langes Hemden an; und die 
waren ihnen unbequem, weil 
Sie da 1mmer drüber stolper- 
Goethe : 
Da regt Sich ein Grab und ein 
anderes dann: 
Sie kommen hervor, ein Weib 
da, ein Mann, 
In weißen und schleppenden 
Hemden, 
Das reckt nun, es will 2ich er- 
getzen Sogleich, 
Die Knöchei zur Runde, zum 
Kranze, 
So arm und 80 jung, und 80 alt 
und 80 reich; 
ten... Doch hindern die Schleppen 
am Tanze, 
Soviele Abweichungen im Gedichte vom Oitoschen Prosa- 
text. Soviele wohlberechnete oder wahrscheinlicher: intultivy er- 
faßte Stimmungsmomente, die der Prosadarstellung völlig ab- : 
gehen. Kunst ist Gestalten, auch Dichtkunst, und dichterische 
Werke lassen Sich ebensowenig umformen wie Bilder oder 
Mugikstücke: man vernichtet Sie bei dem Versuche. 
Die Entwicklung des poetischen Formgefühls ist Otto 
offenbar eine geringe Sache. Daraus erklärt Sich auch, daß er 
aich unzerer Mahnung, den Kindern nur gute Bücher in die 
Hand zu geben, „nicht ohne weiteres anschließen kann“ (1901, 
19). Er hält das Verbieten gew:s5er Bücher „für viel gefähr- 
licher, als die harmloge Konsumtion Selbst einer beträchtlichen 
Menge von Schundliteratur“. 
Über die Darstellung von Tagesfragen für Kinder will ich 
nicht urteilen. Berthold Otto besitzt ein großes Geschick, diese 
Dinge klar und einfach vorzutragen. Ich maß nur Sagen, daß 
es vor der Hand meinem Gefühl widerstrebt, gewisse politigche 
Parteifragen, in denen man Selbst mitten drinsteckt, vor Kindern 
zu behandeln. 
Y) Nebenbei: Otto liest das Gedicht hier falsch. 
34 
 
 
 
eee 
Es ist ein unbestreitbares Verdienst des Hauglehrers, auf 
die Wichtigkeit der Sprechsprache hingewiesen und ihre Be- 
rechtigung betont zu haben. Das papierne Schuldeutsch ist ein 
Unglück, und wer zur Verbreitung dieser Erkenntnis beiträgt, 
Soll willkommen gein. Aber die Werke der Dichtkunst sind 
unverletzliche Kleinodien; man kann die Jugend an gaie beran- 
führen, daß gie lernen, aich an ihnen zu freuen, aber man Soll 
Sie ihnen nicht zum Spielen und Tändeln in die Hand geben. 
H, Wolgast. 
 
Johann Peter Hebel. 
Allemannische Gedichte. Mit hochdeutschen Übertragungen 
von Robert Reinick und Bildern von Ludwig Richter. Aus- 
gewählt vom Hamburger JugendSschriften-Auzschuß. Verlag v. 
Georg Wigand, Leipzig. 
In den nächsten Tagen wird dieses Buch, das vom Hambg. 
Prüfungsausschuß in einer billigen Ausgabe für die Jugend 
und das Haus herausgegeben ist, erscheinen. Ez3 ist zugleich 
eine Juhiläumsausgabe: 1803 8Schickte Hebel das erste Bändchen 
Seiner Diglektidichtungen in die Welt hinaus; heute, nach 
hundert Jahren, Sind Sie noch frisch und Schön wie am ersten 
Tag, und wer der Jugend lebendige, dem Boden entquellende 
Volkspoesie bieten will, darf an diesen Dichtungen nicht 
vorübergehen. Hebels yolkstümliche Episteln und Betrachtungen 
freilich liegen den Kindern fern; durchaus kindertümlich ist 
er aber in Seinen ldyllen, die wohl überhaupt einen unvergäng - 
lichen Teil Seines poetischen Schaffens bilden. Ihnen ist die 
vorliegende, 20 Dichtungen umfas3zende Auswahl entnommen. 
Was Hebel, der im Gemüte zeitlebens Selbst ein Kind blieb, 
Kindern besonders nahe bringt, ist zweierlei: Sein Sonniger 
Schalkhafter Humor und die dem kindlichen Empfinden ent- 
Sprechende Naturbeseelung. die Sich ebenso fern hält von toter 
Abstraktion wie von Sentimentaler Naturschwärmerei, immer 
gegenständlich und in ihrer behaglich ausmalenden Darstellung 
ansSchaulich wirkt und von liebevollster Beobachtung des Lebens 
in der Natur zeugt. Daß Schwierigkeiten, welche der fremd- 
artige Dialekt den Kindern zunächst bringt, Schnell zu über- 
winden Sind, ist mir nach den Erfahrungen, welche ich an 
meinen Schülermnen mit diesen Gedichten machte, unzweifelhaft. 
Wenn wir -- wie es heut immer mehr angestrebt wird -- 
dem Kinde den Smn öffnen für die intime Schönheit der heimat- 
lichen Dialektdichtung, für ihre schlichte, ursprüngliche Kraft, 
80 wird es auch den Weg zu Hebel finden. Eine Brücke dahin 
können die ReinickSchen Nachdichtungen werden, die wir den 
Originalen beigegeben habsn. Eine ganz begondere Freude 1ist 
88 uns, der Jugend zu den Gedichten die Schönen Richterachen 
Bilder bieten zu können. 
Bei der Gedichtauswahl haben wir zunächst an die Kinder 
vom 13. Jahre an gedacht. Wir hoffen aber, daß durch Sie das 
Buch in das Haus eingeführt und zu einem Volks- und Familien - 
Schatz werde -- verdient bätte der alte Hebel es. 
Helene Minetti. 
Das Geschlechtliche 
im Unterricht und in der Jugendlektüre. 
“ Unter diesem Titel veröffentlicht unser Verbandsvorsgitzende 
Herm, L. Köster einen Vortrag bei Ernst Wunderlich-Leipzig 
(64 8. Pr. 60 44.) Die gehaltvolle Arbeit behandelt eine der 
Schwierigsten und wichtigsten Spezialfragen der Pädagogik 
überhaupt und der Jugendschriftensache inSbesondere, Köster 
| greift tief in die Materie hinein ; er nimmt kein Blatt vor den 
Mund und zieht ohne Furcht und Zaudern die Konsequenzen. 
Hoffentlich gibt das Büchlein, das wir allen Lesern dringend 
empfehlen, Veranlasgung zu einer fruchtbringenden Erörterung, 
für die wir, Soweit die Jugendschrift in Frage kommt, gern 
unsere Spalten öffnen, Die Redaktion. 
Das Buchhändler-Börgenblatt 
und die Jugendschriften-Ausschüsse. 
In No. 164 des „Börsenblattes für den deutschen Buch- 
handel“ vom 18. Juli 1903 findet aich folgende 
„Brklärung.“ 
Gegenüber den großenteils Sehr ungünstigen Besprechungen 
die eine bedeutende Anzahl unsrer Jugendschriften Seit einiger
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.