Full text: Jugendschriften-Warte - 11.1903 (11)

Beilage zur Pädagogischen Reform. 
Jugendschriften-Warte, 
Organ der vereinigten deutschen Prüfungs-AussSchüsse für Jugendschriften. 
Herausgegeben yom Hamburger 
Prüfungsausschuß für Jugendschriften 
1. V.: 
Herm. L. Kögter, Hamburg, Hasgelbrookstr. 70. 
No. 12. 
Verantwortlicher Redakteur: 
Heinrich Weigast, Hamburg, Ottostr. 18. 
Dezember 1303. 
Jahres-Abonnement für 12 Nummern 
1,206 MW. Vertrieb für den Buchhandel 
durch 
Ernst Wanderilch in Leipzig. 
11. Jahrgang. 
 
Neue Bilderbücher. 
Herm. L. Kögter. 
Wieviel Freude kann ein einziges Buch hervorrufen, wenn 
man bedenkt, daß die „Ludwig Richter-Gabe“ in über 
70000 Exemplaren im Laufe etwa zweier Monate verbreitet 
worden ist. 
In 70000 Familien ein leuchtender Strahl aus dem Reichs 
der Kunst! Vadl durch all die Jahre hat der Schatz für die 
Tausgende "m Dunkel gelegen, und a)l die andern Schätze -- Sie 
Sind nur für wenige da, und die wiszen Sie vielleicht nicht 
einmal zu hben. Ist es nicht ein Jammer" Und liegt nicht 
eine Schwere Anklage darin ? Aber wir wollen jetzt nicht an- 
klagen, wir wollen uns freuen und dankbar Sein, besonders 
gegen den Herausgeber., den Leipziger Lehroerverein. Und unsgere 
Dankbarkeit wollen wir bezeugen dadurch, daß wir für die 
weiteste Verbreitung des Heft2s Sorgen. 
Damit es uns mit Richter nicht gehe wie wit Otto 
Speckter, von dem Jetzt ein Werk nach dem andern gleich- 
Sam neu entdeckt wird. Im vorigen Jahre die Bilder zu 
Andersen (Verlagsanstalt Hamburg. 1 (4, in diesem Jahre die 
zwöf Bilder zu dem Grimmechen Märchen „Brüderchen und 
Schwesterchen“ (Janß-n-Hamburg. 1 At), die Speckter ganz be- 
Sonders als den großen Schilderer der norddeutschen Land- 
Schaft zeigen. -- Yon dem dritten der alten Herren, von Oskar 
Pletsch, ist uns die dritte billige Ausgabe beschert: „Al'erlei 
SchnickSchnack“ (Loewe, Ferd. Carl, 1,50 di). Sie stellt aich 
den andern beiden Ausgaben. „Gute Freundschaft“ (0,90 Ab) 
und „Der alte Bekannte“ 1,50 Al) würdig an die Seite. 
Und welche Fülle des Neuen in diegem Jahr, welche Fülle 
auch des kunstleriech Wertyollen ! Wenn ich ein neues 
Bilderbuch in die Hand bekomme mit neuen Reimen oder neuen 
KindergezSchichten oder gar neuen Märchen -- So überläuft 
mich ein geheimes Grauen. -- War kann heute noch Kinder- 
reime machn? Wer ist naiv genug dazu? Und wenn auch 
mancher den Wagemut hat. wer begitzt die Kraft der Phantasie, 
die dem Kinde eigen ist, um das Unmöghche möglich erscheinen 
zu lasSen ? Bei den Kinderreimen ist die Grenze zwigchen 
Reim und Gereimsel haarscharf. Es ist oft etwas Unsagbares, 
das nach der einen oder nach der andern Seite bin entscheidet; 
es ist ein Gefühlsmäßiges, das oft den Ausschlag gibt. Wie 
man bei aller Lyrik das letzte und feinste nicht erklären, Son- 
dern nur empfinden kann, und wie das Iyrische Gedicht ein 
hohler Klang bleibt, wenn keine Empfindung geweckt wird, 80 
iSt es auch beim Kinderreim. Man muß ihn Sich gesprochen 
denken in der Situation, für 4ie er gedacht ist, und wenn man 
ihn da Selbst gebrauchen möchte, 80 wird man den Reim gut 
finden. 
Prächtige Kinderlieder von Car! Ferdinands enthält das 
Buch „Ri-Ra-Rutsch“. (Behrs Verlag Berlin, 1,50 Ab): Ganz 
einfacher Sinn und ganz einfache Form: aber voller hübscher 
Einfälle, die das Kind interessaiert, die kindlich Sind, ohne ins 
Kindische zu verfallen, oft mit einer feinen, unerwarteten 
Schiußwendang. Und die Form voller Klang und voller Rhyth- 
mus; es liegt fast wie ein Zwang in den Vergsen, Sie laut zu 
Sprechen. Die Bilder (Schwarz-weiß) von H. y. Volkmann ge- 
zeichnet, Schließen Sich eng an die Gedichte an; das ist ent- 
Schieden der kindlichen Anschauung gemäß: das Kind will 
alles auf dem Bild wiederfinden, Sonst empfindet es einen 
Mangel. Die Künstlerscbaft Volkmanns zeigt aich darin, daß er 
trotz des engen Anschlusses Bilder von ganz Selb3tändigem 
Wert schafft; auch ohne die Reime kann das Kind die Bilder 
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genießen. Ein paarmal hat Volkmann allerdings etwas Sorglos 
gezeichnet, und Jeider ist das Buch äußerlich wenig prägen- 
tabel. 
Eine zweite Sammlung feiner Kindergedichte hat uns 
Paula Dehmel geschaffen: „Rumpumpel“ (Schafstein d* Co, 
Preis 4 Al? 5 A“ Bei Schafstein zschwankt der Preis fast bei 
jedem Buch). Das Buch ist für Junge Mütter und ihre Kleinsten 
gedacht, und so eignen gich die maisten Gedichte mehr zum 
Vorsagen durch die Mutter; aber einige aind auch für Kinder 
direkt, 80 das prächtige „St. Niklas Auszug“. Auch diege G8- 
dichte Sind etnfach, die Situationen Sind gesghen und gestaltet 
ohne viel Reflexion, Das ist das Schlimme der meisten Kinder- 
gedichte: es Sind Reflexionen des Erwachsenen über das Kimi. 
- Hier ist die Welt gestaltet, wie das Kind zie Sieht. dem 
irgend ein Neues genau 80 wunderbar iSt wie ein Unmögliches, 
allerdings ist das Uomörliche -- daß z. B, der Rumpumpel in 
der Badewanne übers Meer Segelt -- als gauz Selbstverstandlich 
hingestellt. -- Aber die Bilder von Karl Hofer -- auf den 
ersten Blick verletzen Sie, Hofer hat Sich bewußt auf den 
Standpunkt des Kindes geste.lt, d. h. er zeichnet die Bilder 
ungefahr 80, wie ein Kind Sie zeichnen und antuschen würde. 
Es kommt ihm daher auf zeichnerische Richtigkeit ganz und 
gar nicht an, Sondern nur auf den Ausdruck. und es läßt Sich 
nicht leugnen, daß die meisten Bilder Ausdruck besitzen. 
Trotzdem, ich komme in die Bilder nicht hinein, die meisten 
Sin] mir gar zu gewollt plump, bai einigen auch versagt die 
Ausdrucksfähigkeit des Künstiers. Nar bei den wenigen Bildern, 
in denen er über das kindliche Gestammel bewußt hinausgeht, 
-- im St. Niklas, im Scherchen, in der Sesreiss -- da vermag 
ich ihm zu folgen Kleinen Kindern werden die Bilder wahr- 
Scheinlich große Freude bereiten. 
Auch Kreidolf hat uns wieder ein Bilderbuch beschert: 
„Schwätzchen“ (Schafstein & Co., 2,50 M) HKreidolf hat hier, 
wie bei den B)lumenmarchen, die Verss Seibst geschrieben. It 
Kreidolf ein Dichter ? Manchmal will mir's So Scheinen; ihm 
gelingen einzelne Verss wohl, hier z. B. Reit mit, Am Bache, 
Am Fenster; aber daneben Stehen rettungslose Banalitäten. -- 
In erster Linie ist Kreidolf natürlich Maler. Nacr doen Wiegen 
zwergen bedeutet Sein neuestes Buch eine Enttäuschung, Seins 
Bilder enthalten nicht entfernt den Reoeichtam an Phantas1e 
und Farbenpracht. Die meisten Bilder sagen uns nicht viel, 
obgleich Sie Sehr anspruchsvoll auftreten: ein kleines Bild auf 
einer großen Seite. Sehr amügant ist das YorSatzPpaPier. 
In Loewes Verlag ist ein Büderbuch erzchienen: „Hänschen 
im Blaubeerenwald“ von El1sa Beskow (2.50 I), Das Buch 
gehört zu denen, die auf den erzten Blick gefallen. Es aind 
das immer Werke, denen etwas Liebenswürdiges eigen ist, 
denen alles Herbe und Harte und Eckige, aber auch das 
künstlerisch Kraftvolle fehlt. Werke dieser Art halten 
nicht immer, was Sie im ersten Augenblick versprechen. LE1sa 
Beskows Bilder aber erfreuen uns auch bei wiederholtem 
Sehen, Beim BSüchtigen Durchblättern nimmt uns zuerst die 
Farbe gefangen. Die meisten Blätter Sind auf Blaugrün ge- 
Stimmt, als amüsganter Farbenfleck leuchtet das kräftige Rot 
von Hanschens Hut hervor, Später die roten Mieder und 
Kappen der Preißelbeermädchen. Zu der Farbengebung kommt 
vor allem eins reiche Erfinduvg hinzu. Die Abenteuer Hänschens 
bei den Zwergen Sind nur einfach; aber die Idee ist Sicher 
durchgeführt, alle Einzelheiten Stimmen zum Ganzaep, auch das 
Dekorative des Rahmens. Nur ein Schlimmer Fehler iSt ge- 
macht: Hänschen wird in einen Zwerg verwandelt, aber an-
	        

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