Full text: Jugendschriften-Warte - 11.1903 (11)

ermeweilen 
atatt kleiner zu werden, wachsen auf den folgenden Bildern 
die Dinge außer ihm. Über diese Schwierigkeit helfen die 
Verse von K. Brandt hinweg, die im übrigen Selbständigen 
dichteriechen Wert nicht besitzen: Sie Sagen das noch einmal, 
was die Bilder viel Schöner ausdrücken. Es ist die alte Ge- 
Schichte: um die vorhandenen Bilder Sind die Verse einfach 
herumgeschrieben. Da aber die Bilder durchaus die Hauptsache 
2104, möchte ich das Buch bei dem billigen Preis empfehlen. 
Nicht nur über gute neue Kinderlieder, auch über Sebr 
beachtengwerte neue Märchenbücher iSt zu berichten. Da gind 
Th eod. Volbehrs „Träumereien hinter dem LErdentag“, 
(Fischer & Franke, 8 «(l!) Sechs Märchen Sind's, alle gut er- 
zählt, alle mit wertvollem Inhalt. Die Sprache kurz und knapp, 
aber von großer Anschaulichkeit und ungewöhnlichem Wohllaut. 
Die Handlung 1st nicht Sehr lebhaft und doch interesSgiert zie, 
weil wir Anteil nehmen an den handelnden Pcorsonen. Und da- 
zu vorzügliches Zeichnangen yon StasSen: mit wenigen 
Strichen die Hauptsache hingezeichnet, von Starker dekorativer 
Wirkung, und doch auch jedes Bild mit Selbständigem küngtle- 
riSchen Wert. 
Das zweite Märchenbuch ist „Das Buch von der Frau 
Holle“ von Max Geißler (Fischer & Franke. 3 Ab), eine Samm- 
Jung von Märchen, die noch in verschiedenen Gegenden 
Deutschlands lebendig Sind und die Sich alle auf Frau Holle 
beziehen, Auch zu diesen Märchen hat Stassen die Bilder 
gezeichnet: Lieblich und ansprechend, Schönes Gestalten und 
greuliche Hexen. E35 zeigt Sich hier allerdings die leiss Neigung, 
zu Gunston der Schönen Linis etwas vom Charateristischen 
aufzugeben. 
Das, was das Jungbrunnenunternehmen in erster Linie 
anfing, zu pflegen, die Belebung wertvoller vorhandener Stoffe 
durch neue Bilder. wird von verschiedenen Seiten weitergeführt. 
Da Sind gleich drei „Eulenspiegelausgaben“ zu nennen. Alle 
drei 5:nd auf die Quelle zurückgegangen und haben Sich eng 
an den Text angeSchlosgen, doch ist die Auswahl 80 getroffen, 
daß Sie Sich unbedenklich für Kinder eignet. -- Die erste Aus- 
gab3 1st bei Vischer & Franke erschienen (5 IL), mit Bildern 
von Barlösins. Die gauze Ausstattung ist im Stil der alten 
Drucks gehalten; 502%, die Typen Sind von Barlö«ins gelbst 
geschnitten. Ich em “ehle das Buch trotz des PreiSses. 
Die zweite Ausgabe bat Seemann herauszegsben (2,50 Ib). fein 
Wustriert von Tiemann. -- Und die dritte Ausgabe gehört zu 
der Ser.e „Gerlachs Jugendbücherei“. Die Bilder. zam größten 
Teil farbig, Stammen von Weißpflog. Aus der Serie. deren 
Bände 1,50 il kosten, liegen noch weitere neue Ausgaben vor: 
ein neuer Märchenband der Brüder Grimm, Bilder von 
Tauschek, „Die Nymphe des Brunnens“ von Mugäus mit 
Bildern von Taschner, und „Ausgewählte Gedichte“ von 
Lenau, Bilder von Steiner, Alles Bändchen der Jugendbücherei 
Sind interessant durch das eigenartige Gepräge, das ihnen die 
Künstler durch ihre Ilustrationen gegeben haben. Aber nicht 
alle Bändchen eignen Sich in gleichem Maßes für die Jugend. 
Während ich den Eulenspiegel und den Grimm rückhaitlos 
empfehle. »a2en die Tachnerschen Büder zu wenig und Lenau 
iSt kein Dichter für die Jugend, auch in dieser Auswahl 
nicht. 
Ein neues Unternehmen ist „Der deutzche Spielmann“, 
herausg>geben yon Ernst Weber (Callwey & Hausbalter, 
a Band 1 dl). Neu daran ist die ZuSammenstellung der Ge- 
Schichten und Gedichte nach bestimmten Themen: Kindheit, 
Wanderer, Wald, Hochlan3, Meer, Helden usw. Die ersten 
drei Sammlangen liegen vor, alle drei vortrefflich: alte, liebe 
Bekannte grüßen uns, aber auch neue, unbekanntes Lieder 
lernen wir kennen. An manchen gehen wir vorüber, da gie uns 
nichts Sagen, vielleicht, daß ie andern beszer gefallen; aber 
mit den meis:en wird man gerns Zwiesprach halten. Die Aus- 
wahl macht dem Herausgebsr alle Ehre, es ist ein fruchtbarer 
Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen 
Dichterwald Sind der Klänge zu viele, 80 daß die Gefahr der 
Monotonie Sehr fern liegt. Zwei Wünsche habe ich betreffs des 
Lnternehmens: es Scheint mir zu billig, gar zu bekannte 
Märchen mit aufzunehmen. Und dann finden aich eine Reihe 
Gedichte, deren Gefühlsmhalt über die Sphäre des Kindes 
hingusgeht. -- Das letzere gilt vor allem auch von den Bildern. 
Nur der eine, Kreidolf, hat in „Kindheit“ Bilder für Kinder 
geschaffen ; Seine wandelnde Glocke ist einfach eine geniale 
Leistung. Aber Cisgarz im „Wanderer“ und Weingärtner 
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Menernken eren 
 
Eietnnieniikch 
im „Wald“ Sagen dem Kind zu wenig: das Kind will Leben, 
will Einzelheiten. Dies Zurückgehen auf den einfachglen Aus- 
druck einer Stimmung, die Starke Vereinfachung auch in der 
Farbe, die uns entzückt, ist für das Kind leer, Trotzdem emp- 
fehle ich die Bücher für größere Kinder Sehr, 
Endlich Sind noch drei Sammlungen zu empfehlen. An 
Stelle des „Knecht Ruprecht“ hat Schafstein in diegem Jahr 
den „Getreuen Eckart“ herausgegeben (Preis 2 A4). Hier 
iSt mit dem Zurückgreifen auf alte wertvolle Schätze unserer 
Literatur Ernst gemacht; besonders alte Volks- und Kinder- 
reime Sind in großer Zahl verwertet. Dazu kommen Beiträge 
von Reinick, Rückert, Güll, Paula Dehmel, Kmil Weber etc., 
deren Auswahl vom Geschmack der Herausgeber zeugt. Ob es 
Sich allerdings empfiehlt, Brinckmann ins Hochdeutsche zu 
übertragen, erscheint mir mehr ais fraglich. Der Bildschmuck 
von Fidus, Kreidolf, Schmidhammer, Diez, E. Liebermann, 
Stassen, Georg, Münzer, Rieth, Putz Sowie die Verbindung von 
Bild und Text Sind vorzüglich. Leider ist das grell-bunte Bild 
des Umschlages als Deckelbild eine Geschmacklozigkeit; der 
Umschlag muß einfach Sein. 
Vom „Jugendland“ ist der I11. Band erschienen (Künzli, 
5 dlU; er ist für dias reifere Jugend bestimmt. Er 1ist als Ganzes 
gewiß eine erfreuliche Erscheinung, diaz durchaus über dem 
DurchSchnitt Steht. Aber die literarisch3a Seite, beSonders die 
Erzählung, bietet H3rvorragends kaum, eigentlich ind nur die 
kleinen Beiträge von Liliencron, Loewenberg und Bus3e-Palma 
zu nennen. Der Bildschmuck, an dem Hoch, Schmidthammer, 
Kuhnert, Eichrodi, Neumann u. a, m. beteiligt ind, befriedigt 
mehr, Die Ausstattung ist in jeder Beziehung einwandfrei. 
Ebenfalls bei Künzli ist ein Heft „Sternschnuppen“ er- 
Schienen (1 Al). Die textliche Seite ist nicht bedeutend, aber 
iür Kleinere brauchbar. Das feinste ist wohl Paula Dehmels 
„Der erste Mai“. Die Bilder gind alle von Gertrud Kobrt; Sie 
Sind ausdrucksvoll und nicht ohne hübsche Erfindung (z. B. im 
Bild zum 1. Mai). Schade, daß bei der Reproduktion ver- 
Schiedene Techniken zur Anwendung gekommen Sind. Dadurch 
wird die Einheitlichkeit des Gesamteindrucks wesentlich beein- 
trächtigt. 
Zam Schluß möchte ich noch die Frage des Bilderbogens 
Streifen. Warr baben diesem wichtigen Erziehungsfaktor ohne 
Frage bisher nicht die genügande Aufmerkz3amkeit geschenkt. 
Wir kenven bis jetzt eigentlich nur die schauderhaftesten 
Sachen. Einen Verguch, za besgern, hat die Gesellschaft für 
vervielfältigende Kunst in Wien mit ihren „Bilderbogen für 
Schule und Haus“ gemacht. Aber die LöSsung bedeutet dieser 
Versuch noch nicht. Zwar das Prinzip, wirkliche Künstler die 
Bogen zeichnen zu las3en, 1St richtig, aber den Stil für den 
Bilderbogen haben Sie noch nicht gefunden. Und dann gollen 
diese Blätter wesentlich belehrenden Zwecken dienen: Stadt- 
bilder, Völkertypen, Landschaften, Technisches u. dergl. ist 
dargestellt. Ein paar Märchenbildar finden Sich und die Sind 
zugleich die feinsten: Hänzel und Gretel von Lefler, Der Wolf 
und die Sieben Geißlein von Pock ete. Die aind auch farbig 
(0.20 4), während alle andern Bogen Schwarz sind (0,10 Ak). 
Wer Sich für die Frage des Bilderbogens interesziert, tut am 
besten, Sich einen Prospekt Schicken zu lassen,. -- Es ist wohl 
der Erwägung wert, ob nicht die Jugendschriften- Ausschüsse 
den Bilderbogen in den Bereich ihrer Prüfangsarbeit ziehen 
wollen. 
M. v. Egidys Jagendblätter. 
Eine Art Selbstanzeige von C. L, A. Pretzel (Berlin). 
M. v. Egidy, dessen Name und Persönlichkeit wohl auch 
den Lesorn der Jugends?hriftenwarte nicht fremd ist, hat iD 
den Jahren 1896--98 jedem Hefte zeiner Monatsschrift „Ver- 
Söhnung“ ein „Jugendblatt“ mitgegeben. Er beabsichtigte in 
diegen Blättern nicht etwa, die Jugend für Seine Anschauungen 
gewisSgermaßen einzufangen, Sondern Sie zu eigenem Nach- 
denken über allerhand Dinge anzuregen, die man gewöhnlich, 
indem man Sie mit den großen Worten „politigche, religiöse, 
Sozials, wirtechaftliche Probleme“ benennt, für Kinder viel zu 
Schwierig hält. Diese Blätter wurden mir 8chon im vorigen 
Jahre mit der Frage vorgelegt, ob ich eine Neuherausgabe für 
angemessen hielte. Ich mußte von meinem Standpunkte aus 
diese Frage bejahen. Wir haben, Soweit mir bekannt ist, in 
unserer geSamten Jugendliteratur kein Buch, das einen äbn- 
lichen Inhalt hat, und doch gollte nach meiner Meinung auch
	        

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