Full text: Jugendschriften-Warte - 11.1903 (11)

Falke aind nicht immer naiv. Ich denke dabei namentlich an 
die Schluüßverse (Katzenmusik). Das wird aber reichlich auf- 
gew gen durch Gedichtchen wie „Ausfahrt“ und „Das dumme 
RKätzeben“, Verze wie diese : 
„Limmer Summ und immer brumm 
dicht um Kätzchens Nas herum. 
Wie es greift und wie es grapst : 
immer bat's vorbeigebapp»>t“ -- 
wirken unwiderstehlich und graben zich durch ihre bildliche 
und klangliche Prägnanz dem Kinde unverlierbar ein. -- Emp- 
fohlen für Stufe IL 
Probst, Hans. Wen Soll ich malen? Ein Bildarbuch. 4*. 104 S* 
2. Auflage. Braun u. Schneider, Mönchen. Pr. 2,50 M- 
Geprift von Altona (ja), Hamburg (ja), Hannover (ja), Kiel 
(Ja), Lübeck (Ja). 
Vorliegendes Bilderbuch will den Kirdern Anleitung geben, 
mit einfachen Mitteln und auf leichte und anregende Weis6e 
allerlei Bilder zu malen. Der Verfaeser versteht es, mit wenigen 
Strichen ein charakteristisches Bild irgend emer Person 
(Schneider, Offizier, Student, Bauer, Ritter, Wirt u. a.), eines 
"Tieres oder eines Gegenstandes zu entwerfen und treffend zu 
kolorieren. Die Bilder Sind originell im Ausdruck und in der 
Art der Zeichnung. Mit Hilfe einfacher Grundfiguren und ge- 
eigneter Hilfslinien läßt der Verfasser diezelben vor den Augen 
der Kinder entstehen. Ein gesunder Humor durchwebt die 
Bilder und die denselben beigefügten VYerss; wenn auch die 
letzteren nicht gerada Anspruch darauf machen, Kunstwerkse 
Sein zu wollen, Sie wollen den Kindern ja nur in humorvoller 
Weise Anleitung geben, Bilder zu malen. Wir empfehlen das 
Bilderbuch für Kinder von 12--14 Jahren und für die Eltern, 
denen hier Anleitung gegeben wird, ibren Kleinen zur Er- 
heiterung und Unterhaltung lustige Bilder yorzumalen, 
Raabe, Wilhelm, Deutsche Not und deutsches Ringen, drei 
Erzählungen aus Raabe's Schiiften, 
Rraunschweiger Prüfungswusschuß. 8*. 113 S. Pr. 90 3! 
Brauzrschweig, Ad. Hafferburg. 1902. 
Geprcft von Bamberg (bedingt), Bremen (Ja), Hamburg (ja), 
Lewpzig (ja), München (Ja, aber nicht für katholische Kinder). 
Die 1dee, einen bedeutenden Schriftsteller in ausgewählten 
Stücken, in „verjüngtem Maßs:abe“, an die Jugend heranzu- 
bringen, hat viel für Sich. Denn auf dieses Weises werden den 
jungen Legsern Sofort die wertvollsten Schätze unsrrer Naitional- 
literatur erSchlo3Sen, es wird ihnen das Herumirren in Wert- 
losem und Minderwertigem erspart, und es wird in ihnen, 80- 
fern die Auswahl eins geeignete 1St, das Bestreben angeregt, 
den ganzen Schriftsteller kennen zu lernen. Freilich eignen 
eich nicht alle Schriftsteler 80 zu einer Auswahl für die 
Jugend, wie gerade Raabe, desSen Erzählweises geiten den 
Boden des Volkstümlichen und Schlichten verläßt Aber Selbst 
bei ihm müssen wir die Erfahrung machen, daß die einzelren 
Stücke versch edenwert!g »iLd hinsichtlich des Zweckes, dem 
SIe dienen Sollen, In dem vorliegenden Bändchen gind drei Er- 
zäblungen vereinigt. Die erste 15t eine EpiSode aus dem Roman 
„Unger+s Herrgotts Kanzlei“ und führt in unserem Büchlein 
den Titel: „Wie Horn heimkehrt und zu Hause empfangen 
wird.“ Die zweite, „Else von drr Tanne“, iSt unverändert aus 
dem 2. Band der „Gesammelten Erzählucgen“ bherüberge- 
nommen. An dritter Stelle Steht „Was die Großmutter von 
Anno 1806 und 1813 erzählt“, der bekannte Abriß aus der 
„Chronik der Sperlingsgasse“. Die letztere Gabs ist eine Jugend- 
erzählung par excellence. Reichtum an Handlung, Gegen- 
Ständlichkeit, Prägnanz und Volkstümlichkeit der Sprachs, 
heiteres Kolorit dieses alles zeichnet die Geschiechte aus, 
„Else von der Tanne“ hat uns durch ihren Duft, ihre Frische, 
Kenuschheit, Ursprünglichkeit lebhaft an das Märchen von 
„OSneewittchen“ erinnort. Sie iSt uns fast zu gut für die Jugend. 
„Wie?“ „Was“ werden die Hambarger auffahren. Wir meinen, 
daß die Jugend nicht fähig Sei, diese Geschichts in ihrer Fein- 
heit und Tiefe, namentlich auch in ihrer NatursymboJik, zu er- 
Spannen. Zwipgt man Sie aber dazu, S0 kann ihnen -- wir 
haben oft davon berichten hören -- der Gezchmack am ganzen 
Schriftsteller verleidet werden. Wir wollen ivdes nicht zu 
Schwarz malen. Unsere Geschichte bietet Soviele ansSchanliche, 
packende Partien (z. B. die Szene vor der Kirchentür), daß wir 
doch vielleicht nichts zu befürchten brauchen. Die Gegschichte 
vom Markus Horn mußte des Zusammenhang3 wegen mit 
einigen einführenden und abschließenden Bemerkungen ver- 
Sehen werden. Dies ist in knapper, zweckmaßiger Weiss ge- 
Schehen. Der Wirkung der Erzählung sgelbst dürfte es einigen 
Eintrag tun, daß die Gepräche oft ein wenig weit ausge- 
Sponnen Sind. Wird aber das Interesse der Jugend, etwa im 
Verfolg des geschichtlichen Vortrags über Reformationgkriege 
und Landsknechtswesen, etwas angeregt, 80 dürfte auch dieser 
Edelstein Raabescher Kunst das Herz des heranwachsenden 
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ausgewahlt vom ' 
48 
 
 
 
Gegochlechtes mit unauslöschlichem Glanzs erfüllen. Nun voch 
ein paar Worte über die dem Ganzen vorgeaetztes Anrede an 
die Kinder. Die Ausführungen Sind ja ganz „nett“ Aber die 
Kinder werden Sich wenig daraus machen. Sie werden gich 
auf die Geschichten Stürzen, und das ist recht. Aber hoffen 
wollen wir, daß recht viele Eltern und Erzieher diese Ein- 
leitung legen und bebherzig-“-n. ZuSammenfasSend bemerken wir: 
das Unternehmen des Braunschweigischen Prüfungsaussgchusses 
verdient größtes Lob. Das vorliegende Bändchen ist eine er- 
freuliche Erschenung, Möge es nicht die letzte Spende aus 
Raabes Schatzkammer ein. Empfohlen für die IV. u. V. Stufs. 
Freytag, Gustav, Das Nest der Zaunkönige aus: Die Ahnen. 
24. Aufl. 8%. 416 8, Leipzig, S. Hirzel. 1901, Pr. 7 M. 
Geprüſt von Bamberg (nein), Bravnschweig (ja), Bremen (ja), 
Kreuzuach (ja), Leipzig (ja), Marburg (ja« 
„Das Nest der Zaunkönige“ ist die zweite Abteilung von 
Gustavy Freytags „Die Ahnen“. Bei der Beurteilung kann es 
Sich nur darum handeln, ob d'eser Teil der „Ahnen“ eine 
geeignete Lektüre für ungere Schuljugend ist. Dies ist leider 
nicht der Fall. Eine wirklich gewmnbringende Lektüre dieses 
Bandes der „Ahnen“ Setzt schon eine Solche Menge geschicht- 
licher Vorkerntnisse und eiLs Solche g.istige Reife voraug, wie 
Sie en K.nd der Oberstufe nicht besitzt. Auch die bekannte 
Sprache der Dichtung, 89 Sehr Sie den Kenner zu entzucken 
vermag, vermehrt für das Kind nur die Schwierigkeit der 
LD ktüre. Un Somehr kann aber die Lektüre auch die3es Bandes 
der „Ahnen“ der r-ifsren Jugend empfohlen werden. Sie wird 
dadurch aufs beste mit dem Geiste ] ner Zeit bekaunt gemacht, 
mit ihren Fehden und Kämpfen zwigchen KaiSer und Yagallen, 
dem großen und kleinen Adel, mit ihrer Vermengung von 
Geistlichem und Weh ich'm mit dem Klosterlebeu usw. Was 
der reiferen Jugend die=en Band der „Abnen“ noch lieber 
machen wird, das iSt auch der Umstand, daß der Held der Er- 
zählung und Träger der Hardlung der mutige und kawpflustige 
Immo, ein Jängling St, four den s18 aich begeistern wird, Kaun 
Somit der reiferen Jugend die Lekture des „Nestes der Zaun- 
Könige“ bestens empfohlen werden, 80 muß der Band für die 
Schu.jugend abgelehnt werden. 
Jengen, Wilhelm, Karin von Schweden. 12. Aufi, 89. 239 8. 
Born, Gebrüder Paetel. 1902 Pr. 5 db. 
Geprüft von Berlin (ja), Breslau (Ja), Königsberg (Ja) Stettin (ja). 
Wülhelm Jersen gehört zwar nicht zu den größten, aber 
doch zu den echten und Starken Talenten unter ünsern zeit- 
genöz<iachen Dichtern, und wenn Schon bei Seiner fast un- 
heimlichen Fruchtbarkeit nmanches Werk aus Sein!r Feder ge- 
flosSen zaein mag, das die Literatur nicht gerads ber, ichert hat 
(nebenbei bemerkt, mir iSt noch keins zu Gesicht gekommen, 
das üb.rbaupt Licht legenswert geweSsen WÄrG), 50 zählen doch 
Seine besten Noveileu, zumal die hiStoriSchen, in denen die dem 
Dichter 80 vertraute „blaue Blume der Romantik“ ungehindert 
ihren Duft ausströmen kanz, zu den Kabinettstück 2n deutscher 
Novellist k. Eine von divesen besten Novellen Jensens 1St meiner 
Anzicht nach auch Karin von Schweden. Wie wunderbar weiß 
er Schon durch die Einleitung, die poesievolle Schilderung der 
Trollhättafälle, den LeSer auf die erschütternden Vorgänge, die 
er erfshren Soll, vorzubereiten ! Wie eigen Yversteht er es über- 
haupt, der leblogen Natur Stimme zu verleihen und ihr un- 
bewußtes Weben mit dem Handeln der Personen zu ver- 
knüpfen! Mit welcher Folgericbtigkeit läßt er die Handlung 
aus dem Charakter der Perzonen Sich entwickeln! Es ist für 
mich keine Frage: hier ist ein Kunstwerk. Und ich gehe noch 
einen Schritt weiter: dies Kunstwerk eignet zich Seiner ganzen 
Art nach hervorragend als Lektüre für die Jugend. Eine b8- 
wegte Handlung, heldenhafte, begeisterte und begeisternde 
Persönlichkeiteiten, Schwungvoll-poetische Darstellung, das alles 
aind Eigenschaften, die gerade in jugendlichem Denkeu und 
Fühlen das rechte Echo wecken. Allerdings, prüde Seelen 
werden wieder fürchten, daß die Sittlichkeit der jugendlichen 
Leger durch die Lektüre der Novelle Jeiden könne, da in die 
Handlung eine Art Judith-Motivr hineinspielt. Ich vermag diecse 
Befürchtung nicht zu teilen. Gerade diese Ep130de ist 80 keusch 
dargestellt, daß nur eine schon völlig verdorbene Phantasie 
daraus Gift Schöpfen könnte. Wo man es für unbedenklich 
hält, Kindern die biblische Geschichte yon David und Bathseba 
zu erzählen und mit ihnen das Sechste Gebot mehr oder weniger 
eingehend zu besprechen, und 1ch glaube, das geschiet 80 ziem- 
Jich in allen deutschen Schulen, da Sollte man auf and:rn Ge- 
bieten wieder nicht 80 tun, als ob 13- bis 14jährigen Kindern 
die Bedeutung des Geschlechtsunterschiedes ein völliges Ge- 
heimnis wäre, Ich würde unbedenklich chon einem 13Jährigen 
Knaben oder Mädchen das vorliegende Buch zu lesen geben, 
Für unsgere V. Stufe kann es Sicher ohne Bedenken empfohlen 
werden. 
 
Druck von S8. G, Carstens Altona, Blumenstr, 7.
	        

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