Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik. Erläuterungen zum Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 1884 (1885) (16)

mulieren läßt, welche aber doch als ein begonderes wisgenschaftliches 
Gebiet eine besondere Aufgabe, wenn man will, cinen besonderen 
Gegenstand hat, nämlich die gesetzlich geregelte Entwickelung 
des moralischen Charakters. Diese Aufgabe weist, was den Zu- 
Sammenhang mit den übrigen Wissenschaften betrifft, auf die Kthik, 
welche das moralische Ziel, und auf die Psychologie hin, welche den 
psychologischen Weg begründet und fordert, und nur derjenige strebt 
nach pädagogischer Wissenschaft, welcher ihre Aufgabe in diesem Zu- 
Sammenhange denkend ergreift, 80wie nur derjenige nach pädagogischer 
Kunst strebt, welcher auf dieselbe Weise gie handelnd zu erfüllen Sucht, 
"Wer jedoch im öffentlichen Unterricht, als dem vornehmsten Gebiete 
pädagogischer Diskusgionen und Disputationen, ohne Rücksicht auf 
ethische Abzweckung und ohne psychologisch geregeltes Verfahren, 
nur auf die Entwickelung wissenschaftlicher Erkenntnisse be- 
dacht ist, verliert die besondere oder eigentümliche, d. h. zugleich unter- 
Scheidende Anfgabe der Pädagogik, wenn man gie mit andern Wisse1u- 
Schaften vergleicht, ans dem Gesicht. Denn Entwickelung wissenschaft- 
licher Erkenntnisse ist Sache der Fachwissenschaften eben anch, nur 
daß es hier in bloß logischer Ordnung geschieht, während die populäre 
und elementare Darstellung des Unterrichts von logischer Ordnung 
manches aufgeben muß, daber die Pädagogik gelbst als untergeordnet 
und unbedeutend erscheint, Aber auch ethisch und psychologisch be- 
trachtet ist diese Darstellung, Solange ethischer Wert höher steht als 
wissenschaftliche Erkenntnisse und der Umbildungsprozeß der Wissen- 
Schaften in Schulwissenschaften nicht zum YVorschein tritt, ohne Gründ- 
lichkeit, daher ie der Ergänzung durch Zwang und küngstliche Reiz- 
mittel, wie Zensuren, bedürftig ist, Das Verkennen nun der ersteren 
oder wirklichen Aufgabe der Pädagogik und das PFesthalten an der 
letzteren oder scheinbaren, mit anderen Worten: Der Vorzug, den die 
Rücksicht auf die Sache vor der Rücksicht auf die Person erhält, 
erklärt und widerlegt zugleich die Geringschätzung, welche die Päda- 
gogik von manchen erfährt. So sagt J. Grimm: 
„Die Fähigkeit, die wir vom Schullehrer fordern und die er uns 
aufwendet, Scheint mir an sich unter der eines ausgezeichneten ginn- 
reichen Handwerkers zu stehen, der in Seiner Art das Höchste“ (näm- 
lich das höchste Werk im Gegengatze zur Person) „bervorbringt, wäh- 
rend der Lehrer ein fast jedem zugängliches Mittelgat“ (nämlich von 
Frkenntnisgen, denn von der Person ist wieder nicht die Rede) „dar- 
reicht und gein Talent leicht überboten werden kanm. Wir gehen nicht 
Selten Männer, die in anderen Ständen verunglücken, gich hinterdrein 
dem Lehrergeschäft als einer ihnen noch gebliebenen Zuflucht widmen, 
ungefähr wie alte Jungfern, die nicht geheiratet haben, zu Kleinkinder- 
bewahranstalten übertreten. Dies Soll keine (?) Herabgetzung des Lehr- 
amts ausdrücken, Sondern klar machen, wie es durch eine verhältnis- 
mäßig niedere Kraft bedingt sei. Man hat auch geringere Leistungen 
zu achten, die aus reinem Willen hervorgeben und wird gie doppelt 
hoch anschlagen, wenn gie für einen uns teuern Gegenstand erfolgten“ 
(Rede über Schule, Universität, Akademie, gehalten am 8. November 
1849, Kleinere Schriften 1. S. 227). 
Aber die eigentümliche Anfgabe der Pädagogik besteht gar nicht 
in der Entwickelung wissenschaftlicher Erkenntnisse, obwohl sie dagegen 
nicht gleichgiltig ist, und der Lehrer an niederen wie an höheren Schulen,
	        

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