Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik. Erläuterungen zum Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 1893 (1894) (25)

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Vorsitzender. Das ist von Haus aus vielleicht ein ab- 
Struger LesSingscher Gedanke, das Stück fortzuspielen, nachdem 
die Zusgchauer Sich bereits entfernt haben. Aber auch Lessings 
Emilia Galotti zu verwerten, welche Rassfeld empfahl, würde 
ich Bedenken tragen. Lessing verrät da eine ziemlich gemeine 
Auffassung von der Gegschlechtsliebe. Denn Emilia ist Braut 
und fängt mit einem zweiten Liebesgefühle auszutauschen an. 
Das Soll man mit Jünglingen besprechen ? 
Dr. Rassfeld. Ich mugs Lesging in Schutz nehmen. Emilia 
iet ein Kind römischen Landes und Blutes. Ihr Hochzeitstag 
iSt unter Verhältnissen herangekommen, wie wir Sie heutzutage 
gar nicht mehr kennen und auf deren Schilderung es Lessing 
Ja gerade ankam, Auch ist 8ie es nicht, die zuerst mit einem 
Andern Liebesgefühle austauscht; ihre Schuld besteht nur 
darin, dass Sie ihrem Bräutigam nicht mitteilt, was ihr der 
Prinz ins Ohr gesagt und Lessging will uns sagen, dass in des- 
potischen Zeiten aus diegem Wölkchen eine Gewitterwolke 
werden kann, aus welcher tötliche Blitze niederschlagen. 
Vorsitzender. Damit ist aber doch, was die Hauptsache 
iSt, die rasche SinnesSändernng der Emilia zugegeben. Das 1st 
nicht der Charakter der Virginia und noch weniger der einer 
deutschen Jungfrau. Die Deutschen haben eine ideale Vorstel- 
Jang von der Geschlechtsliebe und denken dabei an die Ent- 
wicklung eines Ppersönlichen Verhältnisses. -- Was nun den 
zweiten (bei Friedrich den ersten) oder thgeoretischen Teil der 
Abhandlung betrifft, 80 iet derselbe sehr instruktiv, wenn man 
von allem in bezug auf den Inhalt Gegagten absieht. In einem 
einzigen Punkte muss ich eine abweichende Meinung abgeben. 
Friedrich betont, was das Wesen der Tragödie betrifft, wie 
Lesging und Aristoteles, die Wirkungen der Tragödie, nicht 
das objektive Verhältnis von Schuld und Sühne, das ihr zu 
Grunde liegt. Da mügste Raupachs „Der Müller und Sein Kind“ 
als eines der grossartigsten Dramen erscheinen, denn die Leute 
weinen vor Mitleid fast den ganzen Abend, und am Ende wäre 
Effekthascherei das erste Gebot für die Tragödie. Man muss 
Sich erinnern, dass Aristoteles geine Theorie zu einer Zeit ver- 
fasste, in welcher die Blüte der griechischen Tragödie vorüber 
war und die Dichter auf Effekthascherei ausgingen. 
5. Schilling, Friedrichs d. Gr. Friedensthätigkeit. 
Vorgitzender, Ich habe Schilling um die Abfassgung die- 
Ser Arbeit ersuücht, weil ich die behandelte Periode für einen 
Sehr anschaulichen Stoff für die Klarlegung staatlicher Verhält- 
ni8S8g hielt. Namentlich ist Sie wegen der Person, der Lage des 
Reichs und der Beschaffenheit des Landes geeignet für die Ein- 
führung in das wirtschattliche Leben. 
Dir. Just. Die Sachliche Behandlung ist im Allgemeinen 
vortrefflich, nur ist die methodische Behandlung zu SyYstematisch. 
Schilling handelt yon Friedrichs Sorge für die materielle und 
von der für die geistige Thätigkeit. Diese Einteilung hätte am 
Ende, nicht am Anfang erscheinen sollen. Die Folge davon ist, 
dass eine Analyse in ungerem metbodischen Sinne fehlt, 
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