Full text: Pädagogische Berichte - 1.1914 (1)

Hatte darum der Naturalismus zum Deismus geführt, der an die Stelle des übernatürlichen 
und übervernünffigen Chriſtentums eine natürliche Bernunftreligion ſeßen wollte. In Deutſch» 
land begnügte man ſich mit der Rationaliſierung des Chriſtentums. Die naturaliſtiſche Päd- 
agogit zeigt deShalb auch eine gegen die bisherige <riftliche Erziehung gerichtete Tendenz; 
ſie iſt auch religiös geſinnt, aber nur ſoweit, als ſich die Religion rationaliſieren läßt. Daher 
ſteht ſie im ſchroffften Gegenſaß zur pietiſtiſchen Erziehung. Der Vernunfiglaube der 
naturaliſtiſchen Pädagogik verdrängt daher den Pietigzmus wieder aus- der Schule in Deutſch» 
land, obwohl es einen mehr als hundertjährigen Kampf koſtete. 
Das naturaliſtiſch-rationaliſtiſche Bildungsideal iſt daher Überwindung einerſeits des Bildungs- 
ideals des galant homme, anderſeits des pietiſtiſchen Bildungsideals. 
Cs erſtrebt eine natürliche, vernunfigemäße Menſchenbildung, die nur die in der Natur 
des Menſchen liegenden Triebe und Anlagen entwickeln und zu den Zweden des natürlichen 
Kulturlebens heranbilden ſoll. Was nicht natürlich vernünftigen Zween dient, ſoll aus der 
Erziehung und aus dem Leben ausgeſchaltet werden. 
Dieſe ganze Richtung der Pädagogik nimmt ihren Anfang in Locke, gipfelt in Rouſſeau 
und läuft in Deutſchland in den Philanthropinigmus Baſedows und in den Neuhumanis- 
mus aus. 
Die wichtigſten Methoden der Gedächtnisforſchung. 
. Von Marx Lobſien.1) 
41. Reproduktionsmethode. 
Ter Mann, der zuerſt den Berſuch machte, eine ſo komplexe pſychiſche Erſcheinung, wie 
das Gedächtnis, experimentell zu unterſuchen, war Hermann Ebbinghaus (1829 
bis 1836). Die Kühnheit und den großen Erfolg des Unternehmens kann man erſt dann 
recht würdigen, wenn man bedenkt, daß die voraufgegangene experimentell-pſychologiſche 
Forſchung ſeit Weber und Fechner ſich faſt nur auf das Gebiet der Empfindungen 
beſchräntte, alſo ſich um verhältnismäßig einfache Dinge bemühte. Die Methode, die 
Ebbinghausangewandt hat, war denkbar einfach, dennoch ungemein mühſam ; ſie ſtellte an 
die Arbeitsenergie und die Gelbſtverleugnung des Forſchers die höchſten Anforderungen. Die 
Mühe wurde durch eine Reihe neuer und überaus wertvoller Ergebniſſe belohnt. 
Ebbinghaus ſtellte für ſeine Erlernungsmethode ſinnloſe Silben zuſammen, 
die je aus einem Bokal und einem an» und ausglautenden Konſonanten beſtanden. Dieſe 
Silben wurden zu Reihen und zu Gruppen verſchiedenen Umfanges zuſammengeſtellt, 
Ulle mit dieſen Silben angeſtellten Verſuche erſtrebten, die einzelnen Reihen durch wieder- 
holtes lautes Leſen ſoweit einzuprägen, daß ſie noch eben willkürlich reproduziert werden 
konnten. Dieſes Ziel galt bei den erſten Berſuchen als erreicht, wenn zwei fehlerfreie Repro- 
vuftionen derſelben ſtattgefunden hatten, ſpäter, wenn eine Reihe zum erſten Male nach 
gegebenem Anfangsgliede, ohne Sto>en, in einem beſtimmten Tempo und mit dem Bewußt- 
ſein der Fehlerloſigkeit auswendig hergeſagt werden konnte. Die einzelnen Reihen wurden 
immer vollſtändig von Anfang bis zu Ende durchgeleſen; es wurde nicht in einzelnen Teilen 
gelernt, auch nicht einzelne, ſchwierige Stellen beſonders memoriert. Durchleſen und ab 
und zu notwendige Berſuche des Auswendiglernens wechſelten zwanglos miteinander ab. 
Auch für dieſe aber galt als Regel, daß bei einer eintretenden Sto>ung erſt der Reſt der 
Reihe zu Ende geleſen und dann auf ihren Anfang zurücgegriffen wurde. Durchleſen und 
Herſagen geſchahen ſtets mit gleichförmiger Geſchwindigkeit, nämlich im Takt von 430 Schlägen 
in der Minute. Weil es faſt unmöglich iſt, andauernd ohne Unterſchied der Betonung zu 
ſprechen, ſo wurden, damit dieſe Unterſchiede ſteis die gleichen blieben, entweder je drei oder 
 
 
1) Textprobe aus des Verfaſſers Buch: Das Gedächtnis. Eine überſicmilihe Darſteſſung der "Ergebniſſe der neueſten 
Forſchungen. Von Marx Lobſien in Kiel, (VIU, 228 S.) Geh. M. 3,30, geb, M, 4,--. 
 
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