Der mutterſprachliche Unterricht, 207
Orthographie, im Aufſaß, in der Grammatik unter Mitteilung von Lehrplänen
und Lehrproben be ſprochen. Den Schluß bildet ein Abſchnitt über den
Screibunterricht. Das auf reicher Erfahrung beruhende Buch, ſorgfältig
bis ins einzelne ausgeführt, zeigt überall den erfahrenen Methodiker.
a. Leſen.
Die Leſebuchfrage ſteht wieder auf der TageSordnung, Eigentlich ſollte
man glauben, die litterariſche Hochflut der Falkſchen Zeit habe ſie hinweg-
geſpült. Cs läßt ſich jedoch nicht leugnen, daß keins der damals erſchienenen
zahlreichen Leſebücher die Frage endgültig gelöſt hat.
JInsbeſondere zieht man gegen das „buntſcheige Vielerlei“, den „zu
raſchen Wechſel von Stücen und Stücchen“, den die vorhandenen Leſebücher
meitt aufweiſen, zu Felde. Jm vorigen Jahre erhob Karl Henkel, Rektor
in Prenzlau, wiederum dieſe Klage. Er giebt aber auch einen Weg an, auf
dem ſeiner Meinung nac< Abhilfe geſchafjt werden könnte. Seine Anſichten
hat er niedergelegt in zwei Schriſten :
Die Stellung des Leſebuches zum deutſchen Unterrichte und zu dem
erziehenden Geſamtunterrichte. Ein Beitrag zur Lehre vom erziehenden
Unterrichte von Karl Henkel. Prenzlau 1885, Th. Biller. 46 S.
Deutſ<hes Leſebuch. 2. Schuljahr. Herau38gegeben von Karl Henkel.
Prenzlau, Th. Biller. 88 S.
Wir ſind des Raumes wegen gezwungen, eine ausführliche Beſprechung
auf nächſtes Jahr zu verſchieben.
Über den erjten Leſeanterricht hat im verfloſſenen Jahre Fran z
Fal>e in Hamburg Anſichten geäußert, die mit den herrſchenden vielfach im
Widerſpruch ſtehen, und zwar in dex Broſchüre :
Die erjte Stufe des Leſens und Schreibens. Ein Beitrag zur
Methode des erſien Leſeunterric<t8 von Franz Fal>e. Bernburg, Bac-
meiſter. 24 S. 40 Pf.
Der Verf. gelangt in dieſer Broſchüre zu folgenden Ergebniſſen :
Die Aneignung der äußern Leſefertigkeit bildet den Schwerpunkt
des erjten Leſeunterrichts8; denn die Leſethätigkeit ſchreitet über die Löſung
der Form zur Erfajſung des Inhalts, und die Aufmerkſamkeit kann ſich auf
den Jnhalt nur konzentrieren, wenn die Form vollſtändig geläufig geworden iſt.
Nicht vom Schreiben zum Leſen, ſondern vom Leſen zum Schreiben
muß der Gang gerichtet ſein; denn das Schreiben iſt nur auszuführen auf
der Grundlage des Leſens und iſt nicht8 anderes als eine Anwendung des-
ſelben; das Leſen iſt die Vorbedingung zum ſchriftlichen Ausdruc!
3. Beide DiSsziplinen müſſen von Anfang an Hand in Hand gehen;
denn ſie jimd verwandt miteinander und heben und fördern einander in
hohem Grade.
4. Die Lautformen müſſen Schreibformen ſein; denn nur ſo kann
die Wechſelwirkung zwiſchen Leſen und Schreiben ungehemmt von ſtatten gehen.
Dieſe 4 Säße bilden die Summe der Betrachtung des Lehrgegenſtandes;
fie kennzeichnen die Aufgabe des erſten Lehrkurſus, regeln die Verbindung
von Leſen und Schreiben und ſtellen die Form von Zeichen feſt, mit denen
auf der erſten Leſeſtufe operiert werden ſoll. |
Und zur Löſung dieſer Aufgabe zeigt das Kind die rechte Weiſe, indem
es die Methode bedeutet:
4. Nicht vom Inhalt zur Form, ſondern über dieſe zum Inhalt!
2. Nicht von vorbereitenden Sprechübungen zur Leſeoperation, ſondern
ſofort zu dieſer!