Full text: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht - 21.1894 (21)

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eine klar, daſs puristische Wortübersetzungen um 80 aus- 
Sichtsvoller Sind, je natürlicher das Sprachgefühl desgen 
iSt, der Sie geSchaffen. Und wir dürfen getrost Campe 
ein Sehr fein entwickeltes Sprachgefühl zuschreiben. Man 
wende aber nicht ein, daſs die Thätigkeit der Sprach- 
reiniger viel Wortgebilde erzeugt, die gar nicht lebensfähig 
Sind. Dem ist 80. Aber Schaffen nicht auch unsere besten 
Schriftsteller unendlich viel Neues, das wirkungslos und 
ohne Nachfolge in der Litteratur und im Leben bleibt? 
Überall wird Neues geschaffen, aber nicht jedes Geschöpf 
iSt lebensfähig. Und manches Wegen, dem die besten 
Ärzte kurzes Leben voraussagen, erreicht ein hohes Alter. 
Wie neue Worte der Sprachreiniger erfolglos bleiben - 
können, 80 verhallt auch zuweilen die Einsprache der 
besten Schriftsteller und der besten Sprachkenner. 
Walhelm Grimm ereiferte Sich im Jahre 1846 gegen 
das neugebildete unaussprechbare-Modewort Jetztzeit, es 
hat Sich trotzdem festgesSetzt, und geit 12 Jahren bildet 
man darnach die Frühzeit. Auch gegen Selbstredend 
für Selbstverständlich hat Wzlihelm Grimm Sich ohne 
Erfolg erklärt: 
ihm albern und abgeschmackt. Die Folgezeit hat der 
Einsprache Wilhelm Grünms kein Gehör geschenkt. Trotz 
80 Sprachkundiger und feinfühliger Beurteilung ist durch- 
gedrungen, wovor 80 ernst gewarnt worden ist. So kann 
es nicht befremden, daſs auch manche N euerungen der 
Sprachreiniger verhallen und ohne die im einzelnen wohl 
wünschenswerte Nachfolge bleiben. Aber über dieser 
Thatsache dürfen die grofsen Erfolge nicht vergesseh wer- 
den, daſs in der Neuzeit die Thätigkeit der grofsen Sprach- 
gegellschaften durch die LogSung der Sprachreinheit Freunde 
und Feinde einer guten Sache aufgerüttelt und geweckt 
hat. 
angriffen, oft genug: als mächtige Zeugen für Seine Be- 
Strebungen anrufen. Und geit durch ungern Sprachverein | 
die alte Logung der Sprachreinheit erneuert iSt, hat der 
ereten einer von ungern besten Schriftstellern -- Gustav 
Freytag -- in einzelnen Seiner Werke manchem guten 
deutschen Wort den Platz gegeben, den vorher. ein Fremd- 
wort eingenommen batte. - 
Wenn wir . eine wesentliche Aufgabe grofser Sprach- 
gegsellschaften darin gehen, daſs Sie das Gefühl für Sprach- 
reinbheit allgemein wecken und wach halten Sollen, 380 kann 
nicht geleugnet werden, daſs unger Jahrhundert wie die 
ganze Neuzeit an modischen Verirrungen und Thorheiten 
gerade in Sachen. der Fremdworte krankt. Was vor 50 
Jahren Wilhelm Grimm einmal gagte, gilt noch heute: 
» Alle Thore sperrt man auf, um. die ausländischen Ge- 
Schöpfe herdenweise einzutreiben. Die Verhältnisse ollen 
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»Selbstredend Schwieg er« -- das erschien | 
Campe durfte Schiller und Goethe, die ihn scharf | -- 
| märchen mit Hilfe- der Sprachreinheit die schönsten und 
'dauerndsten Wirkungen erzielt, konnte Sich nicht stark 
"genug ausdrücken--über den Fremdwörterunfug und über 
die Stumpfe Gleichgiltigkeit auch der Besten zu einer Zeit, 
als -die Spracbe allein - unger- Volk- noch zusammen hielt 
 
 
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Allerhöchste Auszeichnungen 
ad 32> Orden, Staats- Medaillen eto. «ST 
nicht zart, Sie müsgen delikat Sein; wir werden nicht 
davon bewegt, Sondern affiziert; das Leben versumptft 
nicht, es Stagniert. Ungleichartig versteht niemand, 
aber gewiſs heterogen; das Jahrzehnt nimmt an Ge- 
wicht zu, wenn es Dezennium heiſst. Das alles ist auf 
wenigen Blättern eines Buches zu finden und immer bot 
die Muttersprache das natürlichste, eindringlichste Wort.« 
IsSt es trostlos, wenn diese Worte Wilhelm Grunms heute 
noch Geltung beanspruchen? Ist alles Ankämpfen gegen 
Solche Augländerei vergebens? Und welches wird die 
Zukunft unsgerer Sprache Sein? 
Meine Damen und Herren! Die Fährlichkeiten, die 
der 30jährige Krieg über unsere Sprache gebracht, hat 
unger Volk und Seine Litteratur langsam, aber glücklich 
überstanden; Schillers und Goethes Meisterwerke zeigen 
keine Spuren der widerlichen Krankheit, die in der Zeit 
des 30 jährigen Krieges begonnen hat. Sind Solche Wunden 
vernarbt, dann braucht das Geschlecht des 19. Jahr- 
hunderts nicht zu verzagen, das in dem groſsen Erbe 
ungerer Klassiker auch ein Sprachliches Bildungsmittel 
von gewaltigem Wert besitzt. Aus der ewigen Jugend- 
friSche ihrer Werke muſs und wird unsgere Sprache ihre 
Gegundheit immer von neuem Schöpfen, und die Quelle, 
in der unsere Klassiker Sprachlich ihre Kraft und Nahrung 
gefunden, vergiegt auch in Zukunft nicht; das ist die 
Sprache gelbst und der gesunde Sinn des Volkes. Aber 
diesen lebendigen Jungbrunnen. rein und lauter zu halten, 
ihn vor Trübung durch Unachtsame und Nachlässige, vor 
Vergiftung durch Unverständige und „Böswillige zu be- 
hüten -- dazu Soll jeder in Seinem Kreise wirken, der 
weiſs, daſs mit der Sprache auch" '"unsere Litterafur' und 
unger Volk gesundet. . - 
Wallielm Grimm, der in -den Kinder- und Haus- 
(Kleine Schriften -1,:518. 509). - | 
Wir aber heute, die reichen Erben einer „großen Ver- 
gangenheit, wollen uns dankbar dafür erweisen, daſs un- 
'Sere Sprache, die den 'Deutschen in den Zeiten tiefster 
Zerklüftungen. das Ideal der Linheit allein vor Augen 
gestellt hat, an der Gründung unsgeres deutschen Reiches 
einen S0 wegentlichen Anteil hat. Pflege der Mutter- 
Sprache ist eine Pflicht der Dankbarkeit, und Pflege der 
Sprachreinheit ist diejenige Aufgabe, mit der wir uns 
'des kostbaren Erbes unserer Litteratur würdig erweigen 
'Sollen. = 
 
 
 
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