Full text: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht - 38.1910/11 (38)

nommen, für den Begriff des freien Willens zitiert er aus- 
drücklich Reinholds Briefe über die Kantische Philosophie, 
2. Teil. Des öfteren nennt er »Religion innerhalb der 
Grenzen der reinen Vernunft«, dann auch die Kritik der 
praktiSchen Vernunft usf. 
Er hat wohl als erster versucht, die Regultate Kants 
praktisch für die Erziehung zu verwenden. Schließt er 
Sich bei der prinzipiellen Grundlegung Seiner Erziehungs- 
lehre eng an Kant an, 80 hat er in Seinen methodischen 
Gedanken manches Neue gefunden. 
An Seine erste Schrift » Über den Endzweck usw.« 
knüpft nun ein anderer Pädagoge an, dessen Lehren im 
folgenden das Ziel unserer Betrachtung Sein Sollen: es 
iSt HeusSmger. 
J. H. G. Heusinger. 
Johann Heinrich Gottlieb Heusinger, geboren am 
1. August 1766 in Römhild bei Meiningen, Sohn eines 
Diakonus, besuchte die Studienanstalten in Meiningen 
und Koburg, und bezog 1787 die Univergität Jena, wo 
er zunächst Theologie, bald aber ausschließlich PhiloSophie 
Studierte. Nachdem er 1789 eine Hauslehrerstelles in 
Ronneberg bei Gera übernommen und hierauf Seit 1793 
in Dresden als Privatlebrer gelebt hatte, habilitierte er 
Sich 1795 als Dozent an der Univergität Jena, wo er mit 
Erfolg die Philogophie Kants vertrat, gab jedoch im Herbst 
1797 diese Stellung wieder auf, um gich in Eisenach an 
dem von Chr. K. Andre geleiteten Erziehungsinstitute zu 
beteiligen, und Siedelte gschließlich 1798 nach Dresden 
um, wo er zunächst wieder in Privatkreisen als Erzieher 
wirkte und auch mehrfach Vorlesungen vor gebildetem 
Publikum hielt, aber nach einigen Jahren (abgesehen von 
den vorübergehenden Funktionen eines Bücherauktionators) 
im Jahre 1807 eine Anstellung als Lehrer am Kadetten- 
korps, hierauf 1808 an der Pagerie und zuletzt 1810 in 
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der Militärakademie fand, wo ihm die Fächer der Ge- 
Schichte, der Geographie, der deutschen Sprache und der 
Encyklopädie übertragen waren. 1831 trat er in den 
erbetenen Ruhestand und starb am 13. April 1837. -- 
Seine Schriftstellerische Tätigkeit lag anfänglich auf dem 
Gebiete der Pädagogik. Schon 1790 hatte er gemein- 
Schaftlich mit dem genannten Andr veröffentlicht » Ulrich 
Flaming ein Legebuch«, es folgten dann »Gutwills Spazier- 
gänge« (1792), »Beiträge zur Berichtigung eiviger Begriffe 
über Erziehung« (1794), »VersSuch eines Lehrbuches der 
Erziehungskunst« (1794), » Rousgeaus Glaubensbekenntnis« 
(1796), » Über den Begohäftigungstrieb der Kinder« (1797), 
und hierauf das Hauptwerk »Die Familie Wertbheim« (5 Bde., 
1798 €). Bald aber waren daneben auch pbilogophische 
Leistungen getreten: » Encyklopädie der Philogsophie « 
(2 Bde, 1796), welche in Briefform eine geschmackvolle 
Darstellung der Grundsätze Kants enthält, indem nach 
Vorausschickung einer mehr Wolffisch gefärbten PSsycho- 
logie der hauptsächliche Inhalt der Kritik der reinen 
Vernunft und der Kritik der praktischen Vernunft, 80wie 
der Rechtslehre und der Religionslehre entwickelt wird. 
Den dritten Hauptteil der Kantischen Philosophie be- 
arbeitet er in einem Hauptbuch der Ästhetik (2 Bde., 
1797 und 1800), wobei er Kants Auffassung des Schönen 
und des Erhabenen durch die einzelnen Künste durch- 
zuführen versuchte. Fichte gegenüber trat er gegnerisch 
auf. 1831 gab er nochmals in Seinen »BesSuchen bei 
Toten und Lebendigen« neben anderm eine Darstellung 
der Lehren Rougsseaus und Kants. Auch für Philogophie 
der Mathematik ist er beachtenswert. Er gchrieb auch 
einige praktische Unterrichtsbücher besonders geographi- 
Schen und gegchbichtlichen Inhalts. (Allgemeine Biographie 
XI], 335.) 
(Fortgetzung folgt.) 
 
Der Schulgarten als bedeutsames Lehrmittel. 
Eine Anleitung zur Einrichtung von Schulgärten und zur Verwertung derselben im Dienste des Unterrichtes, 
zugleich eine Orientierung über den gegenwärtigen Stand der Schulgartenfrage. 
Von XN. Breinkmann, Seminarlehrer in Hildegheim. 
(Fortgetzung.) 
II. Die Nützlichkeit des Schulgartens und die der Auf- 
gabe desselben entsprechende Auswahl von Naturobjekten 
für den Schulgarten. 
Als Lehrmittel im Dienste des Unterrichtes muß der 
Schulgarten den Unterrichtsänforderungen gerecht werden. 
Daß er dieges zu leisten vermag, leuchtet ein aus der 
Möglichkeit, die Objekte des Schulgartens den Zielen des 
Unterrichts entsprecbend auswählen und anordnen zu 
können. Der Nutzen eines wohl eingerichteten und 
richtig geleiteten Schulgartens ist ein mannigfacher, in- 
Sofern .er in zweckentsprechender Auswabl das nötige 
Angehauungs-, Beobachtungs- und Versuchsmaterial, vor- 
zugsweise für den Naturunterricht, liefert. 
1. Lieferung von Anschauungsmaterial zum Kennenlernen von 
Naturobjekten. 
Die Sichtende Hand des Lehrers kann das Angchauungs- 
material in der Auswahl im Garten züchten, wie es den 
Unterrichtszwecken am besten entspricht, Lehrplan und 
 
Schulgarten können in bestimmte Beziehung gebracht 
werden, der Schulgarten stellt für den botanischen Unterricht 
den lebendigen Lehrplan der Schule dar. Der Schüler 
lernt durch Sinnliche Anschauung eine genau festgegetzte 
Anzahl wichtiger Pflanzen mit Namen und in ihren 
wegentlichen Kigenschaften kennen; es kann ein bestimmter 
fester Grundstock gelegt werden. Alle Gewächse tragen 
Etiketten mit Bezeichnung der Gattung und Art, damit 
leichter eine Verschmelzung zwischen Pflanzenbild und 
den dazu gehörigen Namen im Vorstellungsgebilde Sstatt- 
findet und bei später erfolgender Wahrnehmung einer 
Komponente das ganze psychische Gebilde mit größerer 
Schnelligkeit und BvSicherheit reproduziert werden kann. 
Im Freien erblickt der Schüler eine große Anzahl der 
verschiedensten Pflanzenformen, im Schulgarten Sind aber 
nur wenige vereinigt, die daher um 8o Sicherer zum un- 
verlierbaren Geistesbesitz werden können. Hier kann der 
Schüler Tiere und Mineralien erschauen, die nach
	        

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