Full text: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht - 38.1910/11 (38)

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pädagogischen Gesichtspunkten ausgewählt und angeordnet 
Sind. 
Wegen Platzmangel und der vielfach ungünstigen 
Licht- und Luftverhältnisse im Innern der Städte haben 
manche Großstädte (Hamburg, Altona, Bremen, Berlin, 
Chemnitz, Frankfurt a. M., Königsberg usw.) Zentral- 
Schulgärten angelegt -- 80 genannt, weil sie Sich in 
den Diepst aller Schulen der Stadt stellen. Sie kommen 
in erster Linie für die Lieferung von Pflanzen, die 
in den Unterrichtsstunden in den Schulräumen metho- 
diSch behandelt werden, in Betracht. Pfuhl ?) nennt Sie 
» Pflanzengärten«. An verschiedenen Orten beziehen die 
Schulen das nötige Material aus dem botanischen Garten 
der Stadt, wie es früher in Hamburg geschah, wo eine 
Abteilung des öffentlichen botanischen Gartens Sich aus- 
Schließlich in den Dienst der Schulen Stellte, jetzt aber 
ein Zentralgarten das nötige Material liefert. 
Wer die Natur versteben lernen will, muß zuerst die 
ihn umgebende Natur kennen lernen. Daraus ergibt 
Sich, daß in den EKinzelschulgärten wie in den Zentral- 
Schulgärten die wichtigsten Arten der wildwachgenden 
Pflanzen und der Kulturpflanzen der Heimat ver- 
treten Sein mügSen, bedingen gie doch den Charakter der 
heimatlichen Vegetation. In dem Teiche des Gartens oder 
in den an den Wegen aufzustellenden Aquarien und 
Terrarien Sind die heimischen Tiere zu züchten. Conwentz 1) 
verlangt für die »naturwisSenschaftliche Heimatkunde« 
und für den Schulgarten begonders Vertreter der beimat- 
lichen Arten. 
Die Vegetation innerhalb der einzelnen Schulgebiete 
iSt oft recht verschieden; folglich wird Sich das Schul- 
gartenbild verschiedener Gegenden anders ge- 
Stalten. Die Gewächse des Piesberges bei Osnabrück 
(Kohlegandstein) Sind andere als die des Kleeberges bei 
Tecklenburg (Kalk), die des Hildesheimer Waldes (Bunt- 
Sandstein) andere als die des Rotzberges (Mugchelkalk) 
oder des Galgenberges (Jura) bei Hildesheim. Pflanzen, 
deren Verwertung auf die Lebensverbältnisss der Be- 
völkerung einwirkt (Flachs, Hanf, Zuckerrübe, Buchweizen), 
wird der Schulgarten vor allem enthalten unter Nicht- 
bhintenansteliung der uns Schädlichen Gewächz3e, der Un- 
kräuter und Giftpflanzen. Eine Abteilung offizineller 
Pflanzen leistet der Einführung von Hausapotheken im 
Schulorte gute Dienste. Die Schaffung von Haugapotheken 
unter Verwertung der heimatlichen Kräuter ist um 80 
wüngehenswerter, als die Unkenntnis der altbewährten 
Hausmittel immer weiter um sich greift. Unter den 
Kulturpflanzen gpielen die Nahrungspflanzen --- Getreide, 
Gemüsgepflanzen und Obstbäume --- eine größere Rolle, in 
erster Linie für Landschulen. 
In Großstädten und Industrieorten Soll der Schulgarten 
auch Liebe zur Blumen zucht einflößen. Zu dem 
Zwecke hat die Schulgartenanlage Zierpflanzen aufzu- 
nehmen, auch fremdländische, ingofern gie in den An- 
lagen, Hausgärten und Wohnhäugern des Ortes gepflegt 
werden oder gepflegt werden können. So kann den 
Späteren Bürgern und Arbeitern Interesse für den Stadt- 
 
?) Programmarbeit, Posen 1899. 8. 7. 
*) Conwentz, Die Heimatkunde in der Schule, 1904. 8. 71 u. 81, 
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park, für Blumenpflege im Hause oder in einem kleinen 
Garten anerzogen werden, Somit die Gartenstadtidee weiter 
gefördert und verbreitet werden. Blumenbeete, Ständer, 
von Clematis oder Tropaeolum umrankt, erhöhen zudem 
wegentlich die ästhetiseche Wirkung des Gartens. Die 
Schüler ziehen aus Stecklingen oder Samen Blumen, die 
während der kalten Jahreszeit im Elternhaus weiter- 
gepflegt werden. 
Auf den Bäumen, wo den Vögeln durch Kästen 
Nistgelegenheit geboten wird, in den Bügchen, in der 
Bodendecke Siedeln Sich ohne weiteres eine ganze Reihe 
von Tieren an. Im Tannenwäldchen werden Drosgeln, 
Buchfinken, Saatfinken, Grünfinken ihre Brutstätten auf- 
Schlagen. Zur Wintergzeit lockt der Futterplatz die 
verschiedensten Vögel, auch die Wintergäste, herbei. 
Nichtsdestoweniger wird aber der Lehrer auch hier die 
Natur vervollständigen, insbesondere durch Anlage eines 
kleinen Teiches mit einem Sumpfeckchen, für dessgen 
entsprechende Begeizung mit Pflanzen und Tieren er Sorge 
tragen wird. 
Die Grotten des Gartens Sind anfgebaut aus Gesteinen 
der Heimat. Auch andere Gesteine, die wegen ihrer 
technischen Verwertung zum Straßenbau, als Baumaterial 
oder als Bildungselemente guter Bodenkruste bedeutungs- 
voll Sind, finden Verwendung und dieben zugleich noch 
anderen Zwecken, wenn gie benutzt werden zum Aufbau 
von Zierpyramiden oder zur Anlage des künsgtlichen 
Hügels im Garten. An einer Stelle kann ferner ein geo- 
logiSches Profil der Heimat, eine 80g. geologische Wand, 
welche die Schichtenaufeinanderfolge des Schulortes ver- 
anschaulicht, angebracht werden. 
Neben Kenntnis der Naturwesen Selbst verlangt der 
Unterricht auch Bekanntschaft mit den mannigfaltigen 
Formen der Pflanzen- und Tierwelt, Eingicht in die viel- 
gestaltigen morphologischen Verhältnisse, vorzugs- 
weise an Solchen Schulen, in denen der Lehrplan Pflanzen- 
bestimmung und eingehendere Pflanzenkenntnis verlangt, 
an Mittelschulen, Lehrerbildungsanstalten und höheren 
Schulen, Die Pflanzen des Schulgartens bringen die 
wesentlichen Elemente der Organographie zur An- 
Schauung. Die Inflorescenzen, Blattformen, Formen der 
Wurzel und des Sprosges können an typiSchen Gewächsen 
gezeigt werden. Zur Veranschaulichung der Fruchtarten 
z. B. wären zu züchten: Hagelnuß (Nuß), Roggen (Karyopse), 
Zweizahn (Achäne), Rittersporn (Balgfrucht), Erbse (Hülse), 
Kohl (Schote), Velichen (Kapsel), Bilsenkraut (Deckel- 
kapsel), Mohn (Porenkapsgel), Pflaume (Steinfrucht), Wein 
(Weintraube), Möhre (Spaltfrucat), Brombeere (Synkarpium), 
Erdbeere (Scheinfrucht). 
Begochaffenheit der Frucht und Verbreitung der Pflanze 
bedingen Sich gegengeitig, Somit verbindet Sich mit dem. 
morphologischen Interesse zugleich ein biologisches. Die 
Pflanzenanatomie und die Histologie kommen in der 
einfachen Volksschule weniger zur Geltung, wohl aber in 
mehrklasSigen Volksschulen und in Mittelschulen, in er- 
höhtem Maße in Lehrerbildungsanstalten und anderen 
realen Bildungsschulen. | 
Verlangt der besondere Charakter einer Lehranstalt 
Berücksichtigung der Systematik, der Schulgarten kann 
auch dieser Anforderung gerecht werden, Zwar ist Ver-
	        

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