Full text: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht - 38.1910/11 (38)

«menamtnnttanemmmntene gn 
Form beeinflussen. Der Garten muß uns ein wenigstens 
annähernd getreues Bild der lebenden Natur geber. 
Durch ein Solches immerhin unvollkommenes Abbild der 
großen Natur verliert der Schüler keineswegs den Sinn 
für die Schönheit der heimatlichen Vegetation, vielmehr 
wird er auf einem Schulausflug oder einem Spaziergang 
mit den Eltern in die Fluren und Wälder viel liebevoller 
dem Walten der Naturkräfte nachspüren, da ihm im Schul- 
garten die Augen geöffnet Sind, und ihm Verständnis der 
Lebensvorgänge Selber erschlossen ist. Kräuter, Sträucher 
und Bäume Sind dem Kinde alte Bekannte, an denen viel- 
leicht noch gar manches zu entdecken ist, das im Schul- 
garten nicht beobachtet werden konnte; ganz neue Er- 
Scheinungen werden gedeutet durch Rückerinnerung an 
früher im Schulgarten angestellte Beobachtungen. Der 
Schulgarten muß dem Schüler den Schlüssel reichen, mit 
dem er Sich die große Mannigfaltigkeit der ihn umwogen- 
den Lebensvorgänge erschließt. 
Daß die Brücke vom Verständnis der Schulgarten- 
natur zum Begreifen der freien Natur um So leichter ge- 
Schlagen werden kann, je weniger Schulgarten und freie 
Natur in ihrer Anordnung voneinander abweichen, liegt 
auf der Hand. Warum mügsgen wir im Schulgarten ein 
Wor 
lr. 
WW 
 
 
 
 
 
SIE 
Teichanlage 
Abbild der freien Natur zu Schaffen Suchen, also eine A D- 
ordnung nach Lebensgemeinschaften fordern. Eine 
Lebensgemeinschaft fassen wir im Sinne Junges als »eine 
Gegamtheit von Wegen, die gemäß dem inneren Gezgetze 
der Erhaltungsmäßigkeit zugammenleben, weil sie unter 
dengelben chemisch - physikalischen Einflüssen existieren 
und außerdem vielfach voneinander, jedenfalls von dem 
Ganzen, abhängig gind resp. aufeinander und das Ganze 
wirken«.?*) Solche Lebensgemeinschaften, die z: B. für 
die Stadt Hildesheim in Betracht kämen, Sind: Wald, 
Wiege, Teich, Hügel, Feld, Garten, Pongrube mit Ver- 
Steinerungen. Die Tongrube ist zwar nicht im strengen 
Sinne des Wortes eine Lebensgemeingchaft, gibt aber zur 
Veranschaulichung 80 mannigfacher Verhältnisse Gelegen- 
heit, daß gie als wertvolle Naturlokalität nicht fehlen darf, 
wie ein kleiner Muschelkalkbruch am geschaffenen Hügel 
über manche andere Fragen Auskunft geben kann. Nicht 
alle Glieder einer natürlichen Pflanzengruppe können in 
einem gewöhnlich nicht allzu geräumigen Schulgarten ge- 
züchtet werden. Es Sind aber golche Pflanzen auszu- 
wählen, die dem betreffenden Vegetationsbilde das beson- 
dere Gepräge verleihen. Unter den Wasgerpflanzen im 
Teich , am Teich und am Teichabfluß dürften folgende 
Pflanzen allen Anforderungen genügen: Nymphaea alba, 
Sean 
 
!) Junge, Der Dorfteich als Lebensgemeinsgchaft, 1891. 8. 34. 
117 
 
 
weiße Teichrose -- Misma plantago, Froschlöffel -- Typhka, 
Rohrkolben -- Sagqztiarza, Pfeilkraut -- 1r2zs PSeudacorus, 
Schwertlilie =- Caltha palustris, Sumpfdotterblume -- 
Petasites offzeinalis, Pestwurz -- Aeorus Calamus, Kal- 
mus - (Cieuta v&wrosa, Wassgerschierling -- Phragmates, 
| Schilf -- Erle -- Weide -- Semuaarten -- PElodea 
canadensts, Wasserpest -- Sczrpus lacuster, Simse -- Vero- 
nica Beccabunga, Bachehrevpreis. Einige Farne und 
Moose könnten am feuchten Teichrande gezogen werden. 
Wird die Teichanlage mit einigen Molchen, Fischen, Kaul- 
quappen, WasSerflöhen, Rückenschwimmern, Köcherfliegen, 
Schnecken und Gelbrandlarven besetzt, 80 wäre eine vor- 
treffliche Anlage geschaffen, die überreichlich Anlaß zu 
Beobachtungen bietet. 
Inmitten des Vegetationsbildes stellen Sich die Arten 
in ihrem natürlichen Abhängigkeitsverhältnis vom Boden 
und voneinander dar und für Morphologie, PhySiologie 
und Systematik wird völlig zureichendes Material geboten. 
Auch ein praktischer Grund muß zugunsten einer Ein- 
richtung nach Lebensgemeinsgchaften entscheiden. Die 
Pflanzen können unter ihren natürlichen Lebensbedingungen 
wachsen und erleichtern dem Gartenleiter gar wegentlich 
die Pflegearbeit, um 80 mehr, da Pfilanzen- und Tierwelt 
Sich gegenseitig erhalten. 
Der Einwand Stempels „!) der Schulgarten könne nie 
eine wirkliche Lebensgemeinschaft reprägentieren, besteht 
zwar dem Wortlaute nach zu Recht. Stempel zieht aber 
falsche Schlußfolgerungen, wenn er aus diesem nicht be- 
Strittenen Grunde die Anordnung nach natürlichen Lebens- 
gemeingchaften verwirft. Er verlangt Anordnung nach 
»biologischen Sätzen«, von denen Schmeil in Seinen 
Lehrbüchern eine ganze Reihe aufstellt. » Nach meinen 
Erfahrungen ist es am besten bei einer Anordnung vach 
biologischen Sätzen möglich, auch die übrigen Aufgaben 
gebührend zu würdigen«.?) Ich habe oben nachzuweisen 
vergucht, daß gerade die Anordnung nach natürlichen 
Lebensgemeinschaften Solche Vorteile zeitigt. Als Beispiel 
führt Stempel den Satz an: Die Pflanze begitzt beSondere 
Mittel, das Licht auszunutzen. Er illustriert den Satz an 
mehreren Pflanzen, die aber verschiedenen Lebensgemein- 
Schaften angehören z. B. Tollkirsche (Bergwald), Feigwurz 
(lichter Buschwald), Königskerze (Feldrain), Kohilarten 
(Feld), Efeu (Wald), Sonnentau (Sumpf), Runkelrübe (Feld), 
Wolfsmilch (Garten). Im Interesse einer einheitlichen 
NaturauffasSung will es mir nicht statthaft erscheinen, aus 
verschiedenen Vegetationsbildern einzelne Pflänzchen ge- 
waltsam zu entfernen und gie mit Arten anderer Lebens- 
gemeingchaften zusammenzustellen, besonders nicht in der 
Großstadt, wo öftere Betrachtung der freien Natur aus- 
gegehlosgen ist. Auch werden die Pflanzen unter ihren 
natürlichen Lebensbedingungen besser gedeihen, bei will- 
kürlichem Zusgammenstellen aber nur zu leicht ein ab- 
normes Aussehen annehmen. Zudem verspreche ich mir 
für Übung im Beobachten und für Erfasgung der Linheit- 
lichkeit in der Naiur viel höheren Gewinn, wenn diezgelbe 
Gesetzmäßigkeit, die Sich an den Gewächgen eines Vege- 
tationsbildes gezeigt hat, auch an Pflanzen anderer Lebens- 
1) Stempel, Der Schulgarten. Minden. S. 12. 
?) Ebenda 8. 17.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.