Full text: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht - 38.1910/11 (38)

Endzweck der Erziehung ist, 80 ist Bildung zur Religion 
um der Bildung zur Tugend willen notwendig.« 
Am Schlusse des zweiten Briefes definiert er den 
Begriff der Erziehung zur Religion wie folgt: 
» Erziehung zur Religion ist Bildung zur Sittlichkeit 
in Bezug auf Gott, als den Urgrund und Exekutor des 
moralischen Gegetzes in einer moralischen Welt, um dem 
praktischen Gezetze des Willens äußere Gültigkeit, dem- 
Selben Gegetze die Oberberrschaft über den eigennützigen 
Trieb, und diesem Triebe, durch das praktische Gegetz 
berechtigt, die Hoffnung einer der Gegetzmäßigkeit des 
Willens angemessen Befriedigung zu verschaffen.« 
Unter »eigennützigem Triebe« haben wir hier wohl 
»Trieb zur Glückgeligkeit« zu verstehen. Er Soll Soweit 
durch den Weltschöpfer befriedigt werden, als der Be- 
treffende Sich der Glückseligkeit moralisch würdig ge- 
macht hat, wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht. 
In der Erziehung zur Religion unterscheidet nun 
Greiling zwei Stufen: die Stufe der Kindheit und die 
Zeit der Vernunft. Von der religiögen Erziehung auf der 
ersten Stufe handelt der dritte Brief, Er gagt folgendes: 
»Indem ich mit dem Religiongunterrichte meinen 
Unterricht überhaupt eröffnen Sollte, war ich vor allem 
darauf bedacht, reinen moraliSchen Boden zu bekommen, 
auf welchem ich das Religionsgebäude aufführen konnte. 
Vor allem guchte ich die natürliche Güte des Charakters, 
die Offenheit, Aufrichtigkeit und das Vertrauen zu mir 
zu befestigen.« Dann war Greiling darauf bedacht, an 
Geschichten die praktische Urteilskraft der Kinder zu üben. 
Die cbristliche Religion lehrte er dann im Angchlusse 
an Jegus, aber 80, daß er nicht von Glaubenslehren zu 
den moralischen, Sondern von den moraliSchen zu den 
GHaubenslehren überging. Er wandte dabei die Sokratische 
Methode an. 
Auf diegen propädeutischen Religionsunterricht Soll 
aber der eigentliche Religionsunterricht, wie Greiling im 
fünften Briefe ausführt, erst im Alter der Vernunft 
folgen. Dies Alter ist dann vorhanden, wenn die 
forwalen und materialen Bedingungen des Religions- 
unterrichtes vorhanden Sind. Unter formalen Bedingungen 
versteht er, wie er im achten Briefe ausführt, die be- 
Stimmten Beschaffenhbeilen und Fertigkeiten aller mensch- 
lichen Geistesyermögen; unter den materialen Bedingungen 
die bestimmten Vorkenntnisse:. Die drei formalen Be- 
dingungen beißen: Bewußtgein der praktischen Vernunft 
und des moralischen Gesetzes, Bewußtsein des freien 
Willens und entwickeltes moralisches Gefühl. 
» Ohne das Bewußtsein der Freiheit vermissen wir 
das Merkmal, wodurch die Gottheit Sich ankündigen, wo- 
durch ihre Handlungsweise von der Natur unterschieden 
werden kann. Da uns nun an der Gottheit nichts als 
ihr moralisch heiliger Wille verständlich, dieger aber nur 
vermöge des praktischen Gegetzes erkennbar ist, 80 können 
wir ohne das innerlich bestimmte Ideal der Sitten nicht 
zu dem äußeren, ohne Moral nicht zur Religion, ohne 
Moralität nicht zur Religiosität übergehen. « 
Die materialen Bedingungen des Religionsunterrichtes 
bestehen in bestimmten Begriffen und Vorkenntnissen, 
ohne welche der Religionsunterricht nicht gehörig ver- 
Standen werden und keine Früchte tragen kann. Diese 
95 
halten Soll. 
 
ene eenma 
Begriffe müssen aber nicht nur genannt, Sondern auch 
erzeugt, nicht durch Worte eingetrichtert, Sondern durch 
eigene Anschauung und Selbstbilden entwickelt werden. 
Sie müssen Sich also auf Selbst wahrgenommene Tat- 
Sachen, als die Data der Erkenntnis, Stützen. Diese Tat- 
Sachen Sind entweder ävßere oder innere, und die ihnen 
entsprechenden Begriffe beziehen Sich entweder auf die 
Natur außer uns oder in uns. Es g8ind entweder Welt- 
oder moralische Begriffe. Der Zögling muß demnach 
Selbst erworbene Begriffe von unserer Erde haben. Ebenso 
wenigstens einen vorläufigen Begriff von dem Universum, 
wenn er einen würdigen Begriff von dem Schöpfer er- 
Ohne die KunstweiSheit, welche aus den 
organiSchen Produkten der Natur hervorleuchtet, vorher 
gefaßt zu haben, wird gich kein Kind einen Begriff von 
Gottes moralischer Weisbeit machen können. Um die 
Macht, Güte und Kunstweisheit, worauf die Natur führt, 
in Allmacht, AllweiSheit und moraliSsche Güte zu erhöhen, 
um die Ideen der Heiligkeit und Gerechtigkeit zu er- 
zeugen, müssen zu den Natur- und Weltbegriffen die 
moralischen Ideen noch dazu kommen. Diese Sollen durch 
die Data der inneren Erfahrung gefunden werden. Der 
Erzieher muß diese TatSachen durch Seine Kunst ent- 
wickeln. Diese moralischen Grundbegriffe (z. B. Gegetz, 
Sittlichkeit, Pflicht, Recht, Person, Zweck, Endzweck, 
Sittlich bestimmte Glückseligkeit) müsgen auf bestimmte, 
allgemeinfaßliche Formeln gebracht und geläufig werden. 
Zu den materialen Bedingungen rechnet Grezlung 
auch bestimmte moralische Richtungen des Begehrungs- 
vermögens, bestimmte Gefühle des Herzens. Achtung, 
Wohlwollen und Liebe zur Mengchheit, Dankbarkeit und 
Selbstzufriedenheit, Reue und Selbstverachtung usw. müssen 
ebenfalls Tatsachen des Gemüts gein. 
Sind diese Bedingungen im Zögling gegeben, 80 ist 
er also im Alter der Vernunft, in dem der eigentliche 
Religionsunterricht beginnen kann. 
Greiling entwickelt nun noch Gedanken über den 
Religionsunterricht, doch würde es zu weit führen, diese 
alle hier zu entwickeln. 
Es ist noch zu unterguchen, 
Kant abhängt. 
Greiling baut offensichtlich auf Kant auf, wenn er 
auch im zweiten Briefe (S. 21) Sagt, der Gedanke, die 
moralische Geginnung sSei die Brücke, die, indem Sie dem 
Übersinnlichen im Menschen entsprungen ist, den Schritt 
ins Übersinnliche außer dem Menschen veranlasse, Sei 
nicht erst von Kant, Sondern u. a. ähnlich auch Schon 
von Garve ausgesprochen. An Garve richtet Greiling in 
den einleitenden Worten des ersten Kapitels einen be- 
geisterten Hymnus. Er ist "vohl religiös von ihm be- 
einflußt. Doch legt er, wie wir gegeben haben, überall 
die Kantischen Gedanken zu Grunde, 80 den des Nicht- 
vermögens der theoretischen Vernunft und den des Primats 
der praktischen, und darin die Vorstellnng Gottes als des 
moralischen Richters. 
Und zwar kennt Greiling Kant aus Reznkholdts Briefen 
über die Kantische Philosophie, aber auch aus den Original- 
Schriften, wie aus vielen Stellenangaben aus Kants Werken 
hervorgeht. So hat er den Begriff der praktischen Ver- 
nunft, den er im achten Briefe entwickelt, Reinholdt ent- 
10* 
inwieweit Greiling von
	        

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