17
durch keine Menschensatzungen, durch keine systematischen oder
unsystematischen Vorurrheile hat gefangen nehmen lassen; er
möchte sonst glauben, daß auf dem Wege dieses und jenes Sy
stems Leben und Heil zu finden sey, und dem Herzen dessen, der
gerade diesen Weg einzuschlagen nicht Lust har, dann gar nicht
weiter beizukommen müssen. Es gehört dazu eine gründliche Ein
sicht in das wahre Wesen der Tugend und eine genaue Kenntniß
der menschlichen Rechte und Pflichten in ihrem ganzen Umfange;
er möchte sonst das Unwesentliche dem Wesentlichen, das Un
wichtige dem Wichtigen, die Nebensache der Hauptsache vorzie
hen, und wohl gar Legalität statt Moralität, Mund- und Ge-
dächtnißtugend statt Herzens - und Lebenstugend hervorbringen.
Es gehört dazn eine genaue Bekanntschaft mit dem menschlichen
Herzen und insbesondere mit dem Herzen der Jugend, wie auch
eine eben so genaue Einsicht in den natürlichen Gang, den die
Bildung zur Sittlichkeit im Geiste und Herzen des Menschen
nach der Einrichtung seiner Natur nehmen muß; er möchte sonst
mit seinen Bemühungen der Natur widerstreben und nicht bloß
sie dadurch vereiteln, sondern auch sogar der Moralität, an de
ren Emporbringung er arbeitet, entgegenwirken. — Es gehört
dazu viel eigener Sinn für alles Schöne, viel Gefühl fürs Gute,
viel Wärme des Herzens, viel lebendige Religiösträt, viele Liebe,
viele Mittheilsamkeir; denn nur das geht zu Herzen, was von
Herzen kömmt, und allen moralischen Worten gebricht es an
Kraft und Eindruck, wenn sie nicht aus einem moralisch guten
und sich lebendig und kräftig aussprechcnden Herzen hervorgehen.
Wie sehr hat nun wieder der Lehrer Ursache, Gott zu bitten um
die ihm zu seinem moralischen Bildungsgeschäfte nothwendige
Vernunft, Einsicht, Kenntniß, Gefühl, Kraft, Wärme und
Salbung.
Wenn es der nächste Zweck für den Lehrer als Erzieher ist,
daß er seine Schüler bessere, so muß also auch gewiß der nächste
Zweck seines Gebetes der seyn, daß er sich selbst immer mehr
bessere; aber wie kann der Mensch sich selbst bessern, wenn er
sich selbst nicht kennt? Er bitte also Gott um Selbstkenntniß.
Und besitzt er diese Selbstkenntniß, so frägt es sich, ob er auch
den nöthigen Muth und die nöthige Entschlossenheit besitzt, um
seine guten orsätze ausführen zu können. Gott gibt dem Men
schen durch innere Einsprechung oft seine Pflichten zu erkennen.
Deutscher Schulbote. r. Jahrgang. 2