Full text: Die evangelische Volksschule - 3.1860 (3)

I. 
Die Organisation der Volksschule. 
Aphorismen vor dem neuen Unterrichtsgesetze 
von 
C. Schlenker, 
Oberlehrer an den Francke'schen Stiftungen in Halle. 
<^ie Frage der Organisation unserer Volksschule ist keine von heute 
und gestern, aber eben so wenig eine von Alters her uns überkommen. Die 
Volksschule selbst ist erst ein Produkt der Neuzeit, aber in ihrer rapiden Ent 
wickelung genügten ihr die einfachen Formen nicht, die sic vorfand und die 
ihre Entwickelung behinderten; ihre Wichtigkeit im ganzen Staatsorganismus 
lenkte die Blicke der erleuchtetsten Staatsmänner auf sie, aber nur Anfänge 
wurden zur Organisation gemacht. Man wollte die Volksschule sich dienst 
bar machen je nach dem Wechsel der leitenden politischen Gedanken und kam 
zu keinem Abschluß, weil diese selbst zu keinem Abschluß kamen, sondern der 
StrömuNtz der Zeit huldigten. 
Stetig unv allseitig hat die Volksschule sich unterdeß aus sich und den 
Bedürfnissen der Zeit entwickelt/ und kann man ihre Entwickelung nicht ihr 
als Verdienst zusprechen, so kann man ihr doch das Verdienst nicht abspre 
chen, daß sie hinter den Anforderungen, welche man an sie machte, nicht 
zurückblieb. In der letzten Zeit ist leider fortwährend betont, daß sie sich 
selbst dieses Verdienst zugeschrieben und man hat ihr Ueberbebung vorge 
worfen; man übersah nur das Eine, daß sie wohl, während sie ruhig ihrer 
Entwickelung folgte, den Anforderungen, welcke an sie gemacht wurden, zu 
genügen suchte, gleich einem jungen, begeisterten Arbeiter sich in der Arbeit 
übernahm. Sie wurde deshalb von der öffentlichen Meinung mehr getra 
gen, als daß sie selbst diese für sich zu interessiren gesucht hätte. 
Man hat ihr sogar ihr Verdienst um das eigene Volk absprechen und 
ihr zusprechen wollen, daß die Krankheiten der Zeit auf ihre Wirksamkeit zu 
setzen wären, indem man lieber die Schuld auf sich nahm, ihr dazu die 
Macht gegeben zu haben. Vor das Drängen nach Organisation traten des 
halb die Regulative *) und suchten zu reguliren, um nicht organisiren zu 
müssen. Dadurch ist die Frage nur aufgeschoben und nicht gelöst, ja sie ist 
schwieriger geworden. Man glaubte es mit den Volksschullehrern zu thun 
zu haben und übersah die Volksschule, ja die an der Schule zunächst Be 
theiligten, das Volk. 
*) Die Regulative sind reich an organisirenden Gedanken, und cS wäre nichts mehr zu be 
klagen, als daß sich ihre Muthlosigkeit, sich nicht als Unterricbtsgesetz zu erweitern dadurch rä 
chen sollte, daß jetzt diese Grundgedanken beseitigt würden. Sie sind einseitig, sie sind nicht 
vollkommen, aber sie haben den festen Grund des Positiven für sich, sie geben der Volksschule 
die natürliche Basis, von der aus sie sich entwickeln kann. S. 64 stehen wohl die durchschla 
gendsten Gedanken, und was auch Dicfterweg gegen sie sagen mochte, er bat sie nicht widerlegt. 
Ballten, evangel. Volksschule, ui. Bd. 3. Heft. 10
	        

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