Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner. 
darauf stützen, daß „das Evangelium nun bereits viele Jahrhunderte hin 
durch den Beweis des Geistes und der Kraft geliefert hat." Heft 1 S. 5. 
Die Theologie ist eben nicht das Evangelium; sie hat als solche 
doch wohl schwerlich bereits viele Jahrhunderte hindurch den Beweis des 
Geistes und der Kraft geliefert. Es hat freilich einmal eine Zeit gegeben, 
wo die Theologie normative Wissenschaft war; aber es ist auch bekannt 
genug, wie schlecht dabei die Wissenschaften, am meisten die Theologie 
selbst, sich gestanden. Gewiß ist. daß keine Philosophie, auch die 
jenige nicht, deren Prinzipien. Methoden und Konsequenzen als richtig 
anzuerkennen sind, das reine, wahre, echte Christentum und dessen 
unendlichen Segen ersetzen kann. Aber doch ist es ein gewaltiger 
Irrtum, zu fordern, die „Philosophie solle die Offenbarung zum Prinzip 
nehmen und es mit ihr als lösenden Schlüssel bei ihren Problemen ver 
suchen." Stahl und Andere haben es versucht, es ist ihnen aber sehr 
schlecht gelungen. Wenn die Philosophie, um Prinzipien zu haben, erst 
das Christentum ausplündern muß, so hat sie von den wirklichen Gegen 
ständen und eigentlichen Aufgaben ihres Denkens noch gar keinen Begriff. 
Jede prätendierte Ableitung der empirischen und exakten Wissenschaften, 
zu denen auch die wahre Philosophie gehört, aus dem Christentum und 
seinem Glauben ist entweder eine psychologische Selbsttäuschung oder ein 
pantheistischer Irrtum. „Man bemerke, sagt Herbart, wie unwill- 
türlich diejenigen ins Leere und Nichtige verfallen, welche 
von den höchsten Gegenständen, wohin nur der Glaube sich 
erhebt, beim ersten Anfange menschlicher Forschung zu 
reden unternehmen." Ja, dadurch unterscheidet sich die wahre Phi 
losophie von aller falschen, daß diese mit Religion anfängt und mit Gott 
losigkeit endigt, während bei jener auf entgegengesetztem Wege das ent 
gegengesetzte Resultat sich einstellt. Bei alledem kann doch die Theologie 
ohne Philosophie nicht bestehen. (Keineswegs entlehnt erstere bloß „äußer 
liche Gestaltungsformen" von den letzteren; Heft 1 S. 6; das hätte ja 
wenig Wert.) Denn die eigentliche Erkenntnis der Wahrheit besteht nicht 
in Worten, sondern in Begriffen und deren richtiger Verbindung, während 
die Worte nur die äußerlichen, oft vieldeutigen Zeichen dafür sind. Daher 
geben auch nicht sowohl die oft nur bildlichen Worte Christi und der 
heiligen Schrift überhaupt die Entscheidung, sondern vielmehr die Begriffe, 
die Er damit verband. Wer also den erhabensten Gedankenkreis, den 
des HErrn, erfassen und in sein göttliches Begriffssystem eindringen will, 
der muß gelernt haben, die rohen Begriffe des gemeinen Mannes, welche
	        

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