Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner, 
die allen Menschen als solchen zugänglich sind und von allen anerkannt 
werden. Was die Offenbarung bietet, beruht auf historischer Überlieferung, 
ist nicht gegeben in der Weise, wie die Natur und der Mensch gegeben 
ist; dessen ungeachtet kann eine Überzeugung, die auf Offenbarung beruht, 
viel fester und zuversichtlicher sein, als welche durch Spekulation gewonnen 
ist. Daß unsere Psychologie übrigens mit der Lehre, daß die Vor 
stellungen im letzten Grunde von außen kommen, was M. Claudius 
mit dem Schlag an die Glocke vergleicht, der Annahme einer Offen 
barung sehr günstig ist, siehe Flügel, Wunder und Erkennbarkeit Gottes 
S. 175: Die Möglichkeit der Offenbarung. — Wohl aber ist die 
christliche Weltanschauung als einzig befriedigende Er 
gänzung der philosophischen Erkenntnis anzusehen. Denn 
da die wahre Philosophie niemals „absolute Welterkenntnis" erstreben 
kann, (aus dem einfachen Grunde, weil uns die Welt als Ganzes nicht 
gegeben ist), so „vermag die Metaphysik als strenge Wissenschaft keinen 
genügenden Aufschluß über die Welt im großen und ganzen, sondern 
nur Bruchstücke (wie schon die Bibel sich ausdrückt) einer Erkenntnis vom 
Weltganzen zu geben, Bruchstücke die im Verhältnis zu dem unermeß 
lichen Umfang einer vollständigen Erkenntnis des Universums sogar für 
sehr unbedeutend gelten müssen. Sie kann folglich auch weder die Welt 
anschauung des Christentums ersetzen, noch es unternehmen, ein spekulatives 
Seitenstück dazu aufzustellen, sondern es bleibt dem Glauben überlassen, 
die christliche Gesamtansicht vom Weltganzen, von seinem Ursprünge, 
seiner Entwicklung und seinem Ende, von seinem Verhältnis zu Gott, 
von seiner Bedeutung für die Menschen sich anzueignen, und damit die 
Hoffnung zu verbinden, daß diese die tiefsten Bedürfnisse des Herzens 
befriedigende Weltanschauung im Jenseits in ein wissendes Schauen sich 
verwandeln werde. Ebensowenig aber als die Metaphysik ist die Ethik 
im stände, ein Ganzes zu geben. Sie kann keine Garantie dafür über 
nehmen, daß sie durch ihre Vorschriften das ganze wirkliche Leben voll 
ständig umfasse, oder daß die einzelne sittliche Handlung dem Zusammen 
hang des Ganzen und seiner Stellung zu demselben angemessen und zu 
dessen Bestem erforderlich sei. (Das Gegenteil lehrt bekanntlich eine 
kosmische Sittenlehre, wie die Schleiermachers und Hegels). Auch hier 
kann der Mensch nur den religiösen Glauben in sich ausbilden, daß mit 
Gottes Hülfe seine sittliche Einsicht ausreichen und sein sittliches Handeln 
zum Weltzweck passen werde! (Ziller.) Die Philosophie kann daher auch 
ein Zuchtmeister auf Christum sein, doch ist das nicht ihr „Hauptver-
	        

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