Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik rc. 105 
dienst". Es giebt viele, die nur auf philosophischem Wege für das 
Christentum gewonnen werden können, und die bekennen, es nur der 
Philosophie zu verdanken, daß sie am Christentum nicht irre geworden 
sind, sondern es durch alle Skepsis hindurch nur reiner und fester wieder 
gewonnen haben. Freilich darf man nicht äußerliche Analogie als hierher 
gehörig anführen, am wenigsten falsche philosophische Lehren, wie z. B. 
die Kants vom „radikalen Bösen" Heft 1 S. 6, die auf ganz falschen 
Voraussetzungen ruht. 
Für die Mystik, wie sie mein Gegner fordert, bleibt also hier ein 
unermeßlich großes Gebiet übrig. Mystik, wohin sie gehört, nämlich 
dahin, wo die Thatsachen für uns aufhören, und nicht dahin, wohin sie 
nicht gehört, nämlich wo klares Wissen und Denken entscheidet! Da 
gilt das Wort Luthers: „Was gegen das Licht der Vernunft ist, ist 
noch vielmehr gegen das Licht des Geistes". Den Mystizismus in der 
üblen Bedeutung des Wortes, worunter ich eine nebelhafte Gefühls 
seligkeit und begriffslose Phantastereien verstehe, wird uns daher schon 
die Logik fernzuhalten wissen und noch mehr die exakte Forschung mit 
ihren Resultaten. Vergl. auch das „Pröblein evangelischer Mystik" 
Heft 2 S. 49, in welche Regionen wir nicht folgen. Vollends würde 
es Verblendung sein, in den begriffslosen Phantastereien mittelalterlicher 
Mystik eine treffende Kritik der wahren Philosophie und Spekulation zu 
suchen. Aber darum leugnet die Philosophie nicht die Dinge, über die 
sie nicht entscheiden kann; deshalb kann auch nur Böswilligkeit meinen, 
die „sogenannte Philosophie" sage zu der typischen Weissagung: incre- 
dibile et absurdum.*) Heft 2, S. 48. Wir wissen auch recht wohl 
die christliche Kirche in ihrer weittragenden Bedeutung als Heilsanstalt 
mit ihren Gnadenmitteln zu schätzen. Grade weil wir die transcendentale 
Freiheit verwerfen oder die Lehre, der Mensch könne sich selbst erlösen 
und sich nach Belieben aus Lasterhaftigkeit zur Heiligung bestimmen, 
legen wir einen so großen Wert auf die Hülfe, die von anderer Seite 
dem Menschen kommen muß durch Vermittlung von Kirche und Schule. 
Gewiß mit um dieser Enthaltsamkeit willen und des sich selbst 
*) Mein Gegner hatte behauptet, daß alle alttestamentlichen Geschichten 
auf Christum hinweisen. Ich hatte um Aufklärung darüber gebeten, in welchem 
Sinne dies gemeint sei. Die Andeutungen, die mein Gegner darauf giebt, waren 
allerdings nicht nötig, sie beantworteten die Frage gar nicht. Gehören nicht 
auch Kains Brudermord, Abrahams Vertrag mit Lot, Jacobs Flucht und Dienst 
bei Laban rc. rc. auf die „Unterstufe"? Sind das auch typische Weissagungen?
	        

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