Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner. 
Volksschulen erscheint mir allerdings der zunehmende Einfluß Herbarts." 
Der wahrheitliebende Leser wird etwas erstaunt sein, wenn er im zweiten 
Angriff liest, daß dies folgende Bedeutung haben soll: „Die Falkschen 
„Allgemeinen Bestimmungen" enthalten ebensowenig wie die Herbartsche 
Pädagogik widerchristliche Tendenzen. Das ist aber nur ein negatives 
Lob. Der Tadel gegen beide ist: Sie entsprechen nicht den Forderungen 
des für unseren Volksschulunterricht höchst maßgebenden Prinzips, nämlich 
des evangelisch-nationalen." Ein ander Mal wird der Tadel gegen den 
Herbartianismus „präzis" dahin zusammengefaßt, daß er das unserem 
evangelischen Bekenntnis eigne Element gesunder Mystik ignoriere. Diese 
gesunde Mystik stehe zu dem Grundzuge unsres deutschen Volkes in 
näherem, innigerem Verhältnisse, als zu der Eigenheit anderer Nationen. 
Weil daher der Herbartianismus sich fremd stelle zur Grundeigentümlich 
keit unseres Volkes, so könne er ihm nicht förderlich sein. — Dagegen 
gebe ich zu bedenken, daß eine allgemeine wissenschaftliche Pädagogik, 
die nicht bloß für das deutsche Volk bestimmt ist, nicht speziell auf die 
Eigenheit des deutschen Volkes Rücksicht zu nehmen hat, sondern dies 
der individuellen Handhabung der Pädagogik jedes einzelnen Volkes 
überlassen muß; dies verlangt aber die Herbartische Pädagogik selber 
durchaus, und es ist deshalb der Vorwurf ganz unhaltbar, weil die 
Herbartianer mit der Berücksichtigung der Individualität 
resp. Nationalität den größten Ernst machen. Individualität 
soll freilich für Herbart nur „Verschiedenheit der Einkörperung" (Heft 1 
S. 10) sein. Um darüber nicht abenteuerliche Vorstellungen aufkommen 
zu lassen, sehe ich mich veranlaßt, etwas deutlicher auseinander zu setzen, 
was uns die Individualität bedeutet: 
1. Das Psychische bietet den ersten Bestimmungsgrund der In 
dividualität in der natürlichen Beschaffenheit seiner eignen Bestandteile, 
d. h. in der Qualität der Vorstellungen dar, von denen einerseits 
einem großen Teile nach wiederum die Arten der Gefühle und Be 
gehrungen, andererseits die in dem Gedankenkreise des Individuums vor 
herrschenden Richtungen abhängen. 
2. Der zweite Bestimmungsgrund in dem Psychischen als solchem 
für die Individualität liegt in der Quantität der Vorstellungen und 
Gedanken, und zwar in Rücksicht auf Extensität und Intensität des 
Gemütes, in deren Unterschieden je eine neue Reihe psychischer Gründe 
liegt, welche die Individualität speziell bestimmen. 
3. Ein dritter Hauptgrund für die Jndividualitätsunterschiede liegt
	        

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