Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

Abermals Herbart und Herbartianer. 
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täte zu gewinnen, so ist diese Anmaßung und Verirrung allezeit von der 
gläubigen Christenheit mit vollstem Recht entschieden zurückgewiesen 
worden. Es ist dieser Wissenschaft bis jetzt auch gelungen, alle irre 
führenden kirchlichen Richtungen niederzuhalten, die allerdings, wie die 
Rationalisten des 18. Jahrhunderts (Semler, Steinbart, I. D. Michae 
lis rc.) und die Protestantenvereinler jetziger Zeit (Schenkel, Lipsius, 
Biedermann rc.) in die Thorheit (den „gnostischen Sauerteig") verfallen 
sind, unsere Religion zu einem Objekt der Wissenschaft zu machen und 
der Philosophie einen gewissen Einfluß auf ihre „Fortentwickelung" zu 
gestatten. 
In viel höherm Sinne ist die Theologie eine normative Wissen 
schaft. Sie erhebt mit Recht den Anspruch, daß es die Philosophie mit 
der Weltanschauung der Offenbarungslehre als dem lösenden Schlüssel 
in ihrem Bereiche versuche und dadurch die volle Einheit der beiden in 
Rede stehenden Wissenschaften herstellen helfe. 
Und der Beweis dafür, daß die Theologie in der That solchen 
Anspruch erheben darf? Er ergiebt sich nicht aus „philosophischen De 
duktionen", s. S. 322 des „Protestes", sondern wieder nur aus der „Ge 
schichte und Erfahruug, der beweiskräftigsten Philosophie" (Hamann); 
es ist, mit anderen Worten, der Beweis des Geistes und der Kraft, 
den das Evangelium nun schon viele Jahrhunderte dadurch 
geliefert hat, daß es für alle intelligentesten Völker) insbeson 
dere für die edelsten Glieder derselben der^ alleinige Lebens 
grund geworden, darauf sie ihr wahres Leben erbaut haben. 
(Vergl. auch Hamann, Zweifel und Einfälle: „So wie alle Arten der 
Unvernunft das Dasein der Vernunft und ihren Mißbrauch voraussetzen: 
so müssen alle Religionen eine Beziehung auf den Glauben einer ein 
zigen, selbständigen und lebendigen Wahrheit haben, die, gleich unserer 
Existenz, älter als unsere Vernunft sein muß, und daher nicht durch 
die Genesis der letztern, sondern durch eine unmittelbare Offenbarung 
der erstern erkannt werden kann. Weil unsere Vernunft bloß aus den 
äußeren Verhältnissen sichtbarer, sinnlicher, unstetiger Dinge den Stoff 
ihrer Begriffe schöpft, um selbige nach der Form ihrer inneren Natur 
selbst zu bilden und zu ihrem Genuß oder Gebrauch anzuwenden: so liegt 
der Grund der Religion in unserer ganzen Existenz und außer der 
Sphäre unserer Erkenntniskräfte, welche alle zusammengenommen 
den zufälligsten und abstraktesten modum unserer Existenz ausmachen. 
Daher jene mythische und poetische Ader aller Religionen, ihre Thor-
	        

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