Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Preisausschreibung. 
lichen Charakter, daß alle Erfahrungen, welche der Erziehung Nutzen 
bringen können, sorgfältig verwendet werden. 
Die wissenschaftliche Darstellung der Pädagogik muß sich auf den 
Boden des wirklichen Lebens stellen. Da nun ein Mensch in ubstraoto 
nicht existiert, sondern nur in bestimmter konkreter Erscheinung, so giebt 
es auch keine allgemeine Pädagogik. In Wirklichkeit hat die Erziehung 
auch immer einen ganz bestimmten Charakter. Religion, Nationalität 
und Lebensstellung drücken derselben ihr Gepräge auf. Auch die christ 
liche Pädagogik ist nicht überall dieselbe. Palmer hat deshalb Ver 
anlassung genommen, seine Erziehungslehre als eine evangelische zu 
bezeichnenb). Wenn gegenwärtiges Handbuch sich nicht gleichfalls als 
Handbuch der evangelischen Erziehungslehre, sondern als ein Handbuch 
der christlichen Pädagogik ankündigt, so geschieht dies ganz allein deshalb, 
um schon auf dem Titelblatt zu erklären, daß nicht etwa eine allgemeine 
Erziehungslehre auf evangelischem Standpunkte, sondern eine spezielle 
Darstellung derjenigen Momente gegeben werden soll, durch welche die 
Erziehung ihren christlichen Charakter erhält. 
Preisausschreibung zur Einreichung von Arbeiten über das Thema: 
„Die Wahl eines gewerblichen Berufs." 
Für jeden Knaben, welcher mit vollendeter Schulpflicht die Schule verläßt 
und ein Handwerk oder ein Gewerbe ergreifen will, nicht minder für feine 
Angehörigen ist die Frage, welcher Beruf gewählt werden solle, von der höch 
sten Bedeutung. Von ihrer richtigen Beantwortung hängt das Lebensglück des 
Individuums, ebenso das Wohlbefinden ganzer Familien der gegenwärtigen und 
nachwachsenden Generation ab. Ihre Beantwortung ist mit großen Schwierig 
keiten verknüpft. Denn selbst wenn Charakter und Fähigkeiten des Knaben 
reiflich erwogen werden, so setzt fie bei denjenigen, welche zu raten und mitzu 
entscheiden haben, ziemlich weitgehende Kenntnis der Eigentümlichkeiten der 
verschiedenen Handwerke und Gewerbe und ein zutreffendes Urteil über die 
Aussichten für das spätere Leben voraus, welche Voraussetzung aber nur selten 
zutrifft. Die Auskunft von Gewerbetreibenden, mit der man sich in den meisten 
Fällen begnügen muß, ist von zu vielen Faktoren und Zufälligkeiten abhängig, 
als daß sie die notwendige Zuverlässigkeit beanspruchen könnte. Nur zu häufig 
wird daher von dem jungen Menschen ein Beruf erwählt, zu welchem er weder 
körperlich noch geistig geeignet ist, oder, wenn dieses der Fall wäre, der ihm 
°) Ähnlich auf katholischer Seite: Ohler, Lehrbuch der Erziehung und des 
Unterrichts, eine systematische Darstellung des gesamten kath. Volksschulwesens. 
Mainz 1874, und Dur sch, Pädagogik oder Wissenschaft der christlichen Erziehung 
aus dem Standpunkt des kath. Glaubens 1851.
	        

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