Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

Abermals Herbart und Herbartianer. 
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2. Was die Philosophie Herbarts insbesondere anbetrifft, so 
ist es mir nicht in den Sinn gekommen, eine umfassende, abschließende 
Kritik derselben liefern oder auch nur behaupten zu wollen, daß sie sich 
in ein feindseliges Verhältnis zum Christentum stelle. Ich weiß gar 
wohl, daß sie, wenn auch diesem im gründe indifferent gegenüber- 
stehend, doch, wie z. B. Taute in seiner „Religionsphilosophie" gezeigt 
hat, „einer Befreundung mit demselben nicht unfähig ist" 
Indessen nimmt es mich wunder, noch jemanden gefunden zu haben, 
(s. S. 325 des „Protestes")'der daran gezweifelt, daß auch das Herbart- 
sche System — trotz seines Anspruches auf „wissenschaftliche Gewißheit" 
— auf Grundanschauungen beruhe, die durchaus nicht mit zwingenden 
Gründen erwiesen werden können, sondern eben auf Treue und Glauben 
angenommen werden müssen. 
Nur wenige Andeutungen als Belege hierfür: 
I. Unerweislich sind die Widersprüche, die Herbart in den „durch 
die Erfahrung uns aufgedrungenen" Begriffen findet. Trendelenburg 
kommt in den „Beiträgen zur historischen Philosophie Bd. II p. 313 bis 
351" zu dem Resultat: 1) „die von Herbart in den allgemeinen Erfah 
rungsbegriffen bezeichneten Widersprüche sind keine Widersprüche; 2) wären 
sie Widersprüche, so wären sie in seiner Metaphysik nicht gelöst; 3) wären 
sie Widersprüche und wären sie gelöst, so blieben andere und größere un 
gelöst". 
II. Derselbe zeigt im 3. Band seiner „Beiträge re." S. 122—170 
(in Bezug auf Herbarts Ethik), daß es höchst fraglich, ob das ver 
meintlich im Interesse der Reinheit der sittlichen Auffassung aus seiner 
Bedingtheit durch die natürlichen Wertunterschiede der geistigen Funk 
tionen hinausgehobene, für absolut erklärte Urteil des Gefallens und 
Mißfallens als letzter Grund des Schönen und des Sittlichen gelten 
dürfe und ob es insbesondere die sittliche Verbindlichkeit genügend zu er 
klären vermöge; eine „Schönheit", die in bloßen Verhältnissen als solche 
liegt, oder eine Form, zu welcher der Inhalt nur als der unentbehrliche 
Träger gesucht wird, entspricht dem Prinzip der sophistischen Rhetorik 
(z. B. eines Aelius Aristides); wahrhaft befriedigend ist die ästhetische 
Form nur als adäquater Ausdruck eines wertvollen Inhalts; die näm 
liche Form oder das nämliche Verhältnis befriedigt oder mißfällt je 
von Gerhardt, verglichen mit der modernen Systematik, fällt. Dasselbe ist 
allgemein bekannt, wenn auch nur durch den Widerspruch, den es zu seiner Zeit 
erfahren hat. Aber es wird noch geschehen, daß es sich allen bewährt.
	        

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