Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner, 
Philosophie gleichsam ein Zweig, der aus dem gemeinsamen Stamme 
der Ethik herauswächst und einer eigenen Entwickelung fähig und bedürftig 
ist. Aus der Ethik entnimmt sie daher auch ihr Ziel. (Es ist nicht 
korrekt, bei Herbart von mehreren Zwecken der Erziehung zu reden, 
wiewohl er selbst durch seine Ausdrucksweise hier und da solchen Miß 
verstand veranlassen mag.) Aber freilich, Herbarts Ethik soll nicht „voll 
und ganz auf dem Grunde des Evangeliums ruhen, sie ignoriert so gut 
wie vollständig die Hauptthatsachen der Geschichte und Erfahrung: nämlich 
die Erbsünde und Erlösung. Darum versteht und verwertet sie nicht den 
Gedanken von der Einheit des Menschengeschlechts und den des innigen 
wunderbaren Lebensbandes (unio mystica) zwischen Christo und seinen 
Gliedern rc." Über diese Punkte habe ich bereits im Anfang gesprochen; 
hier noch einige Worte rücksichtlich der Ethik. Gegen eine Ethik den 
Vorwurf erheben, daß sie Geschichte und Erfahrung nicht berücksichtigt, 
heißt doch nichts anderes, als behaupten, sie sehe ab von der Frage, ob 
und wie das Gute in der Welt entstehe und verwirklicht werde. Aber 
diese Frage ist eine Nebenfrage im Vergleich zu der Hauptfrage der Ethik, 
um die es sich zuerst handelt, nämlich den Begriff des Guten selbst fest 
zustellen. „Um Einsicht in die Entstehung des Guten zu gewinnen und 
diese Entstehung nicht etwa mit der Entstehung von etwas anderem zu 
verwechseln, muß man zuvor ganz genau wissen, was gut und was böse 
ist, und bedarf also eines Kriteriums desselben. Ein solches Kriterium 
zu gewinnen, darauf ist Herbart bedachtsam zuerst ausgegangen, und die 
Frage danach bildet den Hauptpunkt seiner Grundlegung". (Allihn.) Daß 
man auf dem Standpunkte unserer Ethik die christlichen Ge 
danken nicht verstehen und verwerten könnte, ist eine ungegründete Be 
hauptung. Dagegen entsprechen die Prinzipien derselben der 
Anschauung des Neuen Testamentes durchaus. Daß endlich 
die Selbständigkeit der praktischen Philosophie gar wohl verträglich ist 
mit der Stellung des Christentums, siehe Thilo, Theologisierende Rechts 
und Staatslehre, S. 151 ff. 
Welches Ziel stellt nun aber die Ethik auf? Ihr höchstes Ideal 
ist die Tugend oder die Liebe im christlichen Sinne (die nicht auf das 
Wohlwollen zu beschränken ist). Tugend ist nämlich da vorhanden, wo 
der Wille der richtigen sittlichen Einsicht genau entspricht und in Gehorsam 
und Demut ausführt, was diese vorbildet, und wo dies Verhältnis in 
einer Person bei allem ihrem Streben und bei allem Widerstand, auf 
den sie bei ihrem Handeln stößt, dauernd aufrecht erhalten wird. Die
	        

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