Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner, 
nicht als Deckmantel unsrer Trägheit benutzen. Denn bei der Mystik 
pflegt es sowohl an der Einsicht als am Willen zu fehlen; vgl. dazu 
Ziller: „Die theoretische Mystik des Neuplatonismus, die sog. Theosophie 
schloß nicht bloß alle Wellerkenntnis an die Gotteserkenntnis an, wie 
es die theoretische Mystik immer thut, sondern verzichtete auch auf alle 
denkende Erkenntnis, die immer zur Einsicht notwendig ist. Sie glaubte 
Gott und in Gott alles schauen, d. i. unmittelbar erkennen zu können, 
während das Denken eine mittelbare, eine durch Urteil und Schluß ver 
mittelte Erkenntnis ist. Aber sie verzichtete zugleich auf alles Wollen, 
wie die praktische Mystik, also auf alles selbständige Streben, zum 
Schauen zu gelangen, obgleich sie auf dem Wege einer solchen besondern 
Art von Religion das Glück suchte. Sie stellte das Glück Gott anheim, 
scheinbar in religiösem Gottvertrauen, das jedoch in Wahrheit niemals 
ohne ein entsprechendes Wollen ist". Man muß durchaus die Mittel, 
die Gott für die Erreichung des Zweckes in die Welt hineinlegte, durch 
menschliche Thätigkeit ergreifen und benutzen; das ist ja überall im 
Reiche Gottes Regel und Gesetz. Es gilt auch hier: Arbeiten, als ob 
alles Beten nichts hülfe. 
Deshalb machen wir den größten Ernst damit, den ge 
samten Unterricht in den Dienst der sittlich-religiösen 
Charakterbildung zu stellen, deshalb steht bei uns das 
religiös-sittliche Moment durchaus im Zentrum alles 
Unterrichts. Wenn dies aber nicht eine bloße Phrase sein soll, so 
muß dafür gesorgt werden, daß in dem Geiste des Zöglings wohl 
geordnete Vorstellungsmassen durch den Unterricht erzeugt werden, die 
auf das innigste unter einander verschmolzen sind und ihren Einigungs 
und Zentralpunkt im Religiös-Sittlichen haben; es müssen daher solche 
Vorstellungen sein, die entweder selbst sittlicher Art sind oder doch dem 
Sittlichen in der Ausführung zu Hilfe kommen. Deshalb muß im 
Unterricht auch gesorgt werden für die Kenntnis der wirklichen Welt, 
in welcher der Zögling einmal handelnd auftreten soll. Aber das Wissen 
soll nicht totes Kapital sein; es soll das entsprechende Wollen dazu 
kommen. Wie kann dies durch den Unterricht geschehen? Dadurch, daß 
alles Lernen nur dazu dienen soll, das Interesse anzuregen. Das 
Interesse ist ja eine Vorstufe des Wollens. Es ist also die gewöhnliche 
Vorschrift: Der Lehrer soll suchen, für das, was er vorträgt, zu inter 
essieren, nicht in dem Sinne zu nehmen, als sei das Lernen Zweck, das 
Interesse das Mittel; sondern umgekehrt ist das Verhältnis: Das 
Lernen soll vorübergehen, das Interesse soll bleiben.
	        

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