Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Glöckner. 
düng, diejenige Abspannung, welche dem Interesse direkt und als äußerstes 
Gegenteil zuwiderläuft. Die Gesundheit des geistigen Lebens erfordert 
Ruhe und Reizbarkeit; beides zugleich liegt aber eben in dem Interesse; 
und je mannigfaltiger und beharrlicher dieses, um desto größer die Summe 
des geistigen Lebens. Wer etwas anderes unter dem Worte Bildung 
versteht, mag seinen Sprachgebrauch behalten; aber seine Gedanken 
müssen aus der Pädagogik wegbleiben." (Herbart.) Wo der Unterricht 
nicht solche Bildung erzeugt, sondern lediglich Wissensstoff anhäuft, da 
freilich wird die Kultur so oft das Grab des Charakters. Diese 
vielseitige Bildung hat aber einen hohen Wert für die Sittlichkeit. Sie 
erleichtert dem Menschen den Wechsel seiner Beschäftigungen und Zwecke, 
wenn ihm derselbe durch die Umstände geboten wird. Sie befähigt ihn, 
in Geduld und Ergebung von Zielen abzulassen und Plänen zu entsagen, 
die nach der Lage der Verhältnisse aufgegeben werden müssen; sie ver 
leiht Leichtigkeit und Lust, überzugehen zu einer neuen Beschäftigung und 
Lebensweise, und alles das ist besonders wichtig in einem Leben voll 
von Glückswechseln und widrigen Schicksalen. Und das hat für die 
Jugend große Bedeutung: denn der religiös-sittliche Charakter darf sich 
nicht, wie der Charakter des Ehrgeizigen und Eigennützigen, an irgend 
welche äußere Güter hängen. Das nennt unsere Religion einen Götzen 
dienst. Herr Lettau sagt, die beste Begründung des vielseitigen Unter 
richts stehe geschrieben Eph. 4, 15: Wachset in allen Stücken an dem, 
der das Haupt ist, Christus. Abgesehen davon, daß der Apostel dabei 
sicher nicht an die Vielseitigkeit des Unterrichts dachte, stimmt der Ge 
danke ganz mit dem oben Gesagten überein. Ich wüßte wenigstens nicht, 
in welchem andern Sinne man durch Naturkunde, Mathematik rc. an 
Christo wachsen könnte. 
Aber dies alles genügt noch nicht. Das vielseitige Interesse könnte 
auseinanderfahren, und Planlosigkeit, Zersplitterung, Zerfahrenheit würde 
das Resultat sein. Soll dies nicht geschehen, so muß bei aller Viel 
seitigkeit des Strebens doch eine Hauptrichtung, ein Hauptziel 
vorherrschen, mit dem die einzelnen nebengeordneten Zwecke in die ent 
sprechende Verbindung zu setzen sind. Das bringt in die Mannigfaltigkeit 
des Strebens eine innere Einheit. Und was kann dieser Einigungspunkt 
in Rücksicht auf das Ziel der Erziehung anders sein als das religiös- 
sittliche Moment? Dies steht im Mittelpunkt des gesamten 
Unterrichts. Aber wir sagen es nochmals, soll dies mehr sein als 
eine Phrase, dann müssen eben alle Vorstellungskreise auf das engste mit
	        

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