Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

Abermals Herbart und Herbartianer. 
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gehemmt oder vielmehr ausgetilgt werden, und falls sie sich beharrlich 
widersetzt, der Kamps bis zur gegenseiügen Vernichtung, um dem Gesetz 
des Widerspruchs zu genügen, fortgehen. Daß es dahin nicht kommen 
kann und daß bte Erfahrung anderes aufzeigt, beweist nur die Falschheit 
der Punktualitätshypothese selbst. (Überweg, „Grundriß", vergl. auch 
Albert Lange,.„Grundlegung der mathematischen Psychologie.") 
3. Die mancherlei Vorzüge der Herbartischen Päda 
gogik erkenne ich voll und gern an, um so mehr, als ich selber 
ihr viel Anregung und Förderung, namentlich auf dem Gebiet der 
Didaktik, verdanke; und ich bin weit davon entfernt, die Herbartsche 
„Unterrichtstechnik" eine „Schablonenreiterei" (vgl. S. 330 „Protest" rc.) 
zu nennen. 
Was ich aber gegen Hs. Pädagogik habe? Soll ich es 
noch einmal kurz und bestimmt sagen, so erkläre ich: .sie wird mehreren 
Grundanschauungen — namentlich einigen für unser deutsches Volk recht 
bedeutsamen — des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses nicht gerecht. 
Die Ethik, aus der sie ihre Ziele entnimmt, ruht nicht voll und ganz 
auf dem Grunde des Evangeliums; sie ignoriert so gut wie vollständig 
die Hauptthatsachen der „Geschichte und Erfahrung" (vgl. S. 323), 
nämlich die Erbsünde und die Erlösung. Darum versteht und verwertet 
sie nicht den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechts und den des 
innigen wunderbaren Lebensbandes (unio mystica) zwischen Christo, 
dem Haupte, und seinen Gliedern, die durch Glauben und Taufe mit 
ihm verbunden sind*), und bringt es nicht zu einer tiefern Erfassung 
*) Stahl, „Fundamente einer christl. Philosophie", S. 65: „Adam ist ge- 
wisiermaßen der Urstoff der Menschheit, Christus aber ihr Urgedanke in Gott, 
beide lebendig persönlich. Die Menschheit ist eins in ihnen; deshalb ward des 
Menschen Sünde allen zur Sünde, des Menschen Opfer allen zur Sühne. Jedes 
Blatt eines Baumes kann für sich grünen oder verwelken, aber jedes leidet 
durch die Krankheit der Wurzel und genest durch ihre Heilung. Je flacher 
nun ein Mensch ist, desto mehr wird ihm alles isoliert erscheinen; denn auf 
der Oberfläche liegt alles auseinander. Er wird in der Menschheit, in der 
Nation, ja in der Familie selbst bloß Individuen sehen, bei welchen die That 
des einen mit der des andern keinen Zusammenhang hat. Je tiefer aber jemand 
ist, desto mehr dringen sich ihm diese innerlichen, aus dem Mittelpunkt kom 
menden Beziehungen der Einheit auf. Ja die Liebe des Nächsten selbst ist ja 
nur die tiefe Empfindung dieser Einheit; denn nur, mit dem man sich als eins 
erkennt und fühlt, den liebt man. und die christliche Moral befiehlt nichts 
anderes als die Liebe Gottes und des Nächsten. Was die christliche Nächsten 
liebe für das Gemüt, das ist jene Einheit des Menschengeschlechts für die Er 
kenntnis."
	        

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