Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Classen, Bildung 
er doch selbst Student gewesen, zugeben, daß Studenten eine ganz andere 
geistige Reife als Seminaristen besitzen; daß vieles den Studenten zu 
gute gehalten werden kann, wenn sie sich, wie der Herr Pastor sich aus 
zudrücken beliebt, in germanischer Weise austoben, was Seminaristen, 
welche auch bereits in der Übungsschule als Lehrer wirken, nie und 
nimmer gestattet werden darf. Gewiß steckt in unseren Seminaristen 
„viel guter Wille, treuer Fleiß und gute Arbeitskraft"; aber wenn diese 
guten Eigenschaften zu gesunder Frucht ausreifen sollen, dann ist Zucht 
nötig, wie sie am vollkommensten und doch mildesten das Internat ge 
währen kann. 
IX. Dieser Satz enthält schwere Vorwürfe für die jetzigen Seminar 
internate, die aber, wenn sie auch begründet wären, noch lange nicht den 
Stab über das System an sich brechen könnten. Angenommen, der Herr 
Pastor hat ein schlecht geleitetes Internat kennen gelernt, sind darum 
alle schlecht? Ich glaube mit ruhigem Gewissen sagen zu können, in 
unseren Seminarinternaten sind „Koulissen" nicht notwendig; da gibts 
nichts, was verheimlicht zu werden braucht, und die Behörde duldet 
nichts, was verheimlicht werden müßte. Damit bin ich mit dem Herrn 
Pastor einverstanden: wir leben in einer Zeit, wo man sehr aller Zucht 
und Ordnung widerstrebt; aber gerade darum fordere man Zucht und 
verwerfe nicht Anstalten, darin sie gut geübt werden kann. Und wenn 
der Herr Pastor schreibt, „die ins Seminar tretenden Jünglinge konnten 
sich bis dahin völlig ungebunden entwickeln" — was wohl auch nicht 
jeder zugeben wird —, und er ein in der Präparandenbildung erfahrener 
Pastor, also doch wohl selbst Präparandenbildner oder als Lokalschul 
inspektor im gewissen Sinne Aufsichtsbeamter ist oder war, so ist sehr 
zu beklagen, daß er als solcher die ungebundene Entwicklung seiner 
Präparanden hat geschehen lassen. Die Seminare, welche von ihm solche 
Präparanden erhalten haben, werden ihm dafür wenig Dank wissen. 
Auch bezweifle ich das Vorkommen von Jnternatshausordnungen, die 
„oft" nicht das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden. Solche 
Hausordnung wird, ehe sie Gültigkeit hat, vom ganzen Lehrerkollegium 
beraten und aufgestellt, vom Provinzialschulrat geprüft und dann erst 
vom Provinzialschulkolleginm genehmigt. Sollten alle diese Instanzen 
„oft" nicht Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden können? 
X. Die Gefahren, welche der Herr Pastor bei einer straff gehand- 
habten Hausordnung fürchtet, sind in Externaten in ganz gleicher Weise 
vorhanden und fordern im Externat eine weit straffere Zucht als im
	        

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