Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Settau, 
wäre es sehr wünschenswert, daß die tiefsinnigen Erörterungen unseres 
Thrämer (auf die ich oben hingedeutet habe) und die daraus resultierenden 
Forderungen an die Pädagogik, namentlich soweit ihnen der Verein zu 
gestimmt hat, wieder einmal in Erinnerung gebracht würden. In ihnen 
liegt eine entschiedene Verurteilung des der Herbartischen Schule anhaf 
tenden Intellektualismus und Formalismus und damit ein Beweis, wie 
sehr sie noch einer weitern Durchläuterung bedürftig ist, als diese schon 
von Männern wie Ziller, Waitz, begonnen worden. Ich möchte nur 
beispielsweise einige, besonders hierher gehörige, mit dem Obigen in naher 
Beziehung stehende Thesen herausheben: „Nicht wenige evangelische Lehrer 
und Prediger neuerer Zeit sind durch ihr Lehrverfahren mit schuld daran, 
daß die „deutsche Gewissenhaftigkeit" (d. h. die ursprüngliche, auf der 
überwiegend innerlichen Richtung beruhende und durch die Taufgnade 
erneuerte größere Fähigkeit des Deutschen, Gottes unmittelbares geistiges 
„Wort" innerlich zu vernehmen, sowie seine Neigung darauf zu achten) 
eine so große Einbuße erlitten hat. — Es muß die gesunde nüchterne 
(weil an Gottes geschriebenem Worte sich messende) deutsche Mystik 
wiederhergestellt werden—, wie sie in Männern, wie Tauler, Luther, 
Arnd, P. Gerhardt rc., den echten Typen und Normalgestalten unsers 
Volks, lebendig gewesen. Luther, der als rechter Deutscher zunächst von 
innerlichen (Gewissens--) Motiven zum Werke der Reformation gedrängt 
wurde und dann auch ein solcher Beter war, den Gott nicht ohne inner 
liche Antwort ließ, erklärt u. a. den Zwickauer Lügenpropheten gegenüber 
gemäß Thess. 5, 19—21 und I. Kor. 14, 39, 29, daß es gar wohl 
noch eine auf ein unmittelbar innerliches Wort Gottes sich gründende 
Prophetie geben könne; nur sei sie, wie die alttestamentliche Prophetie, 
an das schon geschriebene Wort Gottes insofern gebunden, als sie dem 
selben nicht widersprechen, sondern es nur erweitern dürfe." — „Vor 
nehmlich durch die Pestalozzische Schule ist die Forderung aufgestellt 
worden, daß aller Unterricht auf Anschauung, auf äußere Sinnes 
thätigkeit, insbesondere die des Auges, und damit zusammenhängende 
Verftandesthätigkeit sich gründen solle. Mehr eingehende psychologische 
Untersuchungen haben aber zu der Entdeckung geführt, daß das auf die 
deutsche Kindesnatur nicht paßt, indem die deutsche Natur eben so sehr, 
wo nicht noch mehr auf den Gebrauch des Ohres, auf das Vernehmen 
(das innere Vernehmen) und die damit zusammenhängende Vernunft- 
entwickelung angelegt und hingewiesen ist. Das tritt nun bei einzelnen 
Unterrichtsgegenständen, namentlich den sog. ethischen, nach deren Natur
	        

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