Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

„Wissenschaftliche" und „evangelische" Pädagogik. 363 
auch den Unterschied zwischen Religion und Religionslehre ignoriert? 
Sie hörten doch, daß ich meinte, unsere „Religion", die in unserm 
evangelischen Bekenntnis ihren Ausdruck gefunden, sei nicht zu einem 
Objekt der Wissenschaft zu machen — gemäß des Paulinischen Wortes 
Gal. 1, 8: „Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel ein 
ander Evangelium predigten, denn wir gepredigt haben, der sei verflucht." 
„Schlimm wäre es ja, wenn die Schule sichs einfallen ließe, den Glauben, 
der schon lange vorhanden ist, von neuem hervorbringen zu wollen, wenn 
die mehreren Schulen, sofern es deren giebt, unter sich wetteifernd ver 
suchten, welche von ihnen wohl am meisten Einfluß auf die Kirche ge 
winnen könnte. Wird so etwas unternommen, dann erhebt unfehlbar die 
Kirche sich mit Stolz re." (Herbart, s. Heft 4 des „Monatsbl.", S. 106). 
Fürwahr, es wäre viel leichter zu zeigen, „daß die Theologie" oder 
wollen Sie lieber hören „die christliche Weltanschauung" auf die (ethischen) 
Wissenschaften, besonders auch auf die Philosophie, einen bedeutenden 
Einfluß ausgeübt hat, namentlich dürfte dieses bei Herbart der Fall 
sein. Ich möchte sagen: das Beste, was er und seine Jünger in ihren 
pädagogischen Schriften geben, ist nicht Ergebnis des „reinen philosophischen 
Denkens", sondern rührt aus dem Worte der Offenbarung her. „Wie 
könnte es auch anders sein?" Wie hätte Herbart über Pädagogik schreiben 
können, ohne den großen weltüberwindenden aus der „Offenbarung" her 
rührenden Gedanken, die ihm so zu sagen von Kind auf in Fleisch und 
Blut übergegangen waren, Einfluß zu gestatten! Merken Sie nicht diesen 
Einfluß z. B. in dem Wort: „Keine Lehre in der Welt ist im stände, 
den Menschen vor Leiden, vor Übertretungen, vor innerm Verderben zu 
sichern. Das Bedürfnis der Religion liegt am Tage; der Mensch kann 
sich selbst nicht helfen, er braucht höhere Hülfe" —; oder in dem Zeug 
nis eines Herbartianers: „Gewiß ist, daß keine Philosophie, auch die 
jenige nicht, deren Prinzipien, Methoden und Konsequenzen als richtig 
anzuerkennen sind, das reine, wahre, echte Christentum und seinen Segen 
ersetzen kann." (s. S. 102, Heft 4.) 
Ich: Trefflich! Sie sehen also, daß man wohl mit Rücksicht auf 
solche und viele ähnliche Zeugnisse behaupten kann: „die Herbartische 
Schule begünstigt das Christentum, sie leistet ihm die allerwich- 
tigften Dienste (S. 101 und 102), sie erkennt es auch offen an, „daß 
die christliche Weltanschauung als einzig befriedigende Ergänzung der 
philosophischen Erkenntnis anzusehen sei." (s. S. 104.) 
B.: Sie reden wohl nicht im Ernst? Ich meine, wir werden
	        

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