Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

„Wissenschaftliche" und „evangelische" Pädagogik. 365 
ihre Jünger vollständig, gründlichst überzeugt, daß sie im Recht sind. 
Sollten Sie indessen meinen, daß dieses auch bei ihren Gegnern, wie 
Trendelenburg, Überweg, Rosenkranz rc. der Fall sei, so wären sie in 
gröblichem Irrtum. Ich erinnere mich eben, wie sich Rosenkranz eines 
Tages in einer seiner letzten Vorlesungen spöttisch erging über die „Wort 
klaubereien und Schraubereien" gewisser Herbartianer, insbesondere ihr Sein 
und Seiendes (s. auch S. 108, Heft 4). Er machte dabei unter anderm 
die Bemerkung: Wer will einem Mohren die dunkle Farbe nehmen oder 
einem Parder die Flecken? — worauf mein Nebenmann, ein bibelfester 
Jüngling, halblaut anwortete: „Matth. 19, 26." —Ich meinesteils bin 
durch die Herren Allihn, Zimmermann rc. keineswegs überzeugt worden. 
Möchten sich doch die Herren nicht einbilden, daß sie für gewisse, von 
verschiedenen Seiten angefochtene Grundanschauungen ihres Systems wirk 
lich durchschlagende, allen Widerspruch verstummen machende Beweise 
beibringen könnten! Wenn ich jemals mit Jüngern Herbarts über gewisse 
dunkle, anfechtbare Positionen in ihrem System in Streit geraten sollte, 
so würde ich denselben zunächst vorführen, daß Herbart bei bedeutenden 
Philosophen Widerspruch gefunden hat und noch findet (Lotze—Hart 
mann rc.). — (Ich sagte hierauf leise für mich: Das ist ganz meine 
Meinung; demgemäß meine Darlegung Heft 1 d. I. des „Monatsbl." 
S. 7, 8 rc. und darum erscheint die ganze Auseinandersetzung S. 107, 
108 recht überflüssig!) Mögen es doch, fuhr Herr B. fort, die Herren 
„Philosophen von Fach" unter sich auszumachen suchen, ob sie über frag 
liche Grundanschauungen ihrer Systeme sich einigen können. Indessen 
ist leider, nach allen darüber gemachten Erfahrungen, nicht zu erwarten, 
daß sie einander jemals überzeugen werden. Oft liegt es ja nur daran, 
daß ihre Theoreme auf Wörtern und Erklärungen ruhen, „bei denen 
jeder nach seinem subjektiven Ermessen etwas anderes denkt." 
(„denn die eigentliche Erkenntnis der Wahrheit besteht nicht in Worten, 
sondern in Begriffen und deren richtiger Verbindung, während die Worte 
nur die äußerlichen, oft vieldeutigen Zeichen sind." H. Glöckner s. S. 102, 
Heft 4.) In besonders geistvoller Weise weiß unser Hamann den „philo 
sophischen Urbetrug, der Worte für Sachen ausgibt", als solchen 
zu zeigen. „Aus Wörtern oder Erklärungen läßt sich weder mehr 
noch weniger herausbringen als jeder darein legen will oder gelegt 
hat." Ich vermute, sagt Hamann auch einmal treffend, „daß unsere 
ganze Philosophie mehr aus Sprache als Vernunft besteht, und die 
Mißverständnisse unzähliger Wörter, die Prosopopöien der willkürlichsten
	        

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