Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

366 Settau, „Wissenschaftliche" und „evangelische" Pädagogik. 
Abstraktionen, die Antithesis rfjs ipsvdovvnov yvojosajg, ja selbst die 
gemeinsten Redesiguren des sensus communis haben eine ganze Welt 
von Fragen hervorgebracht, die mit ebensowenig Grund aufgeworfen als 
beantwortet werden. Viele Kunstwörter der philosophischen Sprache sind 
nicht viel besser als wächserne Nasen." „Jeder Mensch ist der Schöpfer 
und das Urbild seiner ihm gesunden Vernunft, sein Charakter bestimmt 
den seiner Vernunft." Ähnliches hat auch I. Paul mit seinem trefflichen 
Ausspruch im Sinn: „Der Glaube ruht eben nicht auf vereinzelten Be 
weisen, wie auf Pfählen oder Füßen, die man nur umzubrechen brauchte, 
um ihn umzustürzen, sondern er wurzelt mit tausend unsichtbaren Fäden 
auf dem breiten Boden des Gefühls; man kann darum jemanden bis 
zum Verstummen widerlegen, ohne ihn zu überzeugen." (Eine außer 
ordentlich interessante, geistvolle Ausführung dieser Gedanken findet sich 
in Hamanns „Zweifel und Einfälle" und in seinem „Golgatha und 
Scheblimini." Diese letztere kleine „musivische Schrift" ist aus lauter 
Stellen des Mendelssohnschen „Jerusalem" zusammengesetzt, womit M. 
„seine Unwissenheit im Judentum und seine Feindschaft gegen das Christen 
tum", welches er „religiöse Macht" nennt, zu bemänteln sucht. Hamann 
mißt Mendelssohn bloß mit Mendelssohn selbst, nach seinem eignen 
Maße, legt aber den Worten, die jener anwendet, einen andern Sinn 
unter, und zeigt so am eignen Exempel, was von Worterklärungen, welche 
man an Stelle von Realitäten setzt oder ohne weiteres für Realitäten 
ausgibt, zu halten sei, auch ohne der logischen Konsequenz ins 
Angesicht zu schlagen). Die tapfern philosophischen Kampfhähne, 
die sich mit diesem Gedankengange nicht befreunden können, werden 
hoffentlich mit der Zeit auf denselben vernünftigen Rat kommen, den der 
alte Rationalist Nikolai seinem Widerpart Hamann erteilte, als ihm 
dieser einmal (s. „Zweifel und Einfälle") klar gemacht hatte, daß der 
Glaube zu den natürlichen Bedingungen unserer Erkennt 
niskräfte und zu den Grundtrieben unserer Seele gehört, daß 
jeder allgemeine Satz auf gutem Glauben beruht und alle Abstrak 
tionen willkürlich sind und sein müssen. 
Ich: Nun, was antwortete der Berliner Freigeist? 
B.: „Da mit Leuten, welche so große Geheimnisse wissen, nicht 
wohl kann gestritten werden und die Jungfer Abigail die gesunde Vernunft 
für eitel Selbstruhm, den Glauben aber für einen Grundtrieb 
unserer Seele zu halten versichert, so machen wir kurz die Thür 
auf und sagen: Jüngferchen oder Weibchen oder was du sonst bist, es 
ist Raum für dich und uns in der Welt." (Schluß folgt.)
	        

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