Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Was soll noch endlich daraus werden? 
auch so schreibt, wie man spricht. Neben den Briefen, die man 
empfängt, sind es unsere lieben Zeitungen vor allem, welche darin das 
Äußerste leisten. Unsere politischen Zeitungen zunächst huldigen zum 
großen Teil einer so nachlässigen Schreibweise, daß sie auch die auffällig 
sten Sprachfehler und Provinzialismen sich gestatten, ja oft sogar wie 
die kleinen Kinder reden. Nun zählen aber leider in unserem Volke die 
jenigen, die nichts weiter lesen als eine oder mehrere politische Zeitungen 
(und welches Geistes Kinder sind die oftmals!) nach Tausenden, und, da 
es ihnen selbst zumeist an Sprachgefühl, an Sinn für ihre Muttersprache 
und an einiger sprachlichen Bildung fehlt, so nehmen sie aus diesen 
Quellen ihrer Bildung zwar selten den ganzen Stil, aber doch gerade 
die neuen Wendungen und Wörter derselben in ihre Sprache auf, — zu 
meist ganz unbewußt, etwa so, wie im Zeitraum eines Menschenalters 
der Dialekt eines Städtchens durch den Einfluß einiger besonders nach 
lässig redenden Tonangeber sich auffallend veränderte. 
Ich fand neulich irgendwo den Gedanken ausgesprochen, man könne 
es unsern Zeitungsredakteuren bei der Hast, mit welcher sie zu arbeiten 
gezwungen sind, nicht verdenken, wenn sie unrichtig schreiben; wir aber 
meinen: wer sich einmal zum Zeitungsschreiber, d. h. zum Lehrer und 
Sprecher des Volks, auswerfe, solle seine Muttersprache soweit in seiner 
Gewalt haben, daß er sie auch in der Eile, wenn auch nicht geschmack 
voll und gewandt, so doch wenigstens richtig zu schreiben wisse; er müsse 
sich stets bewußt bleiben, ob er gerade Volks dialekt, Beamtensprache 
oder Studentendeutsch anstatt Schriftdeutsch in die Feder nehme. 
Jene dreierlei Spracharten sind es nämlich, aus denen man seit 
einigen Jahren die unschönen Lappen nimmt, welche man auf das herr 
liche Kleid unserer teueren Muttersprache zu flicken beliebt, so daß, wenn 
man in gleicher Weise fortfährt, die Zeit nicht mehr fern ist, wo man 
vor lauter Lappen nichts mehr von diesem Kleide sehen wird, mit andern 
Worten, wo die deutsche Sprache vollständig umgestaltet, d. h. unwieder 
bringlich verderbt sein wird. Von der kindischen Ausdrucksweise, die 
wir oben berührten, wollen wir nicht weiter reden, weil es zu weit führen 
würde. „Er äußerte zu einem Engländer", — „die ihnen zuwideren 
Schweizerpillen", — „die Gewalt ist in den Händen des Präfekten ver 
sammelt", — er hatte den Verkehrten im Verdacht", — das nenne 
ich Kindersprache. Auch von einer anderen Art von Lappen, von 
den Fremdwörtern, wenn man sie auch da gebraucht, wo ein bezeich 
nendes deutsches Wort zu geböte stehen sollte, wollen wir diesmal nicht
	        

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